Georges Simenon: Maigrets Nacht an der Kreuzung

Diogenes, 2008, 176 Seiten, ISBN: 978-3-257-23807-5. Auch als E-Book erhältlich.

Lange Zeit hieß meine Prämisse: Romane von Georges Simenon immer wieder mal, aber bitte die Non-Maigrets. Folgerichtig nenne ich die wunderbare 50-bändige Romanauswahl von Simenons Werken aus dem Hause Diogenes mein eigen. Nun sind Vorurteile dazu da, ab und an überprüft zu werden, und so hatte ich schon vor einiger Zeit versuchsweise und ein wenig skeptisch zu einem Maigret gegriffen. Und er hatte mir tatsächlich gefallen. Heute wieder so ein Tag: Was soll ich bloß lesen? Ah, da gibt es noch ungelesene Maigrets, die sich in meinem Reader tummeln. Ich entschied mich für einen sehr frühen Krimi, aus der ersten Staffel sozusagen: „Maigrets Nacht an der Kreuzung” von 1931. Mehr lesen

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Liebeskind Verlagsbuchhandlung, 2011, ISBN 9783935890854, 302 Seiten, auch als Ebook erhältlich.

Bestie Mensch. Auf knappe dreihundert Seiten eine Ansammlung von Brutalität, Tücke, Amoralität, Hinterlist und religiöser Perversität. Menschen am Abgrund und in Düsternis, den Schein von Zivilisation vortäuschend. Hauptsächlich in Virginia und Knockemstiff/Ohio spielt Ende der 1950er und während der 1960er Jahre dieser menschliche Irrsinn. Als puren Trash könnte man diesen Roman abtun, wäre da nicht noch einiges mehr, das dieses Buch auf eine Stufe mit Cormac McCarthys „Verlorene” stellt. Mehr lesen

Carl Nixon: Fish ‘n‘ Chip Shop Song und andere Geschichten

Übersetzt von Kim Keller, Martina Schmid und Sophie Sumburane. Digitale Originalausgabe. CulturBooks Album, März 2016. 215 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-037-

Ich krame in meinem Gedächtnis: Wann habe ich das letzte Mal einen Erzählband bis zum Ende ausgelesen? Ich glaube, das tat ich noch nie. Bis auf dieses eine Mal. Fünfzehn Geschichten des Neuseeländers Carl Nixon. Alle spielen in Neuseeland, könnten aber auch an jedem anderen Ort spielen. Nicht selten geht es um Vater-Sohn-Beziehungen (man kann ja durchaus auch mal über den Tellerrand hinausschauen), ansonsten zeigen sich die Erzählungen sehr abwechslungsreich, auch was Stil und Erzählperspektive angeht. Da geht es um eine jäh beendete Idylle und einen bedauernswerten Papagei, um das kurze Glück eines Obsthändlers, um eine eigenartige Verführung, die fotografische Idee eines Vaters, die Wut von Pensionären oder die Routine eines Treffens von Vater und Sohn, die plötzlich keine mehr ist. Man ist etwa in der Hälfte der Sammlung angekommen und trifft auf die titelgebende Erzählung „Fish ‘n‘ Chip Shop Song”: langweiliger Automatismus, eingefangen in einem Refrain mit einem Schuss Romantik, ein geniales Stück. Im zweiten Teil taucht dann plötzlich eine Person auf, die man bereits zu kennen meint. Man wischt zurück, ach ja stimmt, dann liest man weiter. Mehr lesen

Max Annas: Die Mauer

Rowohlt Taschenbuch, 2016, 220 S., ISBN: 349927163X, auch als E-Book erhältlich

„Das ist große Erzählkunst. Lesen sie das. Sofort. Für mich schon jetzt der beste Krimi des Jahres” befiehlt der Rezensent der Krimikolumne des Bücherdiwans Andreas Ammer ins Mikrophon. Nun gut, meinen Band mit Erzählungen von Carl Nixon kann ich durchaus mal unterbrechen, um den hochgelobten Krimi von Max Annas dazwischen zu schieben. Man ist ja doch neugierig. Immerhin steht der Roman auf Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste. Ist also erfolgreich wie sein Vorgänger „Die Farm”, der mit dem deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Ich folge dem Rezensenten. Mehr lesen

Jan Jacob Slauerhoff: Das verbotene Reich

Weidle Verlag, 2016, 180 Seiten, aus dem Niederländischen von Albert Vigoleis Thelen, ISBN: 978-3-938803-78-3, CulturBooks (digitale Lizenz), ISBN 978-3-95988-046-6.

