Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

C.H.Beck, 2014, ISBN 978-3-406-66751-0, 528 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Kriegsende vor siebzig Jahren, da war es auch an mir, eine zum Ereignis passende Neuerscheinung zu lesen. Fast neu, denn „Alles Licht, das wir nicht sehe“ erschien bereits 2014 als deutsche Übersetzung. Inzwischen gibt es viele positive Besprechungen hierzulande und Anthony Doerr hat für den Roman den Pulitzerpreis 2015 in der Sparte Belletristik erhalten. Mehr lesen

Die Ermittlungen im Falle des Oktoberfestattentats von 1980 – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Oktoberfest-Denkmal (Wikipedia)
Das eben begonnene Jahr könnte ein aufregendes für die noch lebenden und die Angehörigen und Freunde aller Opfer des Münchner Oktoberfestattentats von 1980 werden. Und ein aufregendes Jahr für Rechtsanwalt Werner Dietrich, der die Opfer des Anschlags seit Beginn an vertritt, sowie für Ulrich Chaussy, Journalist, Buchautor und ebenfalls seit den frühen 1980ern ein vehementer Kritiker der staatlichen Ermittlungen in diesem Fall. Im November letzten Jahres meldete die Süddeutsche Zeitung, daß die Bundesanwaltschaft erwäge, die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat wieder aufzunehmen, da auf Antrag des Opferanwalts Werner Dietrich eine neue, offensichtlich sehr glaubwürdige und wichtige Zeugin angeführt wurde. Diese Zeugin kenne den Namen eines zweiten Täters. Dieses Jahr nun die Meldung, daß der Generalbundesanwalt Harald Range von den deutschen Geheimdiensten die Herausgabe aller Akten, die in Bezug zum Attentat stünden, gefordert hätte. Auch wenn viele Chancen der Aufklärung des folgenreichsten Terroranschlags auf deutschen Boden längst vertan wurden (man denke nur an die Vernichtungen der Asservate und die heutigen Möglichkeiten der DNA-Analyse), scheint nun alles wieder auf Anfang gestellt. Vierunddreißig Jahre danach … Mehr lesen

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde

Atrium Verlag, Oktober 2013, ISBN: 3-85535-391-3, 320 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Der Roman erschien nach einigen vom Verlag verlangten Kürzungen und Änderungen 1931, wurde ein Erfolg und schon zwei Jahre später von den Nazis als entartet gebrandmarkt, schließlich verboten und verbrannt. Seit fast einem Jahr gibt es den Fabian nun ungekürzt, in seiner ursprünglichen Fassung und unter dem eigentlich vorgesehenen Titel Der Gang vor die Hunde auf dem Markt. Zu verdanken ist diese Rekonstruktion einer »imaginären Erstausgabe« dem Münchner Germanisten und Kästner-Biografen Sven Hanuschek. Kein neuer Fabian, vielmehr ist Der Gang vor die Hunde rauer, deftiger und erotischer. Eben nichts für Konfirmanden wie Kästner selbst sagte. Mehr lesen

Der digitale Britting wird aufgemöbelt..

„Der andere nickte, von wilder Hoffnung überwuchert, und sie gingen, entschlossen, ewig zu schweigen, auf die Haustüre zu, die sie wie ein schwarzes Loch verschluckte.“ Der letzte Satz der bekanntesten Erzählung des in Regensburg geborenen Dichters Georg Britting (1891-1964). Die Georg-Britting-Stiftung bietet erfreulicherweise die Ebook-Dateien der wichtigsten Werke an. Die Dateien gehören allerdings dringend überarbeitet, eine Arbeit, die ich vor ein paar Tagen in Absprache mit der Stiftung begonnen habe (zwei von zwanzig Ebooks sind fast fertig) und mich noch ein paar Wochen in Anspruch nehmen wird. Aber schon jetzt lohnt sich ein Blick auf die Georg Britting Seite. Es gibt zum Beispiel tolle Tonaufnahmen des lesenden Brittings.

Work on BrittingBei der Arbeit an dem Gedichtband „Der irdische Tag“. Nur ein wenig gestellt.

Joanna Bator: Sandberg

Suhrkamp Verlag Berlin 2011, 492 S., ISBN: 978-3-518-42222-9 (auch als TB und ebook erhältlich)

Vor einigen Jahren besuchte ich Szczecin, wo meine Großeltern lebten, als die Stadt noch Stettin genannt wurde und eine deutsche Hafenstadt an der Oder war. Zu großen Teilen kamen die Vorfahren meiner Familie aus Gegenden östlich der Oder (auf der Höhe zwischen Frankfurt-Oder und Stettin) die heute in Westpolen liegen. Deshalb ist mir die Problematik der Zwangsumsiedlungen der Ostpolen in die neuen westpolnischen Gebiete nach dem Potsdamer Abkommen von 1945 nicht unbekannt. Genau diese Problematik behandelt Sandberg, ein 2009 in Polen erschienener, zu Recht gefeierter Roman der 1968 ebendort geborenen Schriftstellerin Joanna Bator. Grund genug, mich mit diesem knapp 500 Seiten starken Buch zu befassen. Mehr lesen

Alex Capus: Léon und Louise

Hanser Verlag 2011, 320 S., ISBN 978-3-446-23630-1

Zu Beginn meiner Empfehlung, als eine Art bequem erzeugte Zusammenfassung, der Klappentext des Hanser Verlags zum Inhalt Alex Capus 2011 erschienen Romans „Léon und Louise“:

