
Es hat mich schon ein wenig verwundert, als vor einiger Zeit der Wallstein-Verlag für September 2026 seine neuen Wilhelm-Raabe-Bände fünf und sechs angekündigt hat. ›Im alten Eisen‹ von 1887, zum guten Spätwerk gehörend und eine meiner Lieblingserzählungen von Raabe geht klar. Aber frühe Erzählungen (1857-1860), den »Jugendquark« wie Raabe selbst seine Bücher aus dieser Zeit nannte? Ich selbst kenne natürlich ›Die Chronik der Sperlingsgasse‹ von 1856, habe danach aber chronologisch erst ab der Stuttgarter Trilogie (Hungerpastor, Abu Telfan, Schüdderump) und den Erzählungen (1862-1870) weitergelesen. Erst ab den ›Krähenfelder Geschichten‹ etwa schrieb Raabe Erzählungen und Romane, die zwar zu seiner Zeit nur noch schwer eine breite Leserschaft fanden, ihn aber heute als einen herausragenden deutschsprachigen Schriftsteller gelten lassen. Warum also das Frühwerk? Hier ist erst einmal festzuhalten, dass, Forschungs- und Expertenmeinung hin oder her, die frühen Erzählungen sich immer noch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Also keine Meinungen nachplappern, sondern ran an den Speck.
Wir bekommen in dem neuen Band ›Wer kann es wenden?‹ sechs Erzählungen präsentiert. Größtenteils hat Wilhelm Raabe sie unter seinem Pseudonym Jakob Corvinus veröffentlicht. Dann unter seinem richtigen Namen (mit seinem Pseudonym in Klammern). Wir sehen also dabei zu, wie Raabe seinen Namen als Schriftsteller hier schrittweise etabliert. Die Erzählungen sind:
Der Student von Wittenberg (1857)
Weihnachtsgeister (1858)
Einer aus der Menge (1858)
Der Junker von Denow – Historische Novelle (1858/59)
Wer kann es wenden? – Eine Phantasie in fünf Bruchstücken (1859/60)
Ein Geheimnis – Lebensbild aus den Tagen Ludwig’s XIV. (1860)
Zwei der Erzählungen (Weihnachtsgeister, Einer aus der Menge) kann man als zeitkritische, die vier anderen als historische Erzählungen verorten. Um mir eine umständliche Nacherzählung der Geschichten zu ersparen, werde ich den zu diesem Zwecke völlig ausreichenden rückseitigen Klappentext des Verlags zitieren:
In Paris findet ein italienischer Vagabund zur Zeit des höfischen Absolutismus die Formel, mit der er Metall in Gold verwandeln kann, jedoch kein dauerhaftes Glück. In Magdeburg verliebt sich Mitte des 16. Jahrhunderts ein junger Student aus Wittenberg in eine verlobte Katholikin, die ihm den Verstand zu rauben scheint. Und in einer an Berlin erinnernden, namenlosen Stadt werden zwei punschtrinkende Berufsschreiber von Weihnachtsgeistern heimgesucht, die ihnen gesellschaftliche Missstände aufzeigen.
In seinen frühen Erzählungen skizziert Raabe unterhaltsam und gesellschaftskritisch Klassenunterschiede, Selbstoptimierungszwänge und biographische Brüche, die das Leben von Adeligen, Söldnern und Künstlern prägen. Er verknüpft historische und populäre Stoffe mit gesellschaftlichen Krisen der eigenen Gegenwart und legt so den Grundstein seiner schriftstellerischen Karriere.
Wir schauen in diesen Texten auf Raabe in seinen Lehrjahren: »Second hand« Literatur, Texte, denen ihre zugrundelegenden Lektüren des Autors anzumerken sind. Wir lesen, wie Raabe sich ausprobiert, das ihm Bekannte neu mischt, wiederverwendet. Das ist eigentlich recht modern. Die Figuren dieser Erzählungen befinden sich zumeist in prekären Situationen, die Handlung ist spannungsreich, es ist etwas los. Mich fasziniert immer wieder, wie gut Raabe die Raserei der gutmeinenden Bürger beschreibt. Das kann er schon hier. Der Bezug ist oft historisch (die Sprache gleicht sich der erzählten Zeit an) und hat verwobene Bezüge zu Raabes Zeitalter. Natalie Moser bemerkt in ihrem Nachwort zu dieser Ausgabe, dass die Texte aufgrund ihrer Entstehung »romantische, vormärzliche und biedermeierliche Erzählweisen« aufweisen. In Ansätzen sei schon hier der »selbstreflexive Zug« Raabes zu erkennen. Ich zitiere Frau Moser weiter:
Die frühen Erzählungen sind deswegen nicht allein als Vorstufen des Spätwerks, sondern auch als literarische Vorboten der anbrechenden literarischen Epoche des Realismus von Interesse. (S. 264)
Der Band ›Wer kann es wenden?‹ bietet neben fast zweihundertzwanzig Seiten Text editorische Notizen, Anmerkung (in vernünftigem Maß) und ein gut zwanzigseitiges erhellendes Nachwort. Dazu Siglen und Literatur sowie Abbildungsnachweise.
Und wie erging es mir bei der Lektüre? Selbst mir als dilettantische Leserin fiel auf, wie sehr sich Raabe an seinen literarischen Vorbildern wie z. B. E. T. A. Hoffmann abgearbeitet hat. Aber es war auch interessant zu lesen, was der Autor daraus gemacht hat, zumal ich ja weiß, was später daraus wurde. Nachgehen wird mir aus den sechs Erzählungen keine der Figuren (so wie das im Spätwerk oft der Fall ist), aber langweilig wurde mir auch nicht. Ich meine, dass dieser Band sehr wohl zu einem Rückblick auf die Anfänge der Erzählkunst Wilhelm Raabes einladen kann und so habe ich die Lektüre keineswegs bereut. Und manch einer (ich kenne solche) finden diese Art von Geschichte eh verdaulicher als Raabes Spätwerk. Es ist eben genug Platz auf dieser Welt, um verschiedene Vorlieben zu haben.
Neben diesem Band kam letzte Woche auch Raabes Erzählung ›Im alten Eisen‹ heraus. Nicht nur weil sie zum Spätwerk gehört, empfehle ich sie uneingeschränkt und habe sie an anderer Stelle bereits besprochen.
Meine Ausgaben:
Wallstein Verlag 2026, Wilhelm Raabe: Wer kann es wenden? Wilhelm Raabe Werke. Kritische kommentierte Ausgabe, hg., kommentiert und mit einem Nachwort von Natalie Moser, 269 S., ISBN 978-3-8353-6211-6
Wallstein Verlag 2026, Wilhelm Raabe: Im alten Eisen. Wilhelm Raabe Werke. Kritische kommentierte Ausgabe, hg., kommentiert und mit einem Nachwort von Julia Bertschik, 278 S., ISBN 978-3-8353-6210-9
