Lit 1920-1932

Ich erinnere mich: Die Wohnung eines Freundes oben im alten Bürgerhaus am Fischmarkt, die Regale im Flur voll mit Büchern und auf erheblicher Strecke die Jahrgänge der Fackel von Karl Kraus. Natürlich von Zweitausendeins verlegt, wie so viele dieser besonderen, vergessenen und geborgenen Schätze. Einiges davon ist auch in den eigenen Regalen gelandet, vieles später mühsam und unter Tränen entsorgt. Zu Karl Kraus also: Geborenen 1874 in Jičín (Böhmen), gestorben 1936 in Wien, gilt bis heute mit seinem polemisch-satirischen Werk als einer der bedeutendsten Sprach- und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts. ›Die letzten Tage der Menschheit‹, ›Die Fackel‹, die ›Dritte Walpurgisnacht‹, Aphorismen, Essays, Gedichte und unzählige Glossen. Katharina Prager hat sich dem Leben dieses Mannes in einer Art Biographie in Bildern und Szenen genähert: »›Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.‹ Das Leben des Satirikers Karl Kraus«

Virginia Woolfs 1925 erschienen Roman ›Mrs. Dalloway‹ war längst einmal an der Reihe, von mir gelesen zu werden. Zu lange schon stand die Neuübersetzung von Melanie Walz aus dem Jahre 2022 ungelesen im Regal. Als nun in Bluesky, einer Social-Media-Plattform, die ich nach dem Abgesang von Twitter neben Mastodon (Fediverse) nutze, ein Buchclub die Lesung von Mrs. Dalloway in 11 Tagen (10 Lesetage, ein Ruhetag) ankündigte, war ich dabei. Ich habe noch nie in einem Lesekreis mitgemacht, ich hatte Mrs. Dalloway noch nicht gelesen, also los.

Es ist immer zu viel los und die benötigten Pausen (= einfach nur blöd schauen) werden mit zunehmenden Alter länger. Deshalb erst jetzt der Rückblick auf meinen ersten Lesemonat im neuen Jahr. (Ein wenig Gitarre habe ich übrigens wieder gespielt, was sehr erfreulich ist, denn die olle Schulter scheint wieder mitzumachen.) Aber bleibe ich bei den Büchern: Die erste Lektüre dieses Jahr war ›Mario und der Zauberer‹ von Thomas Mann. Kennt man natürlich, aber vielleicht ist es schon länger her, dass die Novelle gelesen wurde. Dann schreiben ja alle Zeitungen von Wolf Haas und seinem neuen raffinierten Roman ›Wackelkontakt‹. Natürlich war ich ein Fan von Brenner, warum also nicht zu dem gelben Buch mit dem unscharfen Cover greifen? Last but not least sollte es ein Krimi sein. Oder vielleicht doch eher ein Roman? ›Die Aosawa Morde‹ von Riku Onda.

Hanser 2024, 400 S., ISBN 978-3-446-27951-3, aus dem Französischen von Wolfgang Matz, auch als E-Book erhältlich.

Julien Greens „Treibgut“ ist eine Neuübersetzung dieses Romans von Wofgang Matz, der auch als Herausgeber verantwortlich ist. Mir fiel beim Namen Julien Green sofort der „Leviathan“ ein. Den einzigen Roman des Autors, den ich bisher gelesen habe, allerdings vor sehr langer Zeit. Dieses neue, wunderbar aufgemachte Buch des Hanser Verlags zeigt auf dem Umschlag eine Fotografie des Seine-Quais mit Blick über das Viaduc de Passy auf den Eiffelturm aus den 1930er Jahren. Ob am Morgen oder Abend aufgenommen, weiß ich nicht zu sagen, auf jeden Fall wirkt das Bild durch eine diffuse, neblige Unschärfe. Der eigentliche Roman umfasst 329 Seiten, die restlichen 70 gehören dem umfangreichen Anhang (Nachwort, editorische Notiz, Abbildungen, Anmerkungen, Zeittafel). Dass ich das gut 40-seitige Nachwort entgegen meinen Gepflogenheiten erst am Schluss gelesen habe, war eine sehr gute Idee, denn in diesem Fall heißt es nicht grundlos Nach-Wort. Später mehr dazu.

Limmat Verlag Zürich 2023, 192 S., übersetzt und mit einem Nachwort von Steven Wyss, ISBN: 978-3-03926-055-3, auch als E-Book erhältlich.

Was muss man zu diesem Roman wissen, der zurzeit als »Klimaroman der Stunde« gefeiert wird? Der Autor C. F. Ramuz wurde 1878 in Lausanne geboren und verstarb 1947 in Pully bei Lausanne. Der Dichter gehört heute zu den bedeutenden Schweizer Autoren französischer Sprache und war auch als Lyriker und Essayist produktiv. Vielleicht wird der eine oder die andere »Deborence« kennen, ein Roman, der sich auf einen Bergsturz gründet und wie die allermeisten Romane Ramuz‘ im bäuerlichen Umfeld spielt? So auch »Sturz in die Sonne« das im Original »Présence de la mort« heißt. Dem wunderbar konzentrierten Nachwort des Übersetzers Steven Wyss kann man entnehmen, dass sich die neue Übersetzung im Limmat Verlag auf die gekürzte Fassung von 1941 bezieht (die Originalausgabe ist von 1922) und der jetzige Titel auf einen Arbeitstitel Ramuz‘ sich stützt.

