Lit 1990-Heute

Matthes & Seitz, Berlin 2019, 90 Seiten, ISBN: 978-3-95757-716-0, auch als E-Book erhältlich.

LeserInnen meines Blogs wissen: Ich höre Podcasts, vor allem solche, die über Literatur sprechen. Oder aber welche, die außergewöhnliche, interessante Interviews zu Gehör bringen. »Durch die Gegend« mit Host Christian Möller habe ich vor nicht allzu langer Zeit hier vorgestellt. Herr Möller macht aber auch noch andere Sachen. Zum Beispiel stellt er als einer von mehreren ModeratorInnen Bücher zu bestimmten Themen in der WDR3 Sendung »Gutenbergs Welt« vor. Mitte April hieß das Thema »Im Tierreich« und eines der besprochenen Bücher hieß »Löwenbaby« von Christina Wessely. Ein schmales Bändchen, das eine Art kleine Kulturgeschichte der Menschen-mit-Löwenbabys Fotografie darstellt. »Wer schreibt denn über so etwas? Braucht es das auch noch?«, möchte man da ausrufen. Nun, die in Wien geborene Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Christina Wessely hatte mein Interesse mit diesem Buch sofort geweckt. Und das hat einen Grund.

Penguin Verlag 2018, 280 Seiten, durchgehend vierfarbig illustriert, handgeschrieben und -gestaltet, ISBN: 978-3-328-60005-3

Sehr jung, ohne Kenntnisse im Französischen und mit schmaler Geldbörse bin ich vor über 40 Jahren Richtung Paris getrampt. Irgendwo vor Reims wurde ich von einer Polizeimannschaft aufgehalten. Ich versuchte die Konversation auf Englisch, denn Deutsch in Frankreich zu sprechen schien mir zu gewagt. Das tut man nicht, Geschichte und so. Ich bekam Schwierigkeiten, denn ein Deutsch sprechender Polizist legte meinen hilflosen Versuch als Betrug aus: Warum tun Sie so, als wären sie Engländer? Die Sache ging gut aus und ich traf später in einer Jugendherberge in Paris eine junge Frau, die jüdischer Abstammung war. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber wir konnten uns auf Englisch unterhalten. Sie war der erste jüdische Mensch, mit dem ich bewusst sprach. Beklemmung, Schamgefühl, Neugier und wieder die Geschichte. Zwei Episoden meiner frühen Jahre, die sich mir ins Gedächtnis spülten, als ich »Heimat« von Nora Krug las und betrachtete. Und dann ist da noch die Ahnenforschung, die mich auf der Suche nach Heimaten viele Jahre intensiv beschäftigt hat und die ich heute noch sporadisch betreibe. Kurzum: »Heimat«, in dem sich die Illustratorin und Autorin Nora Krug auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Familie während der Nazizeit begibt, hatte bei mir ein komplettes Heimspiel. Und dieses Heimspiel wurde zu einem Leseerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Dumont 2016, 288 S., ISBN 978-3-8321-9840-4, gibt es auch als eBook und als Taschenbuch.

Heimat ist subjektives Erleben, ein Konstrukt, das im höchsten Maße individuell empfunden und gelebt wird (und eben nichts, was für Politik taugt). Berni Mayer, geboren im niederbayerischen Mallersdorf (für die Eingeweihten: an der Grenze zur Oberpfalz) und seit einiger Zeit in Berlin lebend, hat vor 2 Jahren mit »Rosalie« einen Heimatroman veröffentlicht, der es in sich hat und der so erfrischend anders ist als all der Quark, den man mitunter in diesem Metier vorgesetzt bekommt. Der Roman spielt in der niederbayerisch-oberpfälzischen Provinz in den späten 1980ern und 1990er Jahren. Der fiktive Ort heißt Praam und liegt an der nicht fiktiven Schwarzen Laaber. Von meinem Standort aus gesehen hat der Autor also ein Heimspiel. Aber bevor ich zur Handlung des Romans komme, sei noch ein wenig mehr über den Autor berichtet.

