Lit: Fiction-Crime-Fantasy

Oktopus/Kampa Verlag 2022, 255 S., grundlegende Überarbeitung der Übersetzung von Maria Wolff, ISBN: 978-3-311-30035-9, auch als E-Book erhältlich.

›The Daughter of Time‹ hieß die Originalausgabe von 1951, ›Richard der Verleumdete‹ die erste deutsche Übersetzung von Maria Wolff aus dem Jahre 1959, in der Neuausgabe des Kampa Verlags in seinem Oktopus Programm heißt der Titel jetzt ›Alibi für einen König‹. Josephine Tey hieß eigentlich Elizabeth Mackintosch. Sie wurde 1896 in Schottland geboren und starb 1952, ein Jahr nach Veröffentlichung des hier vorgestellten Romans, in London. Gordon Daviot war ein weiteres Pseudonym, das die Autorin dann nutzte, wenn sie Theaterstücke schrieb. Tey gehörte zur Generation der Agatha Christies oder Dorothy L. Sayers unterschied sich von diesen aber dadurch, dass sie mit den gängigen Stilmitteln brach. Und das macht sie eben interessant.

Suhrkamp 2006, 216 S. Mit einem Nachwort von Dietmar Dath, ISBN: 3-518-22410-7. 

Dieser Roman von 1957 ist der letzte aus Arno Schmidts Frühwerk, in der Chronologie der Romane zwischen ›Das steinerne Herz› von 1956 und ›Kaff auch Mare Crisium‹ von 1960 platziert. Wir schreiben in ›Die Gelehrtenrepublik‹ das Jahr 2008, Europa ist durch einen Atomkrieg verwüstet, Deutschland ist nicht mehr existent. Der Reporter und Erzähler Charles Henry Winer besucht mit Genehmigung der Großmächte zwei außerordentlich interessante Orte: Den »Hominidenstreifen«, einen Landstrich in der westlichen USA, der von durch Strahlenfolgen willkürlich entstandenen Mutationen bevölkert wird, und danach die Gelehrtenrepublik, eine in den Roßbreiten des Atlantiks schwimmende künstliche Insel. Hier wohnen ausgewählte Künstler und Wissenschaftler aus beiden Blöcken (Ost und West). Offiziell wird die Insel »International Republic for Artists and Scientists«, kurz »IRAS«, genannt. Wir folgen in diesem 200-seitigen Roman dem Bericht des Ich-Erzählers. Doch Arno Schmidt wäre nicht Arno Schmidt, wenn es hierbei nicht einige Kniffe gäbe.

Septime Verlag 2016, 504 S., ISBN: 978-3902711465, aus dem amerikanischen Englisch von Bella Wohl. Auch als E-Book erhältlich.

Was ein Leben. Geboren wurde Alice B. Sheldon 1915 in eine wohlhabende Familie aus Chicago, unternahm früh Reisen nach Afrika und Asien, arbeitete als Kunstkritikerin, war für den Geheimdienst tätig, bewirtschaftete eine Hühnerfarm und noch so manches mehr. Sie nahm sich 1987 das Leben, nachdem sie ihren schwer erkrankten und pflegebedürftigen Mann getötet hatte. Um mehr zu erfahren, lese man in Wikipedia oder in Julie Phillips opulenter Biographie nach. Mit 52 Jahren begann Alice B. Sheldon Kurzgeschichten zu schreiben und wählte in einem männlich dominierten Literaturbetrieb das Pseudonym James Tiptree Jr.. Heute können wir erfreulicherweise im Septime Verlag aus sieben Bänden Kurzgeschichten wählen: Großartige Science-Fiction, die der Qualität eines Philip K. Dick in nichts nachsteht. Ihr Stil ist stets pointiert, einfallsreich, lakonisch, Geschlechterrollen und -klischees werden in Frage gestellt, kurz: Die SF der Alice B. Sheldon zeigte und zeigt, was in diesem Genre möglich ist. Spät versuchte sie sich an zwei Romanen. Der erste Roman, ›Up the walls of the world‹ auf Deutsch ›Die Mauern der Welt hoch‹, erschien 1978. Ich habe ihn gelesen.

Unionsverlag 2005, Taschenbuchausgabe, 320 Seiten, ISBN: 3293203159, mit einem Nachwort von Hg. Bernhard Echte, Anmerkungen und einem editorischen Bericht. Textgleich mit der gebundenen Ausgabe beim Limmat Verlag, die antiquarisch noch zu erreichen ist.

