Lit 19. Jh.

Joaquim Maria Machado de Assis ›Memórias Póstumas de Brás Cubas‹ – es soll Leute geben, die Portugiesisch lernen wollen, nur um diesen Roman im Original zu lesen, wie ich heute weiß. Ein wenig abenteuerlich war der Weg schon, wie ich zu diesem Roman dieses mir vorher gänzlich unbekannten Autors kam. Zuerst berichtete mir eine gute Freundin von einer Buchinfluencerin (oder wie man das nennt?), die auf TikTok von diesem Buch nur so schwärmte. Dann forschte ich natürlich in Wikipedia und schaut in ›litteratur.ch‹ nach. Das Ergebnis: Das Buch schien wirklich besonders zu sein. Da weder die Ausgabe bei Manesse, noch die bei Suhrkamp im Handel erhältlich sind, habe ich mir eine blitzsaubere Manesse-Ausgabe antiquarisch besorgt. Und hatte dabei großes Glück (mehr dazu unten).

Noch einmal melde ich mich kurz in diesem Jahr. Natürlich um allen Leserinnen und Lesern meines Blogs schöne und hoffentlich entspannte Feiertage und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Bleibt alle schön gesund und habt möglichst wenig Sorgen! Aber ich will auch von letzten Lektüren und meinem Bücherstapel berichten. Wie immer vor Weihnachten habe ich ein kleines Türmchen gebaut und will mal sehen, in welches Stockwerk mich mein Gemüt lesend treibt.

Die Frau in Männerkleidung, frühe Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frau, Partnerin von Chopin, ›Ein Winter auf Mallorca‹, der wunderbare Briefwechsel mit Flaubert … dieses und noch mehr mag einem einfallen, wenn man an George Sand (1804—1876) denkt. Sie hat aber auch über 60 Romane geschrieben. ›Nanon‹, die Entwicklungsgeschichte einer Frau aus dem bäuerlichen Milieu in den Jahren 1787 bis 1795 (vielleicht auch eine Hommage an die Mutter von George Sand), wurde 1872 zunächst als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Der Roman (im Buch 379 Seiten) gehört also zu den letzten größeren Werken von George Sand. Der Hanser Verlag hat bei dieser Ausgabe nicht gekleckert: Die Übersetzerin Elisabeth Edl steht für die Übertragung ins Deutsche und die Ausgabe ist mit zusätzlichen 100 Seiten Nachwort, Chronologie der Französischen Revolution, einer Zeittafel, der Biographie von George Sand und Anmerkungen ausgestattet. Klassikerstandard also.

Rezensionsanfragen begegne ich eher zurückhaltend: Zu groß sind die Lücken meines persönlichen Kanons, zu kurz währt die Lebenszeit abseits des Broterwerbs. Doch manchmal werden bei näherer Betrachtung ein Thema oder auch ein Name zu interessant, als dass ich mich nicht darauf einlassen wollte. Lina Morgenstern, den Namen hatte ich noch nie gehört, aber Wikipedia klärte mich auf, dass diese Frau einst von Bedeutung war. Von großer Bedeutung. Anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 wurde sie zu den fünf bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt und sie war wie der Autor Gerhard J. Rekel in einem Interview erklärte, die berühmteste Frau der Stadt. Eine Bürgerliche, eine Sozialreformerin, eine Frauenrechtlerin, eine Gründerin, eine Autorin und laut Untertitel der Biographie auch eine Rebellin. Diese Frau will ich kennenlernen.

Und wieder hat der Wallstein Verlag einen „neuen“ Raabe herausgebracht. Das ist sehr erfreulich und diese Renaissance Raabes auf dem Buchmarkt war vor wenigen Jahren durchaus nicht erwartbar. Ich habe u. a. die 26 Bände der Braunschweiger Ausgabe in den Regalen stehen, aber zum einen wurde die kritische kommentierte Ausgabe des Wallstein Verlags im Vergleich zu den Bänden aus den 1960er Jahren nicht nur im Anmerkungsbereich sinnvoll aktualisiert, zum anderen sind diese neuen Ausgaben sehr ansprechend ausgestattet. Und zu guter Letzt gehört der Verlag für dieses nicht risikolose Unternehmen belohnt. Was zählen da schon überbordende Regale?

