Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Liebeskind Verlagsbuchhandlung, 2011, ISBN 9783935890854, 302 Seiten, auch als Ebook erhältlich.

Bestie Mensch. Auf knappe dreihundert Seiten eine Ansammlung von Brutalität, Tücke, Amoralität, Hinterlist und religiöser Perversität. Menschen am Abgrund und in Düsternis, den Schein von Zivilisation vortäuschend. Hauptsächlich in Virginia und Knockemstiff/Ohio spielt Ende der 1950er und während der 1960er Jahre dieser menschliche Irrsinn. Als puren Trash könnte man diesen Roman abtun, wäre da nicht noch einiges mehr, das dieses Buch auf eine Stufe mit Cormac McCarthys „Verlorene” stellt. Mehr lesen

Carl Nixon: Fish ‘n‘ Chip Shop Song und andere Geschichten

Übersetzt von Kim Keller, Martina Schmid und Sophie Sumburane. Digitale Originalausgabe. CulturBooks Album, März 2016. 215 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-037-

Ich krame in meinem Gedächtnis: Wann habe ich das letzte Mal einen Erzählband bis zum Ende ausgelesen? Ich glaube, das tat ich noch nie. Bis auf dieses eine Mal. Fünfzehn Geschichten des Neuseeländers Carl Nixon. Alle spielen in Neuseeland, könnten aber auch an jedem anderen Ort spielen. Nicht selten geht es um Vater-Sohn-Beziehungen (man kann ja durchaus auch mal über den Tellerrand hinausschauen), ansonsten zeigen sich die Erzählungen sehr abwechslungsreich, auch was Stil und Erzählperspektive angeht. Da geht es um eine jäh beendete Idylle und einen bedauernswerten Papagei, um das kurze Glück eines Obsthändlers, um eine eigenartige Verführung, die fotografische Idee eines Vaters, die Wut von Pensionären oder die Routine eines Treffens von Vater und Sohn, die plötzlich keine mehr ist. Man ist etwa in der Hälfte der Sammlung angekommen und trifft auf die titelgebende Erzählung „Fish ‘n‘ Chip Shop Song”: langweiliger Automatismus, eingefangen in einem Refrain mit einem Schuss Romantik, ein geniales Stück. Im zweiten Teil taucht dann plötzlich eine Person auf, die man bereits zu kennen meint. Man wischt zurück, ach ja stimmt, dann liest man weiter. Mehr lesen

Max Annas: Die Mauer

Rowohlt Taschenbuch, 2016, 220 S., ISBN: 349927163X, auch als E-Book erhältlich

„Das ist große Erzählkunst. Lesen sie das. Sofort. Für mich schon jetzt der beste Krimi des Jahres” befiehlt der Rezensent der Krimikolumne des Bücherdiwans Andreas Ammer ins Mikrophon. Nun gut, meinen Band mit Erzählungen von Carl Nixon kann ich durchaus mal unterbrechen, um den hochgelobten Krimi von Max Annas dazwischen zu schieben. Man ist ja doch neugierig. Immerhin steht der Roman auf Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste. Ist also erfolgreich wie sein Vorgänger „Die Farm”, der mit dem deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Ich folge dem Rezensenten. Mehr lesen

Wilhelm Raabe: Der Schüdderump

Antiquarisch, als eBook oder als PDF-Download erhältlich. 379 Seiten in der Braunschweiger Ausgabe, Band 8.

