Literatur

IM VISIER
Edition Moderne, 106 Seiten, ISBN 978-3-03731-085-4

Es ist spätabends, der Fernseher bleibt aus. Ich liege auf der Couch. Nippe gelegentlich am Glas Rotwein. Vor meinen Augen geht Martin Terrier seiner Arbeit nach. Er ist ein Berufskiller. Auf den ersten Seiten tötet er zwei Menschen in Liverpool, zurück in Paris lenkt er seinen Citroen durch die nächtliche Metropole. Er will aufhören, hat genug, will den Rest seiner Tage mit seiner Jugendliebe Alice verbringen. Doch das ist nicht so einfach, denn seinem Auftraggeber Mr. Cox paßt das gar nicht… es gibt eine Menge Probleme.

„Im Visier“ ist ein Thriller von Jean-Patrick Manchette. Gezeichnet hat ihn Jaques Tardi (120, Rue De La Gare [nach Malet], Elender Krieg [nach Verney], Der Dämon im Eis, Adeles ungewöhnliche Abenteuer). Tardi macht aus seinen Vorlagen stets etwas eigenes, er verändert nicht, sondern gibt etwas hinzu. Für mich ist er der beste Comiczeichner der Welt (keiner zeichnet das Paris der 1950er Jahre wie er). „Im Visier“ ist brutal, schnell, lakonisch, gnadenlos, mit den Bildern von Tardi unwiderstehlich.

Artikel in der TAZ über „Im Visier“

VATERLAND
Heyne Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3-453-07205-3

Dem letzten Kapitel seines 1992 erschienen Romans Vaterland (engl.: Fatherland) stellt Robert Harris ein Zitat aus Primo Levis „Die Atempause“ voran. Levi läßt einen SS-Offizier Folgendes sagen: „Wie immer dieser Krieg auch enden mag, wir haben den Krieg gegen euch gewonnen; von euch wird niemand übrigbleiben, um Zeugnis abzulegen, aber selbst wenn jemand übrigbleiben sollte, würde die Welt ihm nicht glauben. Es wird vielleicht Verdacht geben, Diskussionen, Untersuchungen von Historikern, aber es wird keine Gewißheit geben, denn wir werden die Beweise zusammen mit euch zerstören. Und selbst wenn einige Beweise übrigbleiben und einige von euch überleben sollten, werden die Leute doch sagen, daß die Vorgänge, die ihr beschreibt, viel zu monströs sind, um glaubhaft zu sein: Sie werden sagen, daß das Übertreibungen der alliierten Propaganda sind, und uns glauben, die wir alles abstreiten werden, und nicht euch. Wir werden die Geschichte der Lager diktieren!“

HABIBI
Reprodukt, 672 Seiten, ISBN 978-3-941099-50-0

In dieser 2011 erschienenen Graphic Novel des Amerikaners Craig Thompson (sein „Blankets“ erhielt 2005 auf der Frankfurter Buchmesse den Preis als bestes Comic des Jahres) wird eine Geschichte wie aus Tausendundeiner Nacht erzählt, eine moderne Odyssee, eine islamische (und zugleich biblische) Mythologie in Bildern … eine Huldigung der Kalligraphie, des gesprochenen und geschriebenen Wortes und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe. Die 660 Seiten von Habibi (zu übersetzten mit „mein Geliebter“) bieten das alles und noch vieles mehr … ein ganz und gar wunderbar-wunderliches Buch.

ALTE MEISTER
Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, ISBN 978-3-518-46293-5

Waren Asterix und Obelix und später Hergés Tim und Struppi die Comic-Helden meiner Kindheit und Jugend (und grad Hergés Zeichnungen liebe und bewundere ich heute noch mehr), so wurde ich von Jaques Tardi in die Welt der Graphic Novel eingeführt. Sein Nester Burma ist der fleischgewordene Held aus den Geheimnissen von Paris von Leo Malet (und nicht der Burma dieser unsäglichen Fernsehreihe, die mit der Atmosphäre der Malet Krimis nichts gemein hat). Seit ich Tardi kenne interessieren mich Graphic Novels.