Dann also mal los. Es liegt noch manches ungelesen in den Regalen, aber jetzt soll es ans Ende gehen. Raabes vorletzter vollendeter Roman und vielleicht der wichtigste? An ›Die Akten des Vogelsangs‹ schrieb Raabe gut zwei Jahre. Er plagte sich. 1895 veröffentlicht gehört es natürlich zum Alterswerk und damit zu dem Abschnitt seines Schreibens, der uns heute mit Abstand am meisten interessiert. Während er an dem Buch schrieb, feierte er seinen 63-jährigen Geburtstag. Ich bin, während ich hier berichte, nur wenig älter und behaupte, dass es im doppelten Sinne ein Alterswerk ist. Wer schon ein wenig erlebt hat, wer noch in der Lage ist, in sich zu fühlen und Fragen zu stellen, wird von diesem Buch angefasst werden.

Die zwei Wochen, die ich zwischen den Feiertagen freie Lesezeit habe, wollte ich nutzen und diesmal ist es mir zumindest über die Weihnachtstage geglückt. Den Anfang machte eine wunderschöne Ausgabe von ›Der Master von Ballantrae. Eine Wintergeschichte‹ aus dem Mareverlag. Übersetzt wurde dieses Buch aus der Feder von Robert Louis Stevenson von Melanie Walz. Zu lange stand es schon ungelesen in seinem schmucken Schuber in meinem Regal. Der Kaufreiz solcher schönen Ausgaben ist für mich zu groß, dann allerdings die Skepsis, ob ich einen Abenteuerroman überhaupt lesen will. Ich kenne ja ›Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde‹ und natürlich ›Die Schatzinsel‹, beide in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen.

Wallstein Verlag 2024, hg. und kommentiert von Rolf Parr, 236 S., ISBN 978-3-8353-5753-2

Der Wallstein Verlag hat den zweiten Band seiner Neuedition maßgeblicher Werke Wilhelm Raabes veröffentlicht. Es wurde nicht wie ursprünglich geplant ›Der Lar‹, sondern ›Unruhige Gäste – Ein Roman aus dem Säkulum‹. Der Roman gehört zu Raabes Spätwerk, welches für die heutige Leserschaft immer noch von Interesse ist. In dem Buch umfasst die Erzählung 179 Seiten. Es folgen editorische Notizen, 16 Seiten Anmerkungen, ein gut 20-seitiges Nachwort des Herausgebers Rolf Parr, Siglen, Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweise der 6 Abbildungen im Anhang. Auf dem Schutzumschlag erkennt man zwei stattliche Gebäude vor einem Berghang, die ich anhand eines Bildes im Anhang als Kurhaus und Actienhôtel in Bad Harzburg auf einem Postkartenmotiv von 1908 identifizieren kann. Heimspiel.

Wallstein Verlag 2023, hg. und kommentiert von Moritz Baßler. 288 S., ISBN 978-3-8353-5521-7

Das ist ja ein Ding! Es gibt eine neue kritische kommentierte Ausgabe der Werke von Wilhelm Raabe! Der erste Band erschien im Oktober 2023 im Wallstein Verlag: ›Fabian und Sebastian. Eine Erzählung‹. Der Erstdruck dieses Werkes erfolgte 1881 und 1882 in ›Westermann’s illustrierte Monats-Hefte‹. Herausgeber der Hefte war der zu dieser Zeit sehr bekannte Schriftsteller Friedrich Spielhagen. Die lange Erzählung Raabes gehört also zu dessen Spätwerk und wurde lange Zeit eher übersehen als besprochen, galt aber auch als eine Art Geheimtipp. Für mich Grund genug, mir diese Ausgabe zu besorgen und ›Fabian und Sebastian‹ zu lesen.

Deutscher Kunstverlag 2022, Hg.: Klassik Stiftung Weimar, Broschur, 112 S., ISBN: 978-3-422-98919-1

Arno Schmidt Lesern und Leserinnen dürfte Fanny Esterházy ein Begriff sein, hat sie doch 2016 den wundervollen Prachtband ›Arno Schmidt. Eine Bildbiographie‹ herausgegeben. Hier fungiert sie als Autorin des Bandes ›Wielandgut Oßmannstedt‹, den der Deutsche Kunstverlag in seiner Reihe ›Im Fokus‹ veröffentlicht hat. Das Gut bei Oßmannstedt diente dem Dichter Christoph Martin Wieland für sechs Jahre als Wohnsitz. Jahre in denen Wielands letzter Roman und Höhepunkt seines Schaffens ›Aristipp und einiger seiner Zeitgenossen‹ entstand.