Vor wenigen Wochen erschien im Schweizer Limmat Verlag der Prachtband »Friedrich Glauser. Jeder sucht sein Paradies« von Christa Baumberger. Eine Sammlung bisher zu großen Teilen unveröffentlichter Briefe, Berichte und Gespräche aus dem Leben des bedeutenden Schweizer Schriftstellers Friedrich Glauser. Doch vor der Anschaffung war eine Frage zu klären: Ich besitze aus jungen Lesetagen die Bücher aus der Wachtmeister-Studer-Reihe und die vier Erzählbände – aber interessiert mich Glauser heute überhaupt noch, hat er mir noch etwas zu sagen? Das sollte möglichst vor dem Kauf eines solchen Prachtbands geklärt werden. Ich zog Glausers Meisterstück aus der 6-bändigen Wachtmeister-Studer-Kassette des Unionsverlags, die heute mit Glück noch antiquarisch zu erreichen ist. »Matto regiert« also habe ich nach vielen Jahren wiedergelesen. Und es war eine erstaunliche Lektüre.

Rowohlt 2020, 336 S., ISBN: 978-3-7371-0085-4

Noch kein Buchgeschenk zu Weihnachten? Ich hätte einen Vorschlag zu unterbreiten, bei dem mit einiger Sicherheit auch im Last-Minute-Modus ein Treffer zu landen ist. Mit dem Bestseller »Handbuch für Zeitreisende« der »Sachbuchautorin und Sachausdenkerin« Kathrin Passig und dem Astronomen Aleks Scholz kann man kaum etwas falsch machen. Man entflieht diesem schnöden 2020 auf äußerst elegante Weise. Wir setzen die Existenz von Paralleluniversen voraus und schon macht alles hier Geschriebene Sinn. Es werden  Stippvisiten in verschiedenste Epochen der Menschheit unternommen, urgeschichtle Exkursionen besprochen und selbst ein Flug Richtung Urknall wird erörtert (und nicht empfohlen). Der Ton ist durchaus nicht ironiefrei, kommt aber ohne nervtötende Flapsigkeit aus. Größten Wert wird auf praktische Nutzbarkeit und das Vermeiden fataler Fettnäpfchen gelegt. Vor Antritt der Reise also das »Handbuch für Zeitreisende« lesen und es kann fast nichts mehr schiefgehen. Ein ideales Verschenkbuch für Frühbucher, nicht nur zur Weihnachtszeit.

Fischer 2009, 896 S., ISBN: 978-3-596-90209-5, auch als E-Book erhältlich.

Da war einiges los in meinen 10er Jahren: 1969 die Mondlandung, 70 die WM in Mexiko und 1971 schließlich »Die Frau in Weiß«, ein Fernsehdreiteiler, der die bundesrepublikanischen Straßen leerräumte, ein Straßenfeger eben. Schaut man sich auf Youtube diese Verfilmung des Wilkie-Collins-Klassikers an, so mag dieses Fernsehstück heutzutage nicht mehr recht zünden. Und der Roman? Die Wiederentdeckung dieses Schauerromans aus der viktorianischen Zeitepoche darf sich zu großen Teilen Arno Schmidt auf die Fahnen schreiben. 1962 übersetze er die rund 800 Seiten und nach anfänglichen Bedenken seitens des Verlags wegen des Umfangs kam »Die Frau in Weiß« ungekürzt und in der Übertragung von Arno Schmidt 1965 auf den Markt. Das Buch wurde ein Bestseller (wie auch das englische Original bei seiner Erstveröffentlichung 1860) und, wenn man so will, Arno Schmidts erfolgreichstes Buch. Und heute? Ich habe (leider) ein recht schlechtes Gedächtnis und so kannte ich den Plot dieses Klassikers nur noch schemenhaft. Gute Voraussetzung aber, um die Probe aufs Exempel zu probieren: Funktioniert »Die Frau in Weiß« auch heute noch?

DVB Verlag 2020, 380 S., ISBN: 3903244031

Maria Lazar wurde 1895 in Wien in eine großbürgerliche, jüdische Familie, die früh zum Katholizismus konvertiert war, hineingeboren. Schon 1920 veröffentlichte Maria Lazar ihren ersten Roman »Die Vergiftung«, eine Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft. Es folgten Bühnenstücke und der bis dato nur in einer gekürzten englischen Exil-Ausgabe existierende Roman »Leben verboten!« und schließlich 1937 »Die Eingeborenen von Maria Blut«. Diese drei Romane sind lediglich ein Ausschnitt des Schaffens der Autorin und wurden in den letzten Jahren im österreichischen DVB-Verlag neu aufgelegt. DVB bedeutet »Das vergessene Buch« und passender könnte für Maria Lazar, die aufgrund einer unheilbaren Erkrankung 1948 in Stockholm sich das Leben nahm, dieses Motto nicht sein. Heuer veröffentlichte der Verlag mit seinem Verleger Albert C. Eibl »Leben verboten!« – das erste Mal in seiner Originalfassung von 1932.