Ich lese gern und immer wieder Romane von Wilhelm Raabe (1831-1910). Ich mag die scheinbare Behaglichkeit, hinter der jederzeit eine Katastrophe lauern mag, diese etwas umständliche, manchmal an Jean Paul erinnernde Erzählweise, deren Handlung aber zielgerichtet vorangetrieben wird. Überhaupt: Raabe zu lesen bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, sowohl was das Erzählte, als auch die literarische Form angeht. Hier sind entschleunigtes Lesen und Einlassen auf einen sehr eigenen Erzählstil gefragt, die Belohnung folgt garantiert. Raabe hat sehr viel geschrieben, denn er war ein Berufsschriftsteller. Nicht alles ist gut, vieles aber großartig und wer etwas vom bürgerlichen Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts (Gesellschaftskritik eingeschlossen) wissen will, kommt an Raabe nicht vorbei. „Der Schüdderump“ (1870) ist aus seiner mittleren Periode. Neben dem unsäglichen „Der Hungerpastor“ (1863) und dem interessanten „Abu Telfan“ (1867) stellt „Der Schüdderump“ den Höhepunkt der Stuttgarter Trilogie dar und leitet zu den folgenden großartigen Romanen und Erzählungen der späteren Werke. Vor einer Woche habe ich den Schüdderump ausgelesen und bin noch ganz angefüllt von der Lektüre. Und da es draußen unerträglich schwül und heiß ist und die Hausarbeit auch nicht übermäßig lockt, sollen ein paar Zeilen über diesen wunderbar-traurigen Roman aufgeschrieben werden. Mehr lesen

Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger

Diogenes 2013, ISBN 978-3-257-24224-9, 592 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Fragt man mich nach meinen Lieblingsbüchern, so nenne ich neben anderen auch gern „Das Herz ist ein einsamer Jäger (The heart is a lonely hunter)“ von Carson McCullers. Ich verschenke das Buch sehr oft, selbst gelesen habe ich es vor vielen, vielen Jahren. Als ich vor wenigen Wochen das Buch wieder einmal als Geschenk verpackt habe, kamen mir die Idee und auch die große Lust, es erneut zur Hand zu nehmen. Es ist bekanntlich immer eine spannende Angelegenheit, ein geliebtes Buch nach langer Zeit wieder zu lesen. Enttäuschung, neue Perspektiven, Déjà-vu-Erlebnisse, Bewußtwerdung der eigenen Entwicklung … vieles ist möglich und so war ich sehr gespannt. Mehr lesen

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

C.H.Beck, 2014, ISBN 978-3-406-66751-0, 528 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Kriegsende vor siebzig Jahren, da war es auch an mir, eine zum Ereignis passende Neuerscheinung zu lesen. Fast neu, denn „Alles Licht, das wir nicht sehe“ erschien bereits 2014 als deutsche Übersetzung. Inzwischen gibt es viele positive Besprechungen hierzulande und Anthony Doerr hat für den Roman den Pulitzerpreis 2015 in der Sparte Belletristik erhalten. Mehr lesen

Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung

Hoffmann und Campe, 240 Seiten, ISBN 978-3-455-40418-0

Eine Konstruktion wie ein Escher-Bild, so oder so ähnlich könnte man dieses Buch nach seiner Besonderheit gefragt beschreiben: Der Held (und Freund des Autors) Benjamin Lee Baumgärtner verliebt sich immer wieder aufs Neue an Orten (London bis Bienenbüttel), an denen grad eine Seuche (von Rinderwahnsinn bis  EHEC) ausbricht. Nebenher sucht er nach seinem indianisch-stämmigen Vater. Im Buch treten aber auch das Buch selbst und der Autor auf. Situationen werden typografisch dargestellt und verdeutlicht (ein Hoch auf die Druckkunst!) und um zu zeigen, wie man nichts versteht, wenn in einem Raum chinesisch gesprochen wird, werden schon einmal ein paar Seiten mit chinesischen Schriftzeichen gedruckt. Das ist intelligente Spielerei, ohne Frage gelungen, aber mit der Zeit auch ermüdend. Ebenso wie das gewollte Verzögern der Handlung,um langen Diskussionen über Sprache Raum zu geben. Eine intellektuelle Spielwiese, auf der sich zu amüsieren Wolf Haas den Leser einlädt. Vom typisch lakonisch-flapsigen Haas-Ton bleibt bedauerlicher Weise zu oft nur die Weitschweifigkeit. Konstruktion frißt Flair, hätte mein Urteil gelautet, wäre da nicht der wirklich amüsante Schluß gewesen. Plötzlich wird wieder erzählt, überraschend und sehr witzig. Ich schließe das Buch lachend, aber auch ein wenig ratlos. Mehr lesen

