Bob Brozman: Fire In The Mind

Nein, ein introvertierter Sänger und Gitarrist ist Bob Brozman nicht: Rasante Läufe, kraftvolle Strums, überraschende Stops, Percussions auf dem Gitarrenkorpus, zwischendurch die Gitarre einmal durch die Luft, dreimal gedreht, selbstverständlich ohne den Spielfluß zu unterbrechen… wer irgendwann einmal einen Auftritt von Bob Brozman erlebt hat, weiß wovon gesprochen wird. Seine Fans mögen das, schließlich bekommen sie die schönsten National Steel oder Bear Creek Gitarren von einem Künstler präsentiert, der alles, was irgend möglich ist, aus diesen Instrumenten herausholt. Aber es gibt auch Zuhörer, die nach einem solchen Auftritt mit gemischten Gefühlen den Heimweg antreten: Eine ohne jeden Zweifel perfekte Show haben sie gesehen, aber es hat etwas gefehlt. Etwas, das nicht nur den Mund anderthalb Stunden offen stehen läßt, sondern auch Herz und Seele berührt. Und nun kommt die neunzehnte CD daher, FIRE IN THE MIND, und der Meister selbst kündigt an, daß diese CD musikalisch weiter und tiefer als seine bisherigen Veröffentlichungen ginge. Selten war ich bei einer neuen CD so gespannt, was ich zu hören bekomme.

Das Personal ist rasch aufgezählt: Jim Norris unterstützt Bob an den Drums, Daniel Shane Thomas an der Triangel, am Akkordeon (Banm Kalou Banm) und begleitender Gesang bei Rhythm Is The King. Und der Rest: Gesang, Nationals, Bear Creek, Hawaiian Guitar, Django-style guitar, Cello-Banjo, 1920er Stella, Marimbas, Percussions, Dugi, Ukulele, Baglama, Chaturangui… das alles nimmt per Overdubbing Bob Brozman persönlich in seine Hände. Das Genre: Bob ist ein Musikethnologe, und wenn ich alle Einflüsse, die in diesem Werk eingegangen sind, aufzählen sollte, wäre ich schlicht überfordert. Diese CD reist in knapp 48 Minuten und in 11 Etappen einmal um die Welt. Vielleicht könnte man sagen, daß ein Schwerpunkt auf Blues- und indischen Einflüssen liegt.

Los gehts mit Breathing The Blues, dunkle Akkorde auf der National, ein kurzes Bluesthema wird angestimmt und von einer Handvoll Instrumenten durchimprovisiert, Bobs Stimme wird zum weiteren Instrument und man ahnt, was einen hier erwartet. Dann wird aufs Tempo gedrückt: Nach wenigen Takten in Cannibal Stomp übernimmt die Chaturangui, eine Hindustani Slide Guitar, aber nur kurz, schon kommt Django um die Ecke und es geht hin und her in wahnwitzigem Tempo. Nun brauchts etwas Erholung, ruhige, wehmütige Slides und Akkorde, doch spätestens mit dem Text geht einem ein Licht auf „It‘s a lonely, lonely country/ When you‘re out on your own/ They‘ve stolen everything/ And drove you from your own“: In American House Fire Blues gehts um die Lage einer Nation. Ehrlicher und berührender Blues, Brozman kann es! Und wieder nehmen wir Fahrt auf: Indien, Karibik, Drums und Percussions, folgerichtig heißt das Stück Rhythm Is The Thing. In Strange Mind Blues macht man sich ein bißchen Sorgen um Bob „I know I was born to die/ But I hate to leave you crying“, wunderbarer Gesang! Weiter gehts im Django Reinhardt Stil (zumindest zu Beginn): Blue Mars Over Sorrento, so flott und spektakulär wie entspannt. Monsieur Brozman kann auch Mussette: Banm Kalou Banm, stilecht mit Akkordeon und französischem Text, einer meiner Lieblingsstücke auf der CD. Ow! My Uke‘s On Fire, hier ist der Titel Programm und Bobs Ukulelen geben ihr Bestes. Gleiches gilt für Nightmares And Dreams: Die indische Slideguitar unterstreicht den fast psychedelischen Charakter aufs Feinste, Erholung die man braucht nach dem rasanten Ukulelen-Tanz. „The days are long/ But the years fly by“, wieder gibt Bob eine Kostprobe seiner gesanglichen Möglichkeiten, Memory Blues ist ein ganz wunderbares Stück. Der Höhepunkt aber am Schluß: Lonesome Blues, man erkennt sofort den typischen Skip James Sound. Bob Brozman schafft es, die Melancholie der Stücke dieser Blueslegende auf sein Spiel zu übertragen. Dieser Song könnte im musikalischen Sinne Programm für die ganze CD sein: Bob nimmt sich zurück, nichts zuviel, keine Artistik, alle Konzentration auf die Musik. Beeindruckend!

Bob Brozman hat sich mit dieser CD neu erfunden. Fans, die seine Show mögen, werden nicht enttäuscht sein, denn es ist genug Brozman in diesen elf Stücken enthalten. Fans, die sich immer schon ein wenig mehr musikalische Demut und weniger Show gewünscht haben, werden begeistert sein. Ein großartiger Wurf, unbedingt mehr davon! Nur schade, daß das so wohl nie live zu hören sein wird.

Nachtrag, kein halbes Jahr später:
Am 23.04.2013 starb Bob Brozman mit 59 Jahren. So ist diese CD als sein Vermächtnis anzusehen. Danke Bob! Ruhe in Frieden.

(Dies ist eine Kopie meiner Rezension für rockblogbluesspot.com)

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