Argument mit Ariadne 2019, geb. Ausgabe, 352 S., aus dem Amerikanischen von Daisy Dunkel, ISBN: 978-3-86754-239-5
CulturBooks 2019, E-Book, ISBN: 978-3-95988-142-5 

Googelt man nach deutschsprachigen Ausgaben von Büchern der amerikanischen Schriftstellerin Tawni O’Dell, werden zwei Ausgaben desselben Buches angezeigt: »Wenn Engel brennen« bei Ariadne und eine lizenzierte E-Book-Ausgabe bei CulturBooks. Aufmerksamen amerikanischen Lesern und Leserinnen wird O’Dell spätestens seit ihrem Erfolg von »Back Roads« ein Begriff sein, zumal dieses Buch prominent verfilmt wurde. »Wenn Engel brennen« ist O’Dells sechstes Buch und ihr erster Krimi. Er führt uns in den Rostgürtel Amerikas nach Pennsylvania: In einem ehemaligen Bergarbeiterdorf liegt in einer glühenden Felsspalte ein weiblicher Teenager. Nicht nur für die örtliche Polizei ein grausiger Anblick. Seit Jahrzehnten brennen in der längst verlassenen Gegend unterirdische Minen. Diese unlöschbaren Feuer sind eine erste Metapher für all die schwelenden Konflikte in den Familien dieses surrealen und heruntergekommenen Landstriches.

Atrium 2018, 768 S., aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl, 978-3-85535-017-9 (als Hardcover, Taschenbuch oder E-Book erhältlich)

Im 64. Jahr seiner Regentschaft stirbt der japanische Kaiser Hirohito. Zeitgleich im Januar 1989 wird in Tokio ein siebenjähriges Kind entführt. Die Arbeit der Polizei verläuft nicht ohne Pannen und am Schluss ist das Kind tot, das Lösegeld verschwunden. Es wäre eine wichtige Spur gewesen, hätte man die Aufzeichnung der Stimme des Entführers nicht vermasselt. So bleibt es ein ungelöster Fall mit dem Aktenzeichen 64. 2002: Nicht ganz freiwillig ist Mikami Pressedirektor der örtlichen Polizei, denn er fühlt sich eigentlich der Kriminaluntersuchung zugehörig. Mikami ist in Nöten: Seine Tochter ist verschwunden, in der Ehe kriselt es nicht nur deswegen und in der Arbeit wird er gemobbt. Er soll den Besuch des Generalinspekteurs vorbereiten, der just am Schauplatz des ungelösten Verbrechens von 1989 Rauchopfer darbringen will. In Verwaltung, Kriminaluntersuchung und Presse herrschen hellste Aufregung und ein einziges Hauen und Stechen.

Büchergilde Gutenberg 2019, Die Tollen Hefte – Band 46, Original-Flachdruck mit vier Sonderfarben und einer Beilage (Text der Kurzgeschichte), Fadenknotenheftung mit Schutzumschlag, limitierte Auflage, 32 Seiten. Leseprobe hier (Link auf externe Seite).

»Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall« … auch NichtleserInnen kennen den Science Fiction Autoren Philip K. Dick, der 1928 in Chicago geboren wurde. Er war ein Meister von SF-Kurzgeschichten, von denen später nicht wenige zu Filmklassikern wurden. Es gibt Menschen, die halten seine Werke für ein »Kompendium der angewandten Philosophie« (so steht es auf dem Buchdeckel meiner fünfbändigen Haffmannausgabe der Kurzgeschichten). Von der Berliner Illustratorin Katia Fouquet mag man vielleicht ihre gefeierten Comic Adaption von Camus »Jonas oder der Künstler bei der Arbeit« von 2013 kennen. In diesem  eben bei der Büchergilde Gutenberg erschienenen Heft bringt sie auf 32 farbenfrohen Seiten (es knallt förmlich ins Auge) die 23-seitige Kurzgeschichte »Ach, als Bobbel hat man’s schwer« von Philip K. Dick ins Bild, wobei sie eng am Original bleibt. Und manchmal schafft sie sogar wunderbare Übergänge, wo sie Philip K. Dick nicht fand: Zum Bespiel gegen Schluss, als Vivian mit ihren Kindern auf der Suche nach ihrem Mann bei Dr. Jones vorstellig wird und während des Gesprächs die Kinder in den Nachrichten des laufenden Fernsehers ihren Vater sehen. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, um was es in dieser Kurzgeschichte eigentlich geht.