Hideo Yokoyama: 64
Atrium 2018, 768 S., aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl, 978-3-85535-017-9 (als Hardcover, Taschenbuch oder E-Book erhältlich)

Im 64. Jahr seiner Regentschaft stirbt der japanische Kaiser Hirohito. Zeitgleich im Januar 1989 wird in Tokio ein siebenjähriges Kind entführt. Die Arbeit der Polizei verläuft nicht ohne Pannen und am Schluss ist das Kind tot, das Lösegeld verschwunden. Es wäre eine wichtige Spur gewesen, hätte man die Aufzeichnung der Stimme des Entführers nicht vermasselt. So bleibt es ein ungelöster Fall mit dem Aktenzeichen 64. 2002: Nicht ganz freiwillig ist Mikami Pressedirektor der örtlichen Polizei, denn er fühlt sich eigentlich der Kriminaluntersuchung zugehörig. Mikami ist in Nöten: Seine Tochter ist verschwunden, in der Ehe kriselt es nicht nur deswegen und in der Arbeit wird er gemobbt. Er soll den Besuch des Generalinspekteurs vorbereiten, der just am Schauplatz des ungelösten Verbrechens von 1989 Rauchopfer darbringen will. In Verwaltung, Kriminaluntersuchung und Presse herrschen hellste Aufregung und ein einziges Hauen und Stechen.



Sehr jung, ohne Kenntnisse im Französischen und mit schmaler Geldbörse bin ich vor über 40 Jahren Richtung Paris getrampt. Irgendwo vor Reims wurde ich von einer Polizeimannschaft aufgehalten. Ich versuchte die Konversation auf Englisch, denn Deutsch in Frankreich zu sprechen schien mir zu gewagt. Das tut man nicht, Geschichte und so. Ich bekam Schwierigkeiten, denn ein Deutsch sprechender Polizist legte meinen hilflosen Versuch als Betrug aus: Warum tun Sie so, als wären sie Engländer? Die Sache ging gut aus und ich traf später in einer Jugendherberge in Paris eine junge Frau, die jüdischer Abstammung war. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber wir konnten uns auf Englisch unterhalten. Sie war der erste jüdische Mensch, mit dem ich bewusst sprach. Beklemmung, Schamgefühl, Neugier und wieder die Geschichte. Zwei Episoden meiner frühen Jahre, die sich mir ins Gedächtnis spülten, als ich »Heimat« von Nora Krug las und betrachtete. Und dann ist da noch die Ahnenforschung, die mich auf der Suche nach Heimaten viele Jahre intensiv beschäftigt hat und die ich heute noch sporadisch betreibe. Kurzum: »Heimat«, in dem sich die Illustratorin und Autorin Nora Krug auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Familie während der Nazizeit begibt, hatte bei mir ein komplettes Heimspiel. Und dieses Heimspiel wurde zu einem Leseerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Heimat ist subjektives Erleben, ein Konstrukt, das im höchsten Maße individuell empfunden und gelebt wird (und eben nichts, was für Politik taugt). Berni Mayer, geboren im niederbayerischen Mallersdorf (für die Eingeweihten: an der Grenze zur Oberpfalz) und seit einiger Zeit in Berlin lebend, hat vor 2 Jahren mit »Rosalie« einen Heimatroman veröffentlicht, der es in sich hat und der so erfrischend anders ist als all der Quark, den man mitunter in diesem Metier vorgesetzt bekommt. Der Roman spielt in der niederbayerisch-oberpfälzischen Provinz in den späten 1980ern und 1990er Jahren. Der fiktive Ort heißt Praam und liegt an der nicht fiktiven Schwarzen Laaber. Von meinem Standort aus gesehen hat der Autor also ein Heimspiel. Aber bevor ich zur Handlung des Romans komme, sei noch ein wenig mehr über den Autor berichtet.