Was eine seltsame Geschichte, was ein merkwürdiges Buch, das mich nach der Lektüre ein wenig ratlos und fasziniert zurückläßt. Eine Erzählung von nicht enden wollenden Martyrien, romantischer Liebe und unbändiger Freiheitsliebe, Phantasie und geschichtlichem Hintergrund und einer seltsamen Symbiose zwischen Autor und seinem Übersetzer. Ich fange der Reihe nach an. Mehr lesen

David Garnett: Dame zu Fuchs

Dörlemann Verlag 2016, ISBN 978-3-03820-026-0, 160 Seiten, auch als eBook erhältlich
Übersetzt von Maria Hummitzsch

Diesen kleinen Roman einzuordnen, fällt nicht leicht. Und vielleicht sollte man das auch einfach lassen, denn es ist ein Gewinn, dass man diese Geschichte in vielen Lesarten genießen kann: Ende des neunzehnten Jahrhunderts schreit während eines Spazierganges Mrs. Silvia Tebrick, geborene Fox, auf und als ihr Ehemann Mr. Tebrick sich ihr zu wendet, sieht er statt seiner Gattin einen Fuchs, genauer gesagt eine Fähe, die einst seine Frau war. Mit fast stoischer Ruhe und Gelassenheit nimmt er dieses Mysterium an und führt fortan mit seiner Frau der Fähe das Eheleben so gewohnt wie möglich weiter. Er kündigt dem Hauspersonal, beziehungsweise schickt es für unbestimmte Zeit in den Urlaub, um einen Skandal zu vermeiden. Das Problem: Die sich an ihr früheres Leben erinnernde Füchsin verwildert zusehens. Ihr einstiges Menschsein verschwindet nach und nach aus ihrem Fähenbewußtsein. Wer sich nun an Kafkas „Die Verwandlung” erinnert fühlt, liegt nicht so falsch. Mit einer großen Gelassenheit wird auch hier die plötzliche Verwandlung zur Kenntnis genommen, auch hier spielen psychologische Vorgänge eine wichtige Rolle, aber die Kälte der Familie in Kafkas Erzählung weicht in Garnetts kurzem Roman der unerschütterlichen Liebe des Ehemanns. Der Roman weißt einige überraschende Wendung auf, hat rührende Szenen und ein berückendes Ende. Es darf hier nicht zu viel verraten werden. Mehr lesen

Hans Schweikart: Es wird schon nicht so schlimm!

Herausgegeben von Carsten Ramm. Mit einem Nachwort von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen.
Verbrecher Verlag 2014, ISBN: 9783957320636, 120 S., auch als eBook erhältlich.

Im November 1941 waren es nur wenige Trauerende, die dem Begräbnis der Schauspieler Joachim und Meta Gottschalk und ihrem achtjährigen Sohn Michael beiwohnten. Von den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen waren es unter anderem Brigitte Horney, Gustav Knuth und Elisabeth Lennartz, Hans Brausewetter, Werner Hinz, Wolfgang Liebeneiner und Ruth Hellberg. Wenige Tage zuvor hatte die Familie die Nachricht erreicht, daß die Ehefrau Meta Gottschalk, geborene Wolff, zusammen mit ihrem Sohn deportiert werden sollte. Der von den Behörden geforderten Trennung von der jüdischen Ehefrau hatte sich Joachim Gottschalk, ein damals sehr bekannter Schauspieler der UFA, stets widersetzt. Die Familie sah keinen anderen Ausweg als den gemeinschaftlichen Suizid.

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Wilhelm Raabe: Der Schüdderump

Antiquarisch, als eBook oder als PDF-Download erhältlich. 379 Seiten in der Braunschweiger Ausgabe, Band 8.

