Wilhelm Raabe: Der Schüdderump

Antiquarisch, als eBook oder als PDF-Download erhältlich. 379 Seiten in der Braunschweiger Ausgabe, Band 8.

Ich lese gern und immer wieder Romane von Wilhelm Raabe (1831-1910). Ich mag die scheinbare Behaglichkeit, hinter der jederzeit eine Katastrophe lauern mag, diese etwas umständliche, manchmal an Jean Paul erinnernde Erzählweise, deren Handlung aber zielgerichtet vorangetrieben wird. Überhaupt: Raabe zu lesen bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, sowohl was das Erzählte, als auch die literarische Form angeht. Hier sind entschleunigtes Lesen und Einlassen auf einen sehr eigenen Erzählstil gefragt, die Belohnung folgt garantiert. Raabe hat sehr viel geschrieben, denn er war ein Berufsschriftsteller. Nicht alles ist gut, vieles aber großartig und wer etwas vom bürgerlichen Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts (Gesellschaftskritik eingeschlossen) wissen will, kommt an Raabe nicht vorbei. „Der Schüdderump“ (1870) ist aus seiner mittleren Periode. Neben dem unsäglichen „Der Hungerpastor“ (1863) und dem interessanten „Abu Telfan“ (1867) stellt „Der Schüdderump“ den Höhepunkt der Stuttgarter Trilogie dar und leitet zu den folgenden großartigen Romanen und Erzählungen der späteren Werke. Vor einer Woche habe ich den Schüdderump ausgelesen und bin noch ganz angefüllt von der Lektüre. Und da es draußen unerträglich schwül und heiß ist und die Hausarbeit auch nicht übermäßig lockt, sollen ein paar Zeilen über diesen wunderbar-traurigen Roman aufgeschrieben werden.

Ostwestfalen, vor allem aber das heutige Niedersachsen sind die Hauptschauplätze der Romane von Wilhelm Raabe. So spielt der „Der Schüdderump“ zum größten Teil nördlich des Harzes in Krodebeck nahe bei Quedlinburg. Die Erzählung beginnt mit der Beschreibung des gruseligen Schüdderumps (niederdeutsch für „schütt’ herunter“), einem alten Pestwagen, den der Erzähler auf eine Reise zu Beginn des Romans in Norddeutschland entdeckt. Dieser wurde einst gebraucht, um Pestleichen in Massengräber zu befördern. In der eigentlichen Erzählung taucht dieser Wagen nicht mehr auf. Lediglich der Erzähler selbst erwähnt ihn ab und an, um Ereignisse im Roman zu deuten.

Die zentrale Handlung beginnt in Krodebeck und auf dem benachbarten Lauenhof. Auf diesem leben die verwitwete Gutsherrin Adelheid von Lauen, ihr Sohn Hennig von Lauen, sowie die in Folge der französischen Revolution aufgenommen Fräulein Adelaide Klotilde von Saint Trouin und der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern. Vor allem letzterer ist für Adelheid von Lauen ein wichtiger Berater. Beide fungieren trotz ihrer zahlreichen Kauzigkeiten als Erzieher des Sohnes der Gutsherrin. Im Siechenhaus von Krodebeck lebt die greise Hanne Allmann als einzige Bewohnerin. Sie bekommt von Zeit zu Zeit Besuch von ihrer Freundin Jane Warwolf aus Hüttenrode, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters als Hausiererin übers Land zieht und im Roman eine bedeutende Rolle spielt. Rückblende: Der heimtückischen Barbier Dietrich Häußler wurde aus Krodebeck verstoßen und verließ das Dorf gemeinsam mit seiner Tochter Marie. Beide führten ein bewegtes, von Gerüchten begleitetes Leben, unter anderem wurden sie für einige Zeit inhaftiert. Jahre später, zu Beginn der eigentlichen Erzählung wird die todkranke Marie mit ihrer unehelichen Tochter Antonie in ihre Heimat gewiesen und unter Murren der Dorfbevölkerung im Siechenhaus untergebracht. Wenig später stirbt Marie und die Erziehung der Tochter übernimmt Hanne Allmann unterstützt von ihrer Freundin Jane Warwolf. Nachdem sich der Gutsherrinsohn Hennig mit Tonie angefreundet hat und Hanne Allmann stirbt (was für eine Szene als Antonie neben der sterbenden Hanne liegt) übernehmen das eigenwillige Erzieherpaar Ritter von Glaubigern und Adelaide die Erziehung der jungen Tonie, die mehr und mehr zu einem intelligenten und schönen Mädchen aufblüht. Es scheint Glück und Behaglichkeit auf dem Lauenhof herrschen. Doch dann die Nachricht: Der inzwischen zu beachtlichem Reichtum gelangte ehemalige Barbier Dietrich Häußler ist auf dem Weg zurück in die alte Heimat und sein Vorhaben scheint klar … Bis hierhin, nicht weit vor dem Ende, die kurze Zusammenfassung der Handlung.

