Ramez Naam: Nexus

Heyne, 2014, ISBN 978-3-453-31560-0, 624 S., auch als eBook erhältlich

Um die abgedrehte Handlung dieses futuristisch-wissenschaftlichen Thrillers zu umreißen, bemühe ich den Verlagstext: „Die nahe Zukunft: Die Nano-Droge Nexus ermöglicht es den Menschen, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu überschreiten und mit dem Bewusstsein anderer in Verbindung zu treten – ein gewaltiger Schritt in der Evolution des Menschen. Als jedoch eine Gruppe skrupelloser Wissenschaftler Nexus für ihre eigenen Zwecke missbraucht, zwingt die US-Regierung den jungen Nano-Techniker Kade Lane, sich in die Organisation einzuschleusen, um ihrem Treiben ein Ende zu bereiten. Lane gerät in einen Strudel aus Machtgier, Korruption und Mord …“

Also gut, der Reihe nach: Die Droge Nano wird mit einem Betriebssystem und dem menschlichen Gehirn verbunden und ermöglicht den Austausch zwischen menschlichen Gehirnen in bis dato unbekanntem Umfang. Die Gehirne von Individuen können sich berühren und eine Art Weltgeist ist für die Zukunft denkbar. Kade Lane hat die Droge entscheidend weiter entwickelt und experimentiert mit Hilfe eines eingeschworenen Freundeskreises. Das Ganze ist allerdings in hohem Maße illegal. Die amerikanische Regierung fürchtet Machtverlust und Wissenschaftler auf dem Gebiet des Trans- und Posthumanismus werden verfolgt. So schleust die Regierung eine Agentin in einer der Nexus-Partys ein, die Gruppe fliegt auf und Lane wird gezwungen der Regierung bei der Aufdeckung der Machenschaften einer chinesischen Wissenschaftlerin, die auf sehr ähnlichem Gebiet Erfolge feiert, zu unterstützen. Lane hat keine Wahl, ihm und seiner Gruppe drohen erhebliche Strafen. Soweit und in aller Kürze die Grundsituation von Nexus, den ersten Teil einer Trilogie. Die weiteren Teile, Crux und Apex, sind bereits erschienen.

Ramez Naam ist unter anderem ein bekannter Nanoforscher (und eher aus „Liebhaberei“ unter die Schriftsteller gegangen), er weiß also wovon er spricht. Die Weiterentwicklung des Menschen ins Transhumanische (Menschen, die in Aspekten normale menschliche Fähigkeiten weit übertreffen) und schließlich ins Posthumanische (Wesen, die das Menschsein hinter sich gelassen haben) stehe in unserer Gegenwart zwar nicht unmittelbar bevor, aber erste Erfolge auf diesem Gebiet (z. B. in der Hirnforschung) seien bereits zu verzeichnen, wie Raamez Naam in seinem nicht uninteressanten Nachwort darlegt. Und so darf man hoffen, daß hier kein reiner Actionthriller geliefert wird, sondern Wesentliches über wissenschaftliche und gesellschaftliche Aspekte dieses Themas zu erfahren ist und ein profunder Blick in die Zukunft geworfen wird.

So gibt es in dem Roman auch seitenweise dialogische Auseinandersetzung über Verantwortung und Freiheit der Wissenschaft. Der Buddhismus wird neben vielen bekannten Philosophen häufig zitiert, da dessen Lehre von der Einheit des menschlichen Geistes mit dieser neuen Technologie (eine Art Buddhismus 2.0) viele Berührungspunkte hat. Aber all diese Erörterungen wirken ebenso wie die Beschreibung politischer Verhältnisse (immer mit Bezug zu unserer Gegenwart) aufgesetzt, künstlich, nicht wirklich in die Geschichte verwoben. Man merkt dem Roman auch stilistisch an, daß dessen Autor hier seinen Erstling verfaßt hat. Das soll nicht heißen, daß gar keine anregenden Aspekte dieses relativ neuen Wissenschaftszweiges zu betrachten wären. Alles in allem aber bleiben diese zu sehr an der Oberfläche und werden schablonenhaft diskutiert: Laßt die Wissenschaft den Wissenschaftlerinnen und deren Erfolge dem Volk und alles wird gut, so lautet am Schluß das Credo. Und die Charaktere selbst? Die Attribute schablonenhaft und oberflächlich können auch der Figurenzeichnung angeheftet werden. Das allerdings kann man diesem Genre vielleicht auch mal verzeihen. Am Schluß die Handlung: Ist der Roman spannend, kann er mitreissen? Eindeutige Antwort: Er kann es nicht. Die doch immerhin 600 Seiten haben mir einiges abverlangt. Im dominierenden Mittelteil des Romans wird gehauen, gestochen, geschossen und massakriert, daß es eine Freude (oder eben keine) ist. Das ist alles nicht schön, sehr ermüdend und steht in seltsamen Kontrast zu den für mein Gefühl etwas seichten gesellschaftlich-philosophischen Passagen des Romans.

Ich mag eigentlich keine Abwatschereien. Und wenn ich das diesmal doch tue, dann weil ich mich geärgert habe. Es wäre wirklich ein interessantes Thema und ich nehme gerne literarische Empfehlungen diesbezüglich entgegen, es muß ja nicht immer gleich Dietmar Dath sein. Nexus jedenfalls löst seine Versprechungen nicht ein.

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