Ich lese gern und immer wieder Romane von Wilhelm Raabe (1831-1910). Ich mag die scheinbare Behaglichkeit, hinter der jederzeit eine Katastrophe lauern mag, diese etwas umständliche, manchmal an Jean Paul erinnernde Erzählweise, deren Handlung aber zielgerichtet vorangetrieben wird. Überhaupt: Raabe zu lesen bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, sowohl was das Erzählte, als auch die literarische Form angeht. Hier sind entschleunigtes Lesen und Einlassen auf einen sehr eigenen Erzählstil gefragt, die Belohnung folgt garantiert. Raabe hat sehr viel geschrieben, denn er war ein Berufsschriftsteller. Nicht alles ist gut, vieles aber großartig und wer etwas vom bürgerlichen Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts (Gesellschaftskritik eingeschlossen) wissen will, kommt an Raabe nicht vorbei. „Der Schüdderump“ (1870) ist aus seiner mittleren Periode. Neben dem unsäglichen „Der Hungerpastor“ (1863) und dem interessanten „Abu Telfan“ (1867) stellt „Der Schüdderump“ den Höhepunkt der Stuttgarter Trilogie dar und leitet zu den folgenden großartigen Romanen und Erzählungen der späteren Werke. Vor einer Woche habe ich den Schüdderump ausgelesen und bin noch ganz angefüllt von der Lektüre. Und da es draußen unerträglich schwül und heiß ist und die Hausarbeit auch nicht übermäßig lockt, sollen ein paar Zeilen über diesen wunderbar-traurigen Roman aufgeschrieben werden. Mehr lesen

Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger

Diogenes 2013, ISBN 978-3-257-24224-9, 592 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Fragt man mich nach meinen Lieblingsbüchern, so nenne ich neben anderen auch gern „Das Herz ist ein einsamer Jäger (The heart is a lonely hunter)“ von Carson McCullers. Ich verschenke das Buch sehr oft, selbst gelesen habe ich es vor vielen, vielen Jahren. Als ich vor wenigen Wochen das Buch wieder einmal als Geschenk verpackt habe, kamen mir die Idee und auch die große Lust, es erneut zur Hand zu nehmen. Es ist bekanntlich immer eine spannende Angelegenheit, ein geliebtes Buch nach langer Zeit wieder zu lesen. Enttäuschung, neue Perspektiven, Déjà-vu-Erlebnisse, Bewußtwerdung der eigenen Entwicklung … vieles ist möglich und so war ich sehr gespannt. Mehr lesen

Die Ermittlungen im Falle des Oktoberfestattentats von 1980 – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Oktoberfest-Denkmal (Wikipedia)
Das eben begonnene Jahr könnte ein aufregendes für die noch lebenden und die Angehörigen und Freunde aller Opfer des Münchner Oktoberfestattentats von 1980 werden. Und ein aufregendes Jahr für Rechtsanwalt Werner Dietrich, der die Opfer des Anschlags seit Beginn an vertritt, sowie für Ulrich Chaussy, Journalist, Buchautor und ebenfalls seit den frühen 1980ern ein vehementer Kritiker der staatlichen Ermittlungen in diesem Fall. Im November letzten Jahres meldete die Süddeutsche Zeitung, daß die Bundesanwaltschaft erwäge, die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat wieder aufzunehmen, da auf Antrag des Opferanwalts Werner Dietrich eine neue, offensichtlich sehr glaubwürdige und wichtige Zeugin angeführt wurde. Diese Zeugin kenne den Namen eines zweiten Täters. Dieses Jahr nun die Meldung, daß der Generalbundesanwalt Harald Range von den deutschen Geheimdiensten die Herausgabe aller Akten, die in Bezug zum Attentat stünden, gefordert hätte. Auch wenn viele Chancen der Aufklärung des folgenreichsten Terroranschlags auf deutschen Boden längst vertan wurden (man denke nur an die Vernichtungen der Asservate und die heutigen Möglichkeiten der DNA-Analyse), scheint nun alles wieder auf Anfang gestellt. Vierunddreißig Jahre danach … Mehr lesen