Author: lenariess

Das ewige Problem mit meinen Bücherstapeln:

Inzwischen stehen Türme auch vor dem Regal und versperren den Zugang zu den anderen Büchern. Der Werkhaus Hocker aus Pappe, ein Geschenk, holte meine Haufen erst einmal vom Boden. Vier separate Stapel haben Platz auf der Sitzfläche. Schaut wenigstens ein wenig wohnlicher aus. Aber zu bewegen ist dieses Gebilde natürlich nicht.

Gestern im Baumarkt (nicht mein Lieblingsort, eigentlich) auf der Suche nach einem Wäscheständer. Ich sehe einen Mann mit einem Möbelroller unterm Arm … und mein Gehirn schafft es, blitzartig die Verbindung herzustellen. 200 kg Tragkraft für wenig mehr als 10 Euro, 100 Bücher haben nun bequem Platz und rollen lässig vor meinem Hauptregal hin und her. So einfach ist das manchmal.

Nebenbei: Finden kann ich meine ungezählten Bücher mit Hilfe einer Katalogisierungssoftware.

DES TEUFELS MASKERADE
Heyne Verlag, 544 Seiten, ISBN 978-3-453-52889-5

Dieser Buchtitel, das Cover mit stilisierten Flügeln und Maske verziert, rot, auf weißem Hintergrund… naja. Weiter lese ich auf der Rückseite und im Klappentext: Es ermittelt ein Büro für okkulte Angelegenheiten im Prag des Jahres 1909. Dejan Sirco, Hauptmann a.D und Hobby-Rennfahrer, ermittelt. Er wird unterstützt von eine lebensweisen Dirne namens Esther, Mirko, einem ehemaligen Straßenjungen, und nicht zuletzt von Lysander Sutcliffe, der, wirklich wahr, aufgrund eines magischen Unfalls als Otter leben muß. Der Fall? Nun, ein gewisser Felix Trubic, Geheimagent, wird von einem grausamen Familienfluch bedroht. Außerdem gibts da eine dunkle Verbindung aus Jugendtagen zu Dejan. Last but not least treibt Master Buckingham, seines Zeichens Vampir, sein Unwesen. Um ehrlich zu sein: das ist eher nichts für meinen Literaturgeschmack.
Doch es kam anders … und das kam so: „Fortunas Flug“, so heißt das aktuelle Buch von Victoria Schlederer, wurde sehr wohlwollenden im Bücherdiwan, den ich mir regelmäßig als Podcast auf mein iPhone lade und meist während meines Donauwalks höre, besprochen. Dabei wurde auch ihr Erstling und dessen Erfolg, eben „Des Teufels Maskerade“, erwähnt. Das machte mich neugierig und ließ mich ein preisgünstiges Mängelexemplar dieses 542 Seiten starken Debütromans erstehen und versuchen.
Zuerst fällt da die Form auf, „Des Teufels Maskerade“ ist nämlich eine Art Briefroman, genauer: die Handlung wird in Briefen und Tagebucheinträgen der Protagonisten erzählt. Das hat den Effekt, daß man allein durch die Sprache sich ins Zeitalter des Jugendstils zurückgeworfen fühlt. Der Roman spielt um 1909 mit Sprüngen zurück ans Ende des 19. Jahrhundert in Prag und Wien. Diese „Retrosprache“ ist der Autorin hervorragend gelungen, ganz ungekünstelt und mit viel Gespür für Witz und Ironie. Wer allerdings eine temporeiche Handlung erwartet, wird gänzlich enttäuscht. Finger weg! Denn selbst derjenige Leser, der viel Geduld aufbringt, wird manchmal ein wenig auf die Probe gestellt: das Buch hat durchaus Längen. Längen, die trotzdem unterhalten, aber man wünscht sich doch hier und da ein ganz klein wenig zügigeres Voranschreiten der Handlung, denn der Plot selbst paßt durchaus. Anders ausgedrückt: 350 statt über 500 Seiten, so wäre der Roman ein Hit gewesen. Noch ein kleine Schwäche sind die psychologisch nicht sehr fein gezeichneten Personen. Die Figuren sind überaus originell, wirklich nah kommen sie einem aber nicht. Das stört zwar nicht weiter, bleibt aber festzuhalten. So ist „Die Maskerade des Teufels“, angesiedelt zwischen den Genres Fantasy und Historischen Roman und doch ganz eigen, ein Buch, das richtig Appetit auf mehr macht: „Fortunas Flug“ ist bereits gekauft.

HEERESBERICHT
Nikol Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-86820-129-1

Edlef Köppen wurde 1893 geboren. Er war Kriegsfreiwilliger und nahm von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am I. Weltkrieg teil. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seinem bekanntesten Roman „Heeresbericht“, der 1930 veröffentlicht wurde. 1939 starb Köppen an den Folgen einer Kriegsverletzung.