London, vielleicht bald. Diese Zeile ist dem neuen Roman von Zoë Beck vorangestellt. Und ich bin ehrlich: Anfangs fand ich diese Zeile ein wenig arm. Vielleicht? Bald? Was soll das heißen? Aber diese Worte passen hervorragend und man kommt während und nach der Lektüre immer wieder auf diese Zeile zurück. Vielleicht schon ganz nah? Denn der Thriller spielt, so scheint es, fast in der Gegenwart. Brexit, die aufstrebende Rechte, Spaltung der Gesellschaft, blanker Rassismus (wir denken heute an den Grenfell Tower) und eine durch und durch korrumpierte Drogenpolitik. Das sind die wichtigsten Themen dieses Buches. Ein ganz starker zeitkritischer Krimi von Zoë Beck, der ohne Belehrung auskommt, dafür aber viel Spannung bietet. Und so ganz nebenbei gesellschaftliche Probleme ausspricht, für die es keine einfachen Lösungen gibt.
Wenn man will, kann man die zwölf Erzählungen, die mit dem verstörenden „Der schmutzige Junge” beginnen und dem titelgebenden, schier unerträglichen bedrückenden „Was wir im Feuer verloren” enden, als eine Sammlung von nahezu perfekt komponierten Horrorgeschichten ansehen. Es ist alles, was das Genre fordert, vorhanden: psychotische Menschen, grausame Geschehnisse, überraschende Wendungen und Schockmomente. Die Schlussakkorde der Geschichten sind fast immer stimmig, nichts was Liebhaber des Grauens vermissen werden. „Was wir im Feuer verloren” ist den Romanen und Erzählungen eines Lovecrafts, Borges oder McCarthys durchaus ebenbürtig. Doch Mariana Enriquez Band ragt über das Genre noch hinaus, bedient sich sozusagen der Schreckensgeschichten als Folie, um auch noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen: Die von den verlorenen Generationen Argentiniens. Und sie erzählt modern, mit herausragendem sprachlichen Talent, Lob an dieser Stelle auch der Übersetzerin Kirsten Brand, und sie erzählt aus weiblicher Perspektive.
Wir sind im Nordwesten Schottlands, man schreibt das Jahr 1869, es ist August. In einem kleinen Bauerndorf werden auf brutale Art und Weise drei Mitglieder der Familie Lachlan Mackenzie, dem neuen Constabler des Dorfes, niedergemetzelt: Mackenzie selbst, seine Tochter und sein Sohn. Mörder ist der siebzehnjährige Roderick Macrae, Sohn eines verarmten Nachbars und Crofters, einem schottischen Kleinbauern. In Ordnung, dann wäre der Fall ja gelöst und niemand braucht das Buch mehr zur Hand zu nehmen. Mitnichten, denn in diesem Kriminalfall geht es um das Wie und Warum. In seinem zweiten Buch, das erste wird aufgrund des Erfolgs von „Der Fall Roderick Macrae” demnächst in deutscher Übersetzung erscheinen, zeigt der schottische Autor Graeme Macrae Burnet, was im Genre Kriminalroman alles so geht. Vielschichtig, atmosphärisch, spannend und am Ende hat man sogar etwas gelernt.
Ich bin kein Science-Fiction Fan. Aber ich suche in der Sparte immer wieder mal nach einem Buch, das mich zu einem solchen Fan machen könnte. Phantastik mit mehr als Raumschiffen, viel Technik und klarem Gut und Böse. Einem Buch, das vielleicht mal den Hugo oder Galaxy Award gewonnen hätte, von prominenten Lesern wie Obama oder Zuckerberg empfohlen wird, einem Buch, das auch von einem chinesischen Schriftsteller stammen dürfte … einem Science-Fiction wie „Die drei Sonnen“ des gelernten Computertechnikers und vielfach ausgezeichneten Autors Liu Cixin. Es geht in diesem Roman um die chinesische Kulturrevolution und deren Folgen auf den Gemütszustand der Generationen, um Gewissen und Verantwortung, um Nano- und Astrophysik und ziemlich reale Aliens, die unserer Erde einen Besuch abstatten wollen. Könnte doch spannend werden, oder?