Joanna Bator: Sandberg

Suhrkamp Verlag Berlin 2011, 492 S., ISBN: 978-3-518-42222-9 (auch als TB und ebook erhältlich)

Vor einigen Jahren besuchte ich Szczecin, wo meine Großeltern lebten, als die Stadt noch Stettin genannt wurde und eine deutsche Hafenstadt an der Oder war. Zu großen Teilen kamen die Vorfahren meiner Familie aus Gegenden östlich der Oder (auf der Höhe zwischen Frankfurt-Oder und Stettin) die heute in Westpolen liegen. Deshalb ist mir die Problematik der Zwangsumsiedlungen der Ostpolen in die neuen westpolnischen Gebiete nach dem Potsdamer Abkommen von 1945 nicht unbekannt. Genau diese Problematik behandelt Sandberg, ein 2009 in Polen erschienener, zu Recht gefeierter Roman der 1968 ebendort geborenen Schriftstellerin Joanna Bator. Grund genug, mich mit diesem knapp 500 Seiten starken Buch zu befassen.

Sandberg, das ist ein in den 60er-Jahren in der niederschlesischen Bergbaustadt Walbrzych errichteter Wohnblock , in dem die eigensinnige und mathematisch begabte Dominika aufwächst. Erzählt wird nicht nur über ihr Erwachsenwerden an diesem ungeliebten, vormals von Deutschen bewohnten Ort, sondern auch über das Leben ihrer Mutter und Großmütter. Auch Väter kommen vor, aber sie spielen in diesem Roman meist wenig glorreiche Nebenrollen. Der Roman spannt einen Bogen über drei Generationen, vom 2. Weltkrieg, der sozialistischen Ära, über die Zeit nach der Wende, handelt von Entfremdung, dem „Nachdeutschen“ und kaum verstecktem Antisemitismus, von Träumen und Enttäuschungen, von Vertreibung und Katholizismus. Ist Dominika die eigentliche Heldin, so wird neben dem Leben ihrer Großmütter vor allem dem ihrer Mutter Jadzia viel Raum gegeben. In vielen Vor- und Rückblenden, die für die Leser immer nachvollziehbar bleiben, wird dieser Kosmos ausgebreitet. Es ist ein Buch über Polen, über Mutter-Tochter-Beziehungen und das Heranwachsen in einer Generation von Entfremdeten. Und das alles in einer wunderbaren, poetischen, aber auch sehr körperlichen, nie beschönigenden Sprache. Selbst der Plot kommt nicht zu kurz, es gibt reichlich Spannung, überraschende Wendungen und zu Herzen gehende Szenen. Daß ich diesen Roman uneingeschränkt empfehlen würde, wäre zu wenig gesagt. Es schlicht eines der grandiosesten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Hier geht es zu einer Leseprobe, die der Suhrkamp-Verlag anbietet.

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