Im „Heeresbericht“ werden die Erlebnisse des anfangs kriegsbegeisterten Adolf Reisiger von 1914 bis 1918 geschildert. Sie enden mit Reisigers psychischen Zusammenbruch und seiner Einlieferung in eine Heilanstalt. Erzählt wird in einem lakonischen Ton, ohne jede Weinerlichkeit oder Kaltschnäuzigkeit. So steht dieser Roman irgendwo zwischen Remarques „Im Westen nichts Neues“ und Jüngers „In Stahlgewittern“. Köppen bedient sich des Montierens von Originaldokumente (Zitate des Kaisers, Zeitungsberichte, Reklame, Tagebucheinträge, etc.) im Text, sowie gelegentlich eingeschobener Bewußtseinsströme. Der Roman wirkt bei heutiger Lektüre ungeheuer modern und erzeugt große Intensität. Zu Unrecht steht er in der zweiten Reihe derjenigen Romane, die den I. Weltkrieg zum Thema haben.

SPLITTER IM AUGE
Goldmann Verlag, 352 Seiten, ISBN 978-3-442-47546-9

Ich habe keine Ahnung, wie der Autor das gemacht hat: einen gewöhnlichen Kriminalroman, mit einem gewöhnlichen Plot geschrieben und doch etwas Besonderes geschaffen zu haben. Es muß mit den häufig wechselnden Erzählebenen und Perspektiven zu tun haben, denn der Plot selbst kommt eher konventionell daher …

Steiger, ein müde gewordener Ermittler der Kripo in Dortmund (und Schalke-Fan! das Leben kann hart zu einem sein),  läßt ein kürzlich abgeschlossener Fall nicht in Ruhe und gegen die Weisungen seiner Vorgesetzten geht er den Spuren erneut nach. Eine Entführung, der Tod seines Vaters, der Unerwartetes mit sich bringt, der nervtötende Polizeialltag, eine ehrgeizige  Kollegin an seiner Seite, dazu die tragische Geschichte eines Bruderpaares …. viele Stränge und Ebenen sind es, die in diesen fast 350 Seiten zusammenlaufen. Und es paßt! Die Figuren sind lebensecht (lediglich das Bruderpaar hätte ich mir noch ein wenig deutlicher gezeichnet gewünscht), die Konflikte hart und aus dem Leben, auf weinerliche Betroffenheit wird verzichtet. Der Showdown rasant, wenn auch klassisch und ohne wirkliche Überraschung.

Ich weiß immer noch nicht, wie er das gemacht hat, und ich muß es ja auch nicht wissen. Aber ich kann Splitter im Auge von Norbert Horst nur wärmstens empfehlen.

IM VISIER
Edition Moderne, 106 Seiten, ISBN 978-3-03731-085-4

Es ist spätabends, der Fernseher bleibt aus. Ich liege auf der Couch. Nippe gelegentlich am Glas Rotwein. Vor meinen Augen geht Martin Terrier seiner Arbeit nach. Er ist ein Berufskiller. Auf den ersten Seiten tötet er zwei Menschen in Liverpool, zurück in Paris lenkt er seinen Citroen durch die nächtliche Metropole. Er will aufhören, hat genug, will den Rest seiner Tage mit seiner Jugendliebe Alice verbringen. Doch das ist nicht so einfach, denn seinem Auftraggeber Mr. Cox paßt das gar nicht… es gibt eine Menge Probleme.

„Im Visier“ ist ein Thriller von Jean-Patrick Manchette. Gezeichnet hat ihn Jaques Tardi (120, Rue De La Gare [nach Malet], Elender Krieg [nach Verney], Der Dämon im Eis, Adeles ungewöhnliche Abenteuer). Tardi macht aus seinen Vorlagen stets etwas eigenes, er verändert nicht, sondern gibt etwas hinzu. Für mich ist er der beste Comiczeichner der Welt (keiner zeichnet das Paris der 1950er Jahre wie er). „Im Visier“ ist brutal, schnell, lakonisch, gnadenlos, mit den Bildern von Tardi unwiderstehlich.

Artikel in der TAZ über „Im Visier“

VATERLAND
Heyne Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-453-07205-3

Dem letzten Kapitel seines 1992 erschienen Romans Vaterland (engl.: Fatherland) stellt Robert Harris ein Zitat aus Primo Levis „Die Atempause“ voran. Levi läßt einen SS-Offizier Folgendes sagen: „Wie immer dieser Krieg auch enden mag, wir haben den Krieg gegen euch gewonnen; von euch wird niemand übrigbleiben, um Zeugnis abzulegen, aber selbst wenn jemand übrigbleiben sollte, würde die Welt ihm nicht glauben. Es wird vielleicht Verdacht geben, Diskussionen, Untersuchungen von Historikern, aber es wird keine Gewißheit geben, denn wir werden die Beweise zusammen mit euch zerstören. Und selbst wenn einige Beweise übrigbleiben und einige von euch überleben sollten, werden die Leute doch sagen, daß die Vorgänge, die ihr beschreibt, viel zu monströs sind, um glaubhaft zu sein: Sie werden sagen, daß das Übertreibungen der alliierten Propaganda sind, und uns glauben, die wir alles abstreiten werden, und nicht euch. Wir werden die Geschichte der Lager diktieren!“

