Lit 1990-Heute

ROTER GLAMOUR
Ariadne Krimi, 245 Seiten, ISBN 978-3-86754-192-3

Man muß das mögen: Du liest und liest, atemlos, ohne wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht, aber gefangen von der Handlung, den kurzen Sätzen, den Sätzen wie Regieanweisungen, wie Pistolenschüsse. Nie Überflüssiges, kein Geschwafel. Doch wer sich darauf einläßt, wird am Schluß reich belohnt: denn tatsächlich erst auf den letzten Seiten, da klären sich die Geschehnisse und die Details erschließen sich. So soll es sein, oder?

Die Handlung von Roter Glamour spielt im Politiker Milieu, die ganz große Politik, Polizeidienste, Waffenhandel sind das Thema, Prostitution und der unerträgliche Chauvinismus von Karrieremännern (was das angeht, so fühlt man sich permanent an einen recht aktuellen Fall erinnert). Dabei kommt der Roman nie Moralisch daher. Nein, man hat den Eindruck, die Geschehnisse seien direkt der politischen Wirklichkeit abgeschaut.

Kurzum: wie schon „Letzte Schicht“ ist „Roter Glamour“ ein Politthriller auf allerhöchstem Niveau. Bravo!

EINFACHE GEWITTER
Berlin Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3833307010

Der Inhalt sei aus dem Klappentext zitiert: “ … Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite. Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz.“

Mehr soll nicht verraten werden, außer dieses: Adam muß untertauchen und erlebt die Welt plötzlich aus völlig anderem Blickwinkel (von unten sozusagen). Schließlich gelingt es ihm, die Initiative zu ergreifen, und er ermittelt fortan selbst in seinem Fall. Und das Ende, das verrate ich jetzt doch, ist ein Happy End, das sich themsemäßig gewaschen hat.

Die Kritik war zum Teil überschwenglich, ein Thriller mit literarischem Anspruch hieß es, so schrieb zum Beispiel die geschätzte Iris Radisch in Die Zeit: „Ein literarischer Thriller – unglaublich raffiniert gemacht!“ Nun ja, ich weiß wirklich nicht, ob man dem folgen kann: Ich habe den Roman durchaus mit Interesse gelesen, auch wenn ich auf den immerhin 445 Seiten einige Längen zu überstehen hatte. Aber was mich wirklich geärget hat: Eher schwach gezeichnete, unglaubwürdige Figuren, Ungenauigkeiten in der Beschreibung des Pharma-Geschäfts und eine klischeehafte, irgendwie flach erzählte Geschichte. Nö, der Brecher war dieser Kriminalroman nicht, sorry!

LETZTE SCHICHT
Ariadne Krimi, 252 Seiten, ISBN 978-3867541886

Einiges spricht gegen den Kauf des Romans: Das unscheinbare Design des Umschlags (erinnert irgendwie an rororo aus den 1970ern), und dann das Genre: Letzte Schicht ist ein Wirtschaftskrimi (wers mag … mein Thema eigentlich nicht, denn ich verliere da jedesmal schnell den Überblick) und nimmt Bezug auf eine reale Affäre, die in den 1990er Jahren Schlagzeilen machte: den Kampf von Alcatel und Matra-Daewoo um den Kauf von Thomson, einer Lothringer Elektronikfabrik. Es geht um elende Arbeitsbedingungen, den Verstrickungen und Methoden der Hochfinanz und den Gesetzmäßigkeiten des entfesselten Kapitalismus. Folgerichtig werden am Anfang des Romans zwei  Links (s. unten) präsentiert, die diesen Hintergrund aus wirtschaftlicher Sicht verdeutlichen. Aber auch jede Menge Tempo, Brutalität, Spannung und Action haben in diesem Roman ihren Platz.

Dominique Manotti  ist eine Verehrerin von James Ellroy, und das merkt man: Sie kopiert aber diesen Stil nicht, sondern variiert ihn perfekt für ihr Thema. Knappe Sätze meist, kraftvoll, voller Saft, kein Wort zu viel. Das Lesen ist das reine Vergnügen, es zieht und treibt einen regelrecht weiter  in der rasanten Handlung. Und mit Rolande Lepitit erfindet sie eine lebensechte, mit Brüchen ausgestattete Hauptfigur, die den Leser von Anfang an fasziniert. Nun warte ich ungeduldig auf den neuen Roman von der Manotti, im März soll er kommen, noch nicht da, hoffentlich bald ….

Quelle 1: http://www.welt.de/print-welt/article643074/Paris_buendelt_Ruestungsindustrie.html

Quelle 2: http://www.monde-diplomatique.de/pm/1996/12/13/a0258.text.name,askkKiNLhS.n,30

DER KAISER VON CHINA
Dumont Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-8321-8074-4

Und wieder was mit 200 Seiten. Die Geschichte ist verzwickt: Keith Stapperpfennig wuchs beim Großvater auf. Zusammen mit vier Geschwister und diversen, immer jünger werdenden Großmüttern. In die letzte Großmutter verliebt sich Keith. Zu Großvaters Achtzigsten bekommt dieser von seinen Enkeln eine Reise nach China geschenkt. Allein: begleiten will ihn keiner, es bleibt am Schluß an Keith hängen. Dieser allerdings verjubelt die Reisekosten, muß den Großvater allein reisen lassen und erfährt bald darauf, daß dieser im Westerwald gestorben sei. Nun muß der Held für die Geschwister eine Geschichte erfinden, damit diese glauben, daß die Reise nach China stattgefunden hat.
Soweit der Plot. Der Roman ist geschrieben nach der Art eines Münchhausens: Voller Fantasie und Skurrilität. Dabei immer amüsant und wunderbar unterhaltend. Vieles in der Geschichte erkennt man wieder, vor allem, wenn die Familienverhältnisse beschrieben werden. Man lacht lauthals, und ab und an schluckt man auch. Unterhaltung auf sehr hohem Niveau.