VOM ENDE EINER GESCHICHTE
Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, ISBN 978-3-462-04433-1

Vorgestern habe ich den neuen und vielgerühmten Roman Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes zu Ende gelesen. Aufmerksam wurde ich auf das Buch, weil es in allen Kulturmedien besprochen wurde, schließlich erhielt Barnes für diesen Roman den Booker Price. Von Julian Barnes kannte ich bisher Flauberts Papagei und die Kavanagh Krimis.

Zum Inhalt des aktuellen Buches:
Tony Webster ist Rentner, hat eine erfolgreiche Berufskarriere und eine Ehe (gütliche Trennung) hinter sich. Er erinnert sich 40 Jahre zurück, an seine Schulzeit und an den Tag, als Finn Adrian seiner Clique beitrat. Er war der mit Abstand intelligenteste von den vieren. Sex und Bücher, das waren die Themen der Freunde, sie probierten sich als moderne Dandys und diskutierten philosophische Fragen. Einen Bruch gab es, als Finn Tony die Freundin ausspann. Später aber geschah ein noch viel tieferer Einschnitt: Finn Adrian nahm sich das Leben. Der Grund hierfür blieb im Dunkeln. So erinnert sich Webster an seine Schulzeit bis er eines Tages ein Teil des Tagebuches Finn Adrians erhält. Und seine Erinnerung erweist sich nun als durchaus trügerisch…

DER FREMDE
Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-25308-9

Es gibt Bücher, die mag ich nach Jahrzehnten noch einmal lesen. Ich erinnere mich, daß ein Buch mir einst viel bedeutet hat und bin gespannt, was mit mir bei erneuter Lektüre geschieht. Doch oft genug geht das dann gar nicht, wie bei mir mit Hesse oder Frisch. Oder mir zeigt das Buch wie in einem Spiegel, wie ich mich im Laufe der Zeit verändert und gewandelt habe. Arno Schmidt, Thomas Bernhard oder auch Adalbert Stifter und Wilhelm Raabe vermögen das, jeder auf seine Weise.

„Ich habe gewonnen,
ich habe gewonnen!“ ein plötzlicher und lauter Schrei an der Donau bei leichtem Dauerregen. Wie das? Nun der Reihe nach:
Es regnet den ganzen Tag Bindfäden, ich sitze in Sportklamotten am Schreibtisch und pflege Vorfahren in meine Genealogie-EDV ein. Kurz nach sechs, die ersten Ergebnisse von der Berlin Wahl sind in den Nachrichten zu vernehmen, entscheide ich: ich muß raus, es mag regnen wie es will! Und wie immer am Wochenende höre ich beim Walken den Bücherdiwan: Bücherbesprechungen, Krimi- und Fantasykolumnen, das Bücherrätsel mit dem Taxifahrer Solomon Book und vieles mehr … dieser Podcast ist geliebtes Pflichtprogramm. Letzte Woche besprach Helmut Petzold geradezu enthusiastisch den neuen Roman von A.S. Byatt und ich entschied, mal wieder mein Glück beim Rätsel (der Radiohörer muß den Gast des Taxifahrers Solomon Book, einen Autor, eine Romanfigur erraten) zu versuchen. Diesmal wandte ich alle Tricks an: spät einsenden und eine auffällige Postkarte für die Lösung benutzen (ich entschied mich für eine Glückwunschkarte mit einem grellen Rex Gildo Portrait). Und heute,  nach 19 Minuten interessiertem Lauschen, der Kracher: ich bin die Gewinnerin und mein Wunschbuch wird mir zugesandt! Und da ich mich so freue und der Bücherdiwan auf Bayern2 ein tolles Büchermagazin ist, empfehle ich ihn jetzt für alle Leser und Leserinnen…

PS.: für Island Fans eine spezielle Empfehlung (und Grüße nach Trunkelsberg)

PPS.: muß ich mir jetzt eine Rex Gildo CD kaufen?