Louisiana Red * 23.o3.1932 in Bessemer, Alabama † 25.02.2012 in Hannover.   Ich habe Red Ende der Siebziger das erste Mal in einer Kneipe in Braunschweig gesehen und gehört. In meinem Flur hängt seit dieser Zeit ein Plattencover mit seinem Schriftzug: „Best Wishes from Louisiana“. Ein schönes Stück Erinnerung an einen wunderbaren Bluesman.

HABIBI
Reprodukt, 672 Seiten, ISBN 978-3-941099-50-0

In dieser 2011 erschienenen Graphic Novel des Amerikaners Craig Thompson (sein „Blankets“ erhielt 2005 auf der Frankfurter Buchmesse den Preis als bestes Comic des Jahres) wird eine Geschichte wie aus Tausendundeiner Nacht erzählt, eine moderne Odyssee, eine islamische (und zugleich biblische) Mythologie in Bildern … eine Huldigung der Kalligraphie, des gesprochenen und geschriebenen Wortes und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe. Die 660 Seiten von Habibi (zu übersetzten mit „mein Geliebter“) bieten das alles und noch vieles mehr … ein ganz und gar wunderbar-wunderliches Buch.

 

Im Hamburger Stadtteil Barmbeck wurde 1903 das erste moderne Warenhaus von den Gebrüdern Heilbuth eröffnet. 45 Jahre später kam Monica Heilbuth in Göteborg zur Welt. Ihre Mutter war vor den Nazis nach Schweden geflohen. 1950 besuchten sie gemeinsam Hamburg. Monica erinnert sich: „No matter how old I get, I will never forget the devastation all around me as a child, it was 1950 when we returned there.“ 1955 überquerte sie den großen Teich: Monica Heilbuth, verheiratete Dupont.

Monica Dupont ist Gitarristin, Bluessängerin und Songwriterin. Ihre erste Aufnahme machte sie 1961, unzählige Auftritte mit den namenhaftesten Musikern folgten, bis sie 1983 krankheitsbedingt ihre Musikerinnenkarriere an den Nagel hängen mußte. Das Comeback dann 2008 mit dem All-Star-Album „Life Goes On“ (Modernblues Production, mit Ron Thompson, Wolfie Witcher, Mitch Woods, Microwave Dave Mark, Hummel, Bobbie Webb, Blaine Hoopes, Kenneth Nash, Jimi James, Bobby Young, Buzzy Linhart und anderen). Diese CD war meine erste Begegnung mit Monica. Mein Lieblings J.B. Hutto Stück „Too Much Alcohol“ ist und war der Opener, sowohl bei ihren Gigs als auch auf ihrer Comeback-CD, und ihre Interpretation haute mich direkt um, denn sie zeugt auf ganz besonderer Art und Weise von ihrer intensiven Freundschaft mit diesem großartigen Bluesmusiker. Sie bleibt aus Liebe und Respekt nah am Original („This one is for you J.B.“) und schafft doch etwas ganz und gar Eigenes. Es ist nicht ihre für eine Frau ungewöhnliche Stimmlage -sie singt Bariton, Sopran ist für sie zu hoch (ihrer Mutter, die die kleine Monica wegen ihrer Stimme zum Arzt schleifte, mußte sie versprechen, niemals öffentlich zu singen!)-, sondern es ist ihre Art diesen Songs Leben einzuhauchen, was mich schon nach wenigen Takten so fasziniert und begeistert hat. Das ist echt, kein als-ob … Monica Dupont hat den Blues, hat eine Stimme und unglaublich viel Talent. Jeder ihrer Songs ist erste Qualität und ohne jede Künstlichkeit, die Zusammenstellung der Songs äußerst abwechslungsreich und spannend . Mehr geht nicht! Sie hat zu recht eine große Fangemeinde, ob auf Myspace oder Reverbnation. Monica Dupont hat den Blues und sie kämpft ….

Monica, ich bin so froh Dich zu kennen, persönlich und als Musikerin. Du bist mir eine wahre Inspiration. „Hummel, Hummel!“

Sowohl „Life Goes On“ als auch die wunderbare Wiederauflage ihrer älteren Aufnahmen „Early Eighties (Redux)“ sind ohne Schwierigkeiten unter anderem als MP3 Download zu erwerben.

Hier einige Links zum Reinschnuppern:
http://www.reverbnation.com/monicadupont
http://www.myspace.com/monicadupont
http://www.youtube.com/monicadupont
http://www.modernbluesrecords.com

(Dies ist eine Kopie meines Artikels für rockblogbluesspot.com)