Ein großer Publikumserfolg war „Der Schüdderump“ nicht: zu traurig, zu viel schopenhauersche Vergeblichkeit des Bemühens um ein wenig Glück im Leben. Gelebt hat Raabe vor allem von zweien seiner frühen Werke, die zu seiner Zeit großen Erfolg beim deutschen Publikum hatten: von der noch heute sehr lesbaren „Die Chronik der Sperlingsgasse“ (1856) und dem in Schwarzweißmalerei und Sentimentalität erstickenden „Der Hungerpastor“. Raabe nannte seine Werke aus dieser Zeit Jugendquark. Heute sind uns vor allem die späteren Werke, so ungefähr ab den „Krähenfelder Geschichten“, wichtiger. Den Autor würde es freuen. Auch „Der Schüdderump“ ist nicht frei von Kitsch und Sentimentalität, allerdings erscheinen diese eher als Stilmittel und erfüllen ihren Zweck im Roman: Es kippt nicht. Das Handeln, Wollen und Wünschen der Figuren im Schüdderump ist bis auf wenige Ausnahmen vergeblich. Lediglich der tumbe Hennig und der skrupellose Häußler (trotz vordergründiger Niederlage) bleiben vom Schicksal ungeschoren. Bei aller Vergeblichkeit schließt sich die Frage an: deprimierende Handlung gleich deprimierende Lektüre? Nein, keineswegs! Zum einen ist da der Raabsche Humor, der auch immer ein wenig ein Jean Paulscher ist. Hier ein kleines Beispiel, Fräulein Adelaide ist aufgrund der miserablen Witterung in sehr schlechter Stimmung:
„Sie, die sonst so stattlich auf ihrer Einbildungskraft zu Roß saß, sie zog diese selbe Einbildungskraft wie einen müden Gaul am Zügel hinter sich her. Das närrische, aber doch glänzende Wellenspiel ihrer Phantasie hatte sich augenblicklich in ein bleigraues Gewoge verwandelt; die tollen Wolken ihres Gehirns hatten den letzten goldnen und silbernen Anhauch von ihren Säumen verloren. Adelaide von Saint-Trouin sah die Welt heute ebenso nüchtern an wie Adelheid von Lauen, wenn dieser ein Unglück in der Milchkammer passierte, wenn ein Viehsterben eintrat oder ein unvermuteter Abschlag der Fruchtpreise einfiel.“

Das Buch ist voll von solchen Stellen. Auch sind die handelnden Personen zum Teil psychologisch außergewöhnlich fein gezeichnet. Und nicht zuletzt: Es gibt äußerst anrührende Passagen in dieser Erzählung, großartige Passagen voller Empathie und echtem Mitgefühl. So ist dieser Roman eine wilde Mischung aus Altem und Neuem, hat noch nicht ganz die Brillanz und Straffheit des Alterswerks, aber Jugendquark ist es gewiß nicht.

Und wem knapp vierhundert Seiten zuviel sind, wer sich auf so viel Pessimismus nicht einlassen will? Ich könnte ein Dutzend Romane, die ich einem zukünftigen Raabe-Leser, einer Leserin empfehlen wollte, aus dem Stegreif nennen. Ich wähle zwei aus: „Zum wilden Mann“, eine Erzählung aus den Krähenfelder Geschichten, gute einhundert Seiten, eine Idylle vom Feinsten, Behaglichkeit überall, doch dann ziehen dunkle Wolken auf: Ein Freund aus frühen Tagen kommt zu Besuch. Und der Raabe-Klassiker schlechthin: „Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte.“ Oder irgendeins der nach Arno Schmidt „kurz=&gutn 200=Seiter“ des Spätwerks. So oder so, die Werke Wilhelm Raabe möchten gelesen werden. Es lohnt sich!

2 Gedanken zu „Wilhelm Raabe: Der Schüdderump“

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