Anselm Neft: Hell

Satyr Verlag 2013, 256 S., ISBN: 978-3944035031, auch als eBook erhältlich.

Zeit ist Luxus. Das ist keine leere Floskel, sondern entspringt realem Leben mit Leidenschaften und der Notwendigkeit eines Achtstundenarbeitstages. Es braucht also Auswahl und Konzentration. Was das Lesen betrifft, so helfen mir diverse Literatur-Blogs und Podcasts. Einer der von mir geschätzten Podcasts heißt Tsundoku (das ist japanisch und meint die Angewohnheit, gekaufte Bücher ungelesen in Regalen zu stapeln), wird von Andrea Diener betrieben und beschäftigt sich gut informiert und wunderbar unaufgeregt mit Büchern. In ihrer letzten Sendung stellte sie unter anderem Anselm Neft und seinen beiden Romanen „Hell” (2013) und „Vom Licht” (2016) vor. Das hatte nun Folgen.

Der Name Anselm Neft sagte mir etwas. War ich doch, wenn auch nur für kurze Zeit, Abonnentin der Zeitschrift für komische Literatur „Exot”, deren Mitherausgeber Neft war. Seit 2016 gibt es die Zeitschrift nicht mehr. Anselm Neft schreibt und schrieb unter anderem für die TAZ, die Titanic, für den Tagesspiegel oder die Welt. Neben Satiren und Glossen fertigte er eben auch die zwei angesprochenen Romane, was bis jetzt nicht in mein Bewußtsein gedrungen war. Dies hat sich nun, Frau Diener sei Dank, geändert, und zwar gründlich. Der Titel „Hell” könnte Hölle oder Hell im Sinne von erleuchtet bedeutet. Tatsächlich ist es der Familienname des 26-jährigen Helden und Erzählers Thomas Hell. Dieser ist offensichtlich auf dem besten Wege, sich ein handfestes Alkoholproblem einzuhandeln:

Ich heiße Thomas Hell, bin sechsundzwanzig Jahre alt, Sternzeichen Krebs, im keltischen Baumhoroskop Tanne. Zurzeit arbeite ich in Nikolais Abteilung bei CPC als Ichweiß-nicht-was. Meine Hobbys sind Kochen und Saufen. Noch Fragen? (Anselm Neft „Hell”)

Außerdem leidet er unter einem seltsamen Kaufhaustraum: Er träumt, erschreckend real, in einer Kaufhausetage zu leben, das unendliche Wonnen verspricht und gleichzeitig ein Gefängnis zu sein scheint:

Ich konnte dort alles kaufen, auch Superkräfte und Erinnerungen und Freunde und andere Familien, bei denen ich wohnte, während die Menschen, die mich schließlich zum Psychologen brachten, nur in Träumen auftauchten, in denen ich mich ohnehin niemandem verständlich machen konnte. (Anselm Neft „Hell”)

Dieser leicht schräge, aber sympathische Hell baggert in einem Bonner Karstadt Bistro die junge Informatikerin Sophie Tolma an. Die große Liebe? Überraschend stellt die sich sarkastisch gebende Sophie Thomas nach kurzer Zeit ihrer Mutter vor, die nicht minder seltsam auftritt und in einem vollständig zugemüllten Haus wohnt. Doch dann, wie aus dem Nichts verschwindet Sophie plötzlich und Thomas Hell macht sich auf die Suche nach ihr. Er wird dabei von Sophies Bruder Nikolai unterstützt. Damit sind die Hauptdarsteller fast schon genannt, zu erwähnen wären noch Hells Vater und unbedingt der Hund Vergil. Allerdings verbietet es sich ab jetzt, noch mehr von Handlung zu verraten.

Aufgeteilt ist der Roman, der schnell zu einer Art Thriller mutiert, in drei Teile: Einem relativ realistischen, etwas flapsig erzählten ersten Part, dann wird es zunehmend geheimnisvoller und im letzten Teil gleitet der Roman ins Phantastische mit langen Traumsequenzen. Aber keine Angst, die Auflösung ist dann durchaus realistisch, wenn auch ziemlich erschreckend. Der Ton des Erzählers ist komisch, lakonisch, nicht selten witzig. Aber Neft gelingt es, die Balance zu halten und das in jeder Beziehung:  Liebesgeschichte, Krimi, Realsatire, Psychologie des Unbewußten, von allem ist etwas dabei und wird auf äußerst gelungene Art und Weise miteinander kombiniert. Einige Kritiker haben den Stil in „Hell” aufgrund der phantastischen Elemente mit dem des großen Murakamis verglichen. Da ist vielleicht etwas dran, ich aber meine schlicht, daß dies ein etwas anders erzählter Roman ist, erfrischend, neu, spannend, wunderbar unterhaltend und eine unbedingte Leseempfehlung.

Noch etwas zur eBook-Ausgabe (die Freunde der Haptik können jetzt aufhören zu lesen): Leider ist diese Ausgabe ein Beispiel für eine misslungenes eBook. Der Stylesheet ist dermaßen überfrachtet, daß er auf manchen Reader (z. B. beim populären Tolino) zu äußerst breiten Seitenrändern führt und unter Absätzen unnötig vergrößerte Zeilenabstände generiert. Immerhin wird das Buch ohne Kopierschutz angeboten. Ich rate, sich vor dem Kauf eine Leseprobe herunterzuladen und auf dem eigenen Reader vorab zu testen. Amazon bietet diese standesgemäß an, was EPUBs betrifft, so gibt es zum Beispiel bei Hugendubel Leseproben zum Gratisdownload. Gegebenenfalls dann doch lieber zur Buchausgabe greifen.

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