Norbert Horst: Splitter im Auge
SPLITTER IM AUGE
Goldmann Verlag, 352 Seiten, ISBN 978-3-442-47546-9
Ich habe keine Ahnung, wie der Autor das gemacht hat: einen gewöhnlichen Kriminalroman, mit einem gewöhnlichen Plot geschrieben und doch etwas Besonderes geschaffen zu haben. Es muß mit den häufig wechselnden Erzählebenen und Perspektiven zu tun haben, denn der Plot selbst kommt eher konventionell daher …
Steiger, ein müde gewordener Ermittler der Kripo in Dortmund (und Schalke-Fan! das Leben kann hart zu einem sein), läßt ein kürzlich abgeschlossener Fall nicht in Ruhe und gegen die Weisungen seiner Vorgesetzten geht er den Spuren erneut nach. Eine Entführung, der Tod seines Vaters, der Unerwartetes mit sich bringt, der nervtötende Polizeialltag, eine ehrgeizige Kollegin an seiner Seite, dazu die tragische Geschichte eines Bruderpaares …. viele Stränge und Ebenen sind es, die in diesen fast 350 Seiten zusammenlaufen. Und es paßt! Die Figuren sind lebensecht (lediglich das Bruderpaar hätte ich mir noch ein wenig deutlicher gezeichnet gewünscht), die Konflikte hart und aus dem Leben, auf weinerliche Betroffenheit wird verzichtet. Der Showdown rasant, wenn auch klassisch und ohne wirkliche Überraschung.
Ich weiß immer noch nicht, wie er das gemacht hat, und ich muß es ja auch nicht wissen. Aber ich kann Splitter im Auge von Norbert Horst nur wärmstens empfehlen.

Monatlich stellt Die Zeit die zehn besten Krimis vor. Und im August hat dieser 200 Seiten Roman den ersten Platz gemacht. Grund genug, einen Krimi zwischen zu schieben. Und um es gleich zu sagen: ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil.
Die Handlung des Romans ist rasch erzählt: Der Sohn des stillen, unnahbaren Arbeiters Otto Quangel und dessen Frau Anna stirbt 1940 im Krieg. Erschüttert und voll ohnmächtigen Zorns beschließen sie, Widerstand gegen das unmenschliche System zu leisten. Sie schreiben Postkarten mit eindeutigen, einfachen Botschaften, die das Nazi-Regime als verbrecherisch entlarven sollen, und verteilen diese in Berlin. Sie werden gefaßt und 1943 hingerichtet. Soweit stimmen die Begebenheiten mit den tatsächlichen Geschehnissen in Berlin der 1940er Jahren überein. Das Ehepaar hieß in Wirklichkeit Hampel, im Buch sind Gestapo-Fotos von ihnen zu sehen. Dann aber fügt Fallada den historischen Fakten Figuren und Begebenheiten hinzu und malt so ein Sittenbild der einfachen Leute im Dritten Reich: ungeschönt, rauh und sehr nah. Hier liegt die ungeheure Stärke dieser großen und letzten Erzählung von Hans Fallada (Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, Kleiner Mann – was nun?, Der Trinker, Wolf unter Wölfen), und, ein wenig, auch seine Schwäche.
Und wieder was mit 200 Seiten. Die Geschichte ist verzwickt: Keith Stapperpfennig wuchs beim Großvater auf. Zusammen mit vier Geschwister und diversen, immer jünger werdenden Großmüttern. In die letzte Großmutter verliebt sich Keith. Zu Großvaters Achtzigsten bekommt dieser von seinen Enkeln eine Reise nach China geschenkt. Allein: begleiten will ihn keiner, es bleibt am Schluß an Keith hängen. Dieser allerdings verjubelt die Reisekosten, muß den Großvater allein reisen lassen und erfährt bald darauf, daß dieser im Westerwald gestorben sei. Nun muß der Held für die Geschwister eine Geschichte erfinden, damit diese glauben, daß die Reise nach China stattgefunden hat.