Schmidt Arno

1975 kam ich mit meiner Familie nach Gifhorn, das sich das Südtor zur Lüneburger Heide nennt. Brandgeruch lag in der Luft. »Endlich mal ziehen wir in eine Stadt, in der etwas los ist,« dachte ich (wir kamen aus Ostwestfalen). Ich war noch nicht ganz fünfzehn, da darf man sich so einen Unfug zusammenreimen. Es war die bis dahin größte Brandkatastrophe der Bundesrepublik und es starben Menschen. Keine sieben Jahre später entfloh ich von dort. Man hielt mich für verrückt, ich aber wollte möglichst weit weg: Ich zog nach Regensburg, nach Ostbayern, in die Oberpfalz. Dort begann meine Liebe zum Autor Arno Schmidt. Der Schmidt, der 1975 in Bargfeld, eine halbe Autostunde nordnordwestlich von Gifhorn entfernt, um seine Bücher und Archive bangte. Der Mann war längst eine Art Geheimtipp bei Linken wie bei Büchernarren. Er war gegen Adenauermief und Wiederaufrüstung, hatte eine Art sperrige Geheimsprache, war antiklerikal und schimpfte gegen alles und jeden, kurz: Arno Schmidt war anders als die anderen und ziemlich angesagt.

Herausgegeben von Susanne Fischer. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag 2018, 215 Seiten, ISBN: 978-3-518-80420-9

Alice Schmidt war eine Dichter-Ehefrau. Ihr Name ist eng mit dem ihres Ehemanns Arno Schmidt, diesem Solitär der deutschen Nachkriegsliteratur, verbunden. Das Paar heiratete 1937 in Lauban und lebte bis zum Ende des Krieges in Greiffenberg in Schlesien. Nach dem Krieg wohnten die Schmidts bis 1950 in Cordingen (ein Heidekaff, vom späteren Bargfeld nicht zu weit entfernt) in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Zimmer, wenig zu Essen, kaum Einkommen, unsichere Zukunft und stets vor Augen, eine Dichterexistenz führen zu müssen. Zwischen 2004 und 2011 wurden von Susanne Fischer (Literaturwissenschaftlerin, im Vorstand der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld) die Tagebücher 1954, 1955 und 1956 herausgegeben, letztes Jahr die Tagebücher 1948/49. Diese frühen Tagebücher Alice Schmidts dokumentieren den Beginn der Schriftstellerkarriere von Arno Schmidt und sind deshalb für die Leserschaft seiner Bücher von großem Interesse. Sie zeigen den unerschütterlichen Glauben Alice Schmidt an das schriftstellerische Genie ihres Ehemanns, aber zeugen auch davon, dass eine Anbetung des Gatten als Person nicht stattfand. 

ZETTEL’S TRAUM
Suhrkamp Verlag, 1536 Seiten, ISBN 978-3-518-80300-4

Nun ist es also soweit: Zettel’s Traum ist nach 40 Jahren als gesetztes Buch erschienen. In meinem erweiterten Freundeskreis (gell Martin) wird öfters über dieses Werk gelästert: „Zettel’s Traum“ gilt als Synonym für unsinnige Buchprojekte, die nichts mit dem Bedürfnissen des lesenden Menschen zu tun haben, sondern bestenfalls literarische Prestigeobjekte darstellen. Ich lasse diese Freunde reden, und sehe es vollkommen anders. Sicher: wer liest schon die über 1500 Seiten (großformatig!) von Zettel’s Traum von vorne bis hinten, und vor allem: wer versteht das alles? Aber ist das wichtig? Mir nicht, ich weide in diesem Text und amüsiere mich auf das allerprächtigste! Die Handlung ist eh überschau- bar und man kann wunderbar irgenwo in den Text gehen und sich auf das allerbeste unterhalten lassen. Wenn es einen Text gibt, der nichts für SchnellleserInnen ist, dann dieser.