Roman von URSULA KRECHEL

LANDGERICHT
Jung und Jung, 496 Seiten, ISBN 978-3-99027-024-0

Warum lese ich diesen Roman? Aufmerksam geworden wurde ich wieder einmal durch den Bücherdiwan auf Bayern 2, sowie den vielen Berichten in den Medien, denn Frau Krechel hat dieses Jahr für Landgericht den Deutschen Buchpreis erhalten. Und ich interessiere mich für Geschichte, vor allem Familiengeschichte. Was in den Köpfen der Menschen der jungen Bundesrepublik vor sich ging, ist für mich ein höchst interessantes Thema. Mehr lesen

Phantasy von VICTORIA SCHLEDERER

DES TEUFELS MASKERADE
Heyne Verlag, 544 Seiten, ISBN 978-3-453-52889-5

Dieser Buchtitel, das Cover mit stilisierten Flügeln und Maske verziert, rot, auf weißem Hintergrund… naja. Weiter lese ich auf der Rückseite und im Klappentext: Es ermittelt ein Büro für okkulte Angelegenheiten im Prag des Jahres 1909. Dejan Sirco, Hauptmann a.D und Hobby-Rennfahrer, ermittelt. Er wird unterstützt von eine lebensweisen Dirne namens Esther, Mirko, einem ehemaligen Straßenjungen, und nicht zuletzt von Lysander Sutcliffe, der, wirklich wahr, aufgrund eines magischen Unfalls als Otter leben muß. Der Fall? Nun, ein gewisser Felix Trubic, Geheimagent, wird von einem grausamen Familienfluch bedroht. Außerdem gibts da eine dunkle Verbindung aus Jugendtagen zu Dejan. Last but not least treibt Master Buckingham, seines Zeichens Vampir, sein Unwesen. Um ehrlich zu sein: das ist eher nichts für meinen Literaturgeschmack.
Doch es kam anders … und das kam so: „Fortunas Flug“, so heißt das aktuelle Buch von Victoria Schlederer, wurde sehr wohlwollenden im Bücherdiwan, den ich mir regelmäßig als Podcast auf mein iPhone lade und meist während meines Donauwalks höre, besprochen. Dabei wurde auch ihr Erstling und dessen Erfolg, eben „Des Teufels Maskerade“, erwähnt. Das machte mich neugierig und ließ mich ein preisgünstiges Mängelexemplar dieses 542 Seiten starken Debütromans erstehen und versuchen.
Zuerst fällt da die Form auf, „Des Teufels Maskerade“ ist nämlich eine Art Briefroman, genauer: die Handlung wird in Briefen und Tagebucheinträgen der Protagonisten erzählt. Das hat den Effekt, daß man allein durch die Sprache sich ins Zeitalter des Jugendstils zurückgeworfen fühlt. Der Roman spielt um 1909 mit Sprüngen zurück ans Ende des 19. Jahrhundert in Prag und Wien. Diese „Retrosprache“ ist der Autorin hervorragend gelungen, ganz ungekünstelt und mit viel Gespür für Witz und Ironie. Wer allerdings eine temporeiche Handlung erwartet, wird gänzlich enttäuscht. Finger weg! Denn selbst derjenige Leser, der viel Geduld aufbringt, wird manchmal ein wenig auf die Probe gestellt: das Buch hat durchaus Längen. Längen, die trotzdem unterhalten, aber man wünscht sich doch hier und da ein ganz klein wenig zügigeres Voranschreiten der Handlung, denn der Plot selbst paßt durchaus. Anders ausgedrückt: 350 statt über 500 Seiten, so wäre der Roman ein Hit gewesen. Noch ein kleine Schwäche sind die psychologisch nicht sehr fein gezeichneten Personen. Die Figuren sind überaus originell, wirklich nah kommen sie einem aber nicht. Das stört zwar nicht weiter, bleibt aber festzuhalten. So ist „Die Maskerade des Teufels“, angesiedelt zwischen den Genres Fantasy und Historischen Roman und doch ganz eigen, ein Buch, das richtig Appetit auf mehr macht: „Fortunas Flug“ ist bereits gekauft.