Brandstätter Verlag 2017, 216 S., ISBN: 978-3-7106-0090-6, auch als eBook erhältlich.

1998, mit ihrer Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust machte Adele Neuhauser sich für das Theater liebende Regensburg unsterblich. Mein liebstes Stück war zwei Jahre später „Meisterklasse”, ein Stück über die ihre Schüler terrorisierende und in eigenen Erinnerungen gefangene Maria Callas. Ich höre noch heute mein verängstigtes Herz in der fünfzehnten Reihe klopfen. Großartig. Nach ihrem Engagement in Regensburg hob Adelele Neuhausers Karriere ab und heute ist sie aus der deutschsprachigen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Spätestens nach den ersten Folgen des Austria-Tatorts ist klar: Adele Neuhauser hat es geschafft. Daß so eine Karriere nicht immer nur glatt und reibungslos verläuft, liegt auf der Hand. In ihrem autobiographischen Buch „Ich war mein größter Feind” nimmt Adele Neuhauser Leser und Leserinnen mit in ihre Familiengeschichte und erzählt von ihren wichtigsten Lebensabschnitten. Und weil es eben Adele ist, die das tut, habe ich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben die Autobiographie einer lebenden Person des öffentlichen Lebens gelesen. 

Suhrkamp 2017, 324 Seiten, ISBN: 978-3-518-46775-6, auch als eBook erhältlich.

London, vielleicht bald. Diese Zeile ist dem neuen Roman von Zoë Beck vorangestellt. Und ich bin ehrlich: Anfangs fand ich diese Zeile ein wenig arm. Vielleicht? Bald? Was soll das heißen? Aber diese Worte passen hervorragend und man kommt während und nach der Lektüre immer wieder auf diese Zeile zurück. Vielleicht schon ganz nah? Denn der Thriller spielt, so scheint es, fast in der Gegenwart. Brexit, die aufstrebende Rechte, Spaltung der Gesellschaft, blanker Rassismus (wir denken heute an den Grenfell Tower) und eine durch und durch korrumpierte Drogenpolitik. Das sind die wichtigsten Themen dieses Buches. Ein ganz starker zeitkritischer Krimi von Zoë Beck, der ohne Belehrung auskommt, dafür aber viel Spannung bietet. Und so ganz nebenbei gesellschaftliche Probleme ausspricht, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Ullstein 2017, 240 Seiten, übersetzt von Kirsten Brand, ISBN-13 9783550081606, auch als eBook erhältlich.

Wenn man will, kann man die zwölf Erzählungen, die mit dem verstörenden „Der schmutzige Junge” beginnen und dem titelgebenden, schier unerträglichen bedrückenden „Was wir im Feuer verloren” enden, als eine Sammlung von nahezu perfekt komponierten Horrorgeschichten ansehen. Es ist alles, was das Genre fordert, vorhanden: psychotische Menschen, grausame Geschehnisse, überraschende Wendungen und Schockmomente. Die Schlussakkorde der Geschichten sind fast immer stimmig, nichts was Liebhaber des Grauens vermissen werden. „Was wir im Feuer verloren” ist den Romanen und Erzählungen eines Lovecrafts, Borges oder McCarthys durchaus ebenbürtig. Doch Mariana Enriquez Band ragt über das Genre noch hinaus, bedient sich sozusagen der Schreckensgeschichten als Folie, um auch noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen: Die von den verlorenen Generationen Argentiniens. Und sie erzählt modern, mit herausragendem sprachlichen Talent, Lob an dieser Stelle auch der Übersetzerin Kirsten Brand, und sie erzählt aus weiblicher Perspektive.

Europa Verlag 2017, 344 Seiten. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Auch als eBook erhältlich.