WER DAS SCHWEIGEN BRICHT
Pendragon Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86532-231-9

Monatlich stellt Die Zeit die zehn besten Krimis vor. Und im August hat dieser 200 Seiten Roman den ersten Platz gemacht. Grund genug, einen Krimi zwischen zu schieben. Und um es gleich zu sagen: ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil.

Darum geht’s: Robert Lubisch findet im Nachlaß seiner Vaters, zu dem er zeitlebens ein schwieriges     Verhältnis hatte, das Foto einer schönen Frau und den SS Ausweis eines ihm Unbekannten. Was hat das zu     bedeuten? Kratzer in der makellosen Vita seines Vaters? Vor allem diese Ahnung treibt Lubisch junior an,   dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Er entdeckt rasch, daß keine amouröse Liebelei dahinter steckt und beauftragt die zielstrebige Journalistin Rita Albers, der wiederum schnell klar wird, daß aus dieser Geschichte eine richtig große Story werden könnte. Doch dann ist sie tot …

Der Roman spielt am Niederrhein und in Mallorca, Ende der 1990er Jahren und während der Nazizeit. Die Figuren sind nicht sehr fein gezeichnet, aber das stört nicht, sondern läßt Platz für eine rasante und komplexe Handlung. Diese hätte man auch durchaus auf 300 Seiten oder mehr dehnen können, doch es ist ein Gewinn, daß Frau Borrmann dieses nicht getan hat. Man ahnt während des Lesens das ein oder andere und ist am Ende doch ein wenig überrascht. So soll es sein, und deshalb ist dieser Kriminalroman für mich eine unbedingte Empfehlung!

DER MANN, DER DEN ZÜGEN NACHSAH
Diogenes Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-257-24110-5

Kees Popinga erfährt von seinem Chef, daß dessen Firma betrügerischen Konkurs macht. Er verliert damit nicht nur seine Arbeit, sondern auch noch alles Ersparte. Und er beschließt, nicht mehr wehmütig den Zügen nachzusehen, sondern sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er bricht aus und verläßt Frau und Kinder. Wenig später ermordet er die Geliebte seines Chefs, weil diese ihn auslacht. Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen. Poponga versucht sich zu befreien, er agiert geschickt, naiv, manchmal brutal. Aber der Kreis um ihn wird eng und enger. Und wir Leser ahnen, daß er scheitern wird. Ist er wirklich gescheitert am Schluß? Oder hat er sich befreien können?

Ich klappe das Buch zu und bin mir nicht sicher. Ich weiß aber, daß mich Simenons Romane immer wieder aufs Neue gefangennehmen.

ROTER GLAMOUR
Ariadne Krimi, 245 Seiten, ISBN 978-3-86754-192-3

Man muß das mögen: Du liest und liest, atemlos, ohne wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht, aber gefangen von der Handlung, den kurzen Sätzen, den Sätzen wie Regieanweisungen, wie Pistolenschüsse. Nie Überflüssiges, kein Geschwafel. Doch wer sich darauf einläßt, wird am Schluß reich belohnt: denn tatsächlich erst auf den letzten Seiten, da klären sich die Geschehnisse und die Details erschließen sich. So soll es sein, oder?

Die Handlung von Roter Glamour spielt im Politiker Milieu, die ganz große Politik, Polizeidienste, Waffenhandel sind das Thema, Prostitution und der unerträgliche Chauvinismus von Karrieremännern (was das angeht, so fühlt man sich permanent an einen recht aktuellen Fall erinnert). Dabei kommt der Roman nie Moralisch daher. Nein, man hat den Eindruck, die Geschehnisse seien direkt der politischen Wirklichkeit abgeschaut.

Kurzum: wie schon „Letzte Schicht“ ist „Roter Glamour“ ein Politthriller auf allerhöchstem Niveau. Bravo!