In ›Romane & Erzählungen 1916–1929‹ (S. 63 – 146), Kiepenheuer & Witsch 1989, ISBN: 3-462-01960-0, nicht mehr im Handel. Es gibt zahlreiche andere Ausgaben.

›Das Spinnennetz‹ erschien 1923 als Fortsetzung in der Wiener Arbeiter-Zeitung und war danach über Jahrzehnte vergessen. Erst 1967 erschien der Roman in Buchform. Dieses grad etwas über 80 Seiten starke Werk steht mit ›Hotel Savoy‹ (1924), ›Die Flucht ohne Ende‹ (1927) und ›Rechts und Links‹ (1929) für die erste Schaffenszeit der Rothschen Zeitromane. Dass Joseph Roth eher als Journalist denn als Romancier wahrgenommen wurde, bleibt bei der Lektüre von ›Das Spinnennetz‹ zu bedenken. Von der Meisterschaft eines ›Radetzkymarsch‹ ist der Autor hier zugegeben noch ein gutes Stück entfernt, aber dieser wilde Erstling hat durchaus seinen Reiz.

Manesse 2014, 665 S., ISBN: 978-3-7175-2218-8, mit einem Nachwort von Eva Demski. Es gibt auch viele andere, preisgünstigere Ausgaben.

›Radetzkymarsch‹, der große Roman über den schleichenden Untergang der Habsburger Monarchie, den Zerfall von k. u. k. Österreich-Ungarn. In Kaffees und Hotelzimmern hat sich Joseph Roth dieses Werk abgerungen, das erst in der Frankfurter Zeitung als Fortsetzungsroman und 1932 als Buch erschien. Österreich, Galizien, Exil, Judentum, Alkohol, Sehnsucht, Traurigkeit: Das sind ein paar Schlagworte, die einem im Zusammenhang mit Joseph Roth einfallen (wenn denn heutigen Lesern zum Namen etwas einfällt). Der zuletzt schwer alkoholkranke Autor verstarb 1939 im Exil in Paris und wurde nicht einmal 44 Jahre alt. Er hinterließ uns bemerkenswerte Romane und Erzählungen und war zeitlebens auch journalistisch tätig. ›Radetzkymarsch‹ gehört gewiss zu seinen besten Werken.

Text (1104 S.) und Kommentar (528 S.), S. Fischer 2002, ISBN: 978-3-10-048324-9 

Den Zauberberg. Nun habe ich ihn also gelesen, durchgelesen, endlich. Im wievielten Anlauf, weiß ich nicht mehr. Woran bin ich bloß so oft gescheitert? Gewiss an meiner Unerfahrenheit und falschen Erwartungen, an den anstrengenden Dialogen zwischen Settembrini und Naphta, an dem Erzähler, der in mir in Thomas Manns Romanen immer wieder ein gewisses Unbehagen auslöst. Nun also hat es geklappt und es war ein großes Vergnügen. Zwar bleibt, was die Romane Manns angeht, ›Der Erwählte‹ mein Favorit und jemanden, der Thomas Mann zum ersten Mal zu lesen beschließt, würde ich die frühen Erzählungen empfehlen, aber ›Der Zauberberg‹ ist schon die Lebenszeit wert, die man für die Lektüre veranschlagen muss. 

DVB Verlag 2020, 380 S., ISBN: 3903244031

Maria Lazar wurde 1895 in Wien in eine großbürgerliche, jüdische Familie, die früh zum Katholizismus konvertiert war, hineingeboren. Schon 1920 veröffentlichte Maria Lazar ihren ersten Roman »Die Vergiftung«, eine Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft. Es folgten Bühnenstücke und der bis dato nur in einer gekürzten englischen Exil-Ausgabe existierende Roman »Leben verboten!« und schließlich 1937 »Die Eingeborenen von Maria Blut«. Diese drei Romane sind lediglich ein Ausschnitt des Schaffens der Autorin und wurden in den letzten Jahren im österreichischen DVB-Verlag neu aufgelegt. DVB bedeutet »Das vergessene Buch« und passender könnte für Maria Lazar, die aufgrund einer unheilbaren Erkrankung 1948 in Stockholm sich das Leben nahm, dieses Motto nicht sein. Heuer veröffentlichte der Verlag mit seinem Verleger Albert C. Eibl »Leben verboten!« – das erste Mal in seiner Originalfassung von 1932.

Historischer Stadtplan aus:
Reiner Stach, Die Kafka-Biographie in drei Bänden, S.Fischer 2017

Ende November 1922 formulierte der schwer erkrankte Franz Kafka an Max Brod seinen letzten Willen: »Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler … Wenn ich sage, daß jene 5 Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verloren gehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.«
Wäre es also nach Kafka gegangen, wären etwa 450 Seiten geblieben. (Hätte er das wirklich so haben wollen?)