Wir sind im Nordwesten Schottlands, man schreibt das Jahr 1869, es ist August. In einem kleinen Bauerndorf werden auf brutale Art und Weise drei Mitglieder der Familie Lachlan Mackenzie, dem neuen Constabler des Dorfes, niedergemetzelt: Mackenzie selbst, seine Tochter und sein Sohn. Mörder ist der siebzehnjährige Roderick Macrae, Sohn eines verarmten Nachbars und Crofters, einem schottischen Kleinbauern. In Ordnung, dann wäre der Fall ja gelöst und niemand braucht das Buch mehr zur Hand zu nehmen. Mitnichten, denn in diesem Kriminalfall geht es um das Wie und Warum. In seinem zweiten Buch, das erste wird aufgrund des Erfolgs von „Der Fall Roderick Macrae” demnächst in deutscher Übersetzung erscheinen, zeigt der schottische Autor Graeme Macrae Burnet, was im Genre Kriminalroman alles so geht. Vielschichtig, atmosphärisch, spannend und am Ende hat man sogar etwas gelernt.

Heyne Verlag 2016, ISBN 9783453317161, 592 Seiten, auch als eBook erhältlich.

Ich bin kein Science-Fiction Fan. Aber ich suche in der Sparte immer wieder mal nach einem Buch, das mich zu einem solchen Fan machen könnte. Phantastik mit mehr als Raumschiffen, viel Technik und klarem Gut und Böse. Einem Buch, das vielleicht mal den Hugo oder Galaxy Award gewonnen hätte, von prominenten Lesern wie Obama oder Zuckerberg empfohlen wird, einem Buch, das auch von einem chinesischen Schriftsteller stammen dürfte … einem Science-Fiction wie „Die drei Sonnen“ des gelernten Computertechnikers und vielfach ausgezeichneten Autors Liu Cixin. Es geht in diesem Roman um die chinesische Kulturrevolution und deren Folgen auf den Gemütszustand der Generationen, um Gewissen und Verantwortung, um Nano- und Astrophysik und ziemlich reale Aliens, die unserer Erde einen Besuch abstatten wollen. Könnte doch spannend werden, oder?

Diogenes 2013, 128 S., ISBN: 978-3-257-06846-7, auch als eBook erhältlich

Ich habe kein gutes Gedächtnis. Und so stand ich lange ratlos vor meinem überbordenden Bücherregal: Wie hieß der Autor noch, der mit dieser knappen, klaren Sprache und den merkwürdigen, geheimnisvollen Plots, von dem ich vor langer Zeit so beeindruckt war, den ich dann aber später aus den Augen verloren hatte? Schließlich stieß ich unter L auf die gesuchten Bücher: Der Autor heißt Hartmut Lange, ist Jahrgang 1937, arbeite Anfang der 1960er Jahre als Dramaturg in Ostberlin, verließ 1965 die DDR und lebt in Berlin. Er gehört zu den stillen Autoren dieses Landes, bekannt vor allem für seine klassisch durchkomponierten Novellen, aber auch Dramen, Romane und Essays gehören zu seinem Werk. Es wurde Zeit, daß ich meine Zuneigung wieder erneuerte. Und so griff ich zu dem relativ aktuellen Novellenband „Das Haus an der Dorotheenstrasse” von 2013.

Satyr Verlag 2013, 256 S., ISBN: 978-3944035031, auch als eBook erhältlich.

Zeit ist Luxus. Das ist keine leere Floskel, sondern entspringt realem Leben mit Leidenschaften und der Notwendigkeit eines Achtstundenarbeitstages. Es braucht also Auswahl und Konzentration. Was das Lesen betrifft, so helfen mir diverse Literatur-Blogs und Podcasts. Einer der von mir geschätzten Podcasts heißt Tsundoku (das ist japanisch und meint die Angewohnheit, gekaufte Bücher ungelesen in Regalen zu stapeln), wird von Andrea Diener betrieben und beschäftigt sich gut informiert und wunderbar unaufgeregt mit Büchern. In ihrer letzten Sendung stellte sie unter anderem Anselm Neft und seinen beiden Romanen „Hell” (2013) und „Vom Licht” (2016) vor. Das hatte nun Folgen.