„Zwei junge Leute verlieben sich, aber der Krieg bringt sie auseinander: Das ist die Geschichte von Leon und Louise. Sie beginnt mit ihrer Begegnung im Ersten Weltkrieg in Frankreich an der Atlantikküste, doch dann trennt sie ein Fliegerangriff mit Gewalt. Sie halten einander für tot, Leon heiratet, Louise geht ihren eigenen Weg – bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Metro wiederbegegnen. Alex Capus erzählt von der Liebe in einem Jahrhundert der Kriege, von diesem Paar, das gegen alle Konventionen an seiner Liebe festhält und ein eigensinniges, manchmal unerhört komisches Doppelleben führt. Die Geschichte einer großen Liebe, gelebt gegen die ganze Welt.“

Der Roman hat Schwächen, kein Zweifel. Mitunter vergeht zwischen den einzelnen Episoden viel Zeit oder sie werden nicht zu Ende erzählt. Auch wirkt manches Personal und manche Begebenheit konstruiert (selbstverständlich werden Figuren und Handlungen vom Autor konstruiert, aber dies sollte weites gehend unbemerkt geschehen). So ging es mir mit Léons Ehefrau Yvonne. An sich eine starke Figur, aber nicht durchweg glaubwürdig: Gegen Ende des Romans am Fenster an der Sonne sitzend wie eine Stubenkatze… ich weiß nicht. Man will nicht zuviel verraten, der Leser, die Leserin wird das selbst entscheiden. Auf eine Art ist die Geschichte wie ein Märchen. Ein Märchen mit sehr realem Hintergrund und nicht immer harmonisieren beide Pole miteinander. Am stärksten ist der Roman in der Beschreibung des Alltags der deutschen Besatzung in Paris. Diese Zeit gelingt es Capus außerordentlich gut einzufangen. Geschickt deutet er Grausamkeiten der deutschen Okkupation bis auf wenige Ausnahmen lediglich an, ein effektvoller Kniff, der funktioniert und Empathie erzeugt. Aber auch hier Figuren, die im Plot ein wenig unvermittelt auftauchen. Nein, nicht alles gelingt in diesem Roman.

Aber warum dann eine uneingeschränkte Empfehlung? „Léon und Louise“ ist die mit Abstand sonderbarste und schönste Liebesgeschichte, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Und zwar mit dem allergrößten Genuß. Punktum.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland – Gereon Raths vierter Fall

Kiepenheuer und Witsch, 576 S., ISBN: 978-3-462-04466-9

Berlin 1932: Ein ertrunkener Mann in einem Lastenaufzug, eine junge Frau in der Mordkommission und ein Indianer in den masurischen Wäldern. Vertuschter Mord, gepanschter Schnaps, organisiertes Verbrechen. Bayern München wird Deutscher Fußballmeister und gegen die Berliner Polizeiführung wird geputscht. Durch den östlichen Teil des deutschen Reichs zieht sich ein polnischer Korridor, während im südlichen Ostpreußen große Teile der Masuren (sich vorzustellen als eine Art von Ostwestfalen! O-Ton Rath) Adolf Hitler als ihren Heilsbringer feiern. Eine Menge Stoff für einen Kriminalroman. Mehr lesen

Sabine Bode: Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation

Klett-Cotta, 304 S. (Print), ISBN: 978-3-608-94807-3

Allein bei dem Titel „Kriegsenkel“ hört man provozierte Stimmen aus dem Off: „Was habt ihr denn schon mit dem Krieg zu tun? Ihr habt doch ein sorgenfreies Leben.“ So raunen die Kriegskinder, während viele Freunde der in den 1960ern geboren und heute längst erwachsenen Enkel Generationskonflikte als für zwingend erledigt betrachten. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das behauptet Sabine Bode in ihrem 2009 erschienen Buch. Doch worum geht es eigentlich? Mehr lesen

Guido Rohm: Fleischwölfe. Der Roman zum Film / 0 (Null). Eine Noirvelle

Evolver, 200 Seiten (Print), ISBN: 978-3950255874

Das Gute zuerst: Es geht in Fleischwölfe nicht um Vergewaltigung, wie das Cover nahelegen könnte. Es geht um Kannibalismus: Äpfel sind böse (sagt die Bibel), wir sind Gottes Kinder, wir essen Fleisch. Das Fleisch von zufällig vorbeifahrenden Passanten in einer atomverseuchten Wüste. Beschrieben wird die Nahrungsbeschaffung der reizenden Familie Stern aus verschiedenen Perspektiven: Die des Sohnes der Familie, eines ehemaligen Polizisten, eines Liebhabers des Horrorvideo-Genres, eines Toten und mehr. Dann stellt sich noch die Frage, ob es den Film, dem das Buch vorausging, überhaupt gibt, geben kann? Oder ist alles Fiktion? Und was machen die Medien daraus?

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Roman von JULIAN BARNES

VOM ENDE EINER GESCHICHTE
Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, ISBN 978-3-462-04433-1

Vorgestern habe ich den neuen und vielgerühmten Roman Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes zu Ende gelesen. Aufmerksam wurde ich auf das Buch, weil es in allen Kulturmedien besprochen wurde, schließlich erhielt Barnes für diesen Roman den Booker Price. Von Julian Barnes kannte ich bisher Flauberts Papagei und die Kavanagh Krimis. Mehr lesen