George Simenon: Der Mann, der den Zügen nachsah
DER MANN, DER DEN ZÜGEN NACHSAH
Diogenes Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-257-24110-5
Kees Popinga erfährt von seinem Chef, daß dessen Firma betrügerischen Konkurs macht. Er verliert damit nicht nur seine Arbeit, sondern auch noch alles Ersparte. Und er beschließt, nicht mehr wehmütig den Zügen nachzusehen, sondern sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er bricht aus und verläßt Frau und Kinder. Wenig später ermordet er die Geliebte seines Chefs, weil diese ihn auslacht. Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen. Poponga versucht sich zu befreien, er agiert geschickt, naiv, manchmal brutal. Aber der Kreis um ihn wird eng und enger. Und wir Leser ahnen, daß er scheitern wird. Ist er wirklich gescheitert am Schluß? Oder hat er sich befreien können?
Ich klappe das Buch zu und bin mir nicht sicher. Ich weiß aber, daß mich Simenons Romane immer wieder aufs Neue gefangennehmen.

Man muß das mögen: Du liest und liest, atemlos, ohne wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht, aber gefangen von der Handlung, den kurzen Sätzen, den Sätzen wie Regieanweisungen, wie Pistolenschüsse. Nie Überflüssiges, kein Geschwafel. Doch wer sich darauf einläßt, wird am Schluß reich belohnt: denn tatsächlich erst auf den letzten Seiten, da klären sich die Geschehnisse und die Details erschließen sich. So soll es sein, oder?
Der Inhalt sei aus dem Klappentext zitiert: “ … Von einer Sekunde auf die andere muss Adam Kindred, angesehener Klimatologe auf Durchreise in London, untertauchen. Jeder Weg zu seinem früheren Leben ist versperrt. Kontakt zur Familie nicht möglich, Kreditkarte und Mobiltelefon nicht zu benutzen, das Hotelzimmer außer Reichweite. Nur Stunden zuvor hatte er in einem kleinen italienischen Restaurant in Chelsea Philip Wang kennengelernt, Chef-Entwickler des Pharmakonzerns Calenture-Deutz.“
Einiges spricht gegen den Kauf des Romans: Das unscheinbare Design des Umschlags (erinnert irgendwie an rororo aus den 1970ern), und dann das Genre: Letzte Schicht ist ein Wirtschaftskrimi (wers mag … mein Thema eigentlich nicht, denn ich verliere da jedesmal schnell den Überblick) und nimmt Bezug auf eine reale Affäre, die in den 1990er Jahren Schlagzeilen machte: den Kampf von Alcatel und Matra-Daewoo um den Kauf von Thomson, einer Lothringer Elektronikfabrik. Es geht um elende Arbeitsbedingungen, den Verstrickungen und Methoden der Hochfinanz und den Gesetzmäßigkeiten des entfesselten Kapitalismus. Folgerichtig werden am Anfang des Romans zwei Links (s. unten) präsentiert, die diesen Hintergrund aus wirtschaftlicher Sicht verdeutlichen. Aber auch jede Menge Tempo, Brutalität, Spannung und Action haben in diesem Roman ihren Platz.