Graphic Novel

Büchergilde Gutenberg 2019, Die Tollen Hefte – Band 46, Original-Flachdruck mit vier Sonderfarben und einer Beilage (Text der Kurzgeschichte), Fadenknotenheftung mit Schutzumschlag, limitierte Auflage, 32 Seiten. Leseprobe hier.

»Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall« … auch NichtleserInnen kennen den Science Fiction Autoren Philip K. Dick, der 1928 in Chicago geboren wurde. Er war ein Meister von SF-Kurzgeschichten, von denen später nicht wenige zu Filmklassikern wurden. Es gibt Menschen, die halten seine Werke für ein »Kompendium der angewandten Philosophie« (so steht es auf dem Buchdeckel meiner fünfbändigen Haffmannausgabe der Kurzgeschichten). Von der Berliner Illustratorin Katia Fouquet mag man vielleicht ihre gefeierten Comic Adaption von Camus »Jonas oder der Künstler bei der Arbeit« von 2013 kennen. In diesem  eben bei der Büchergilde Gutenberg erschienenen Heft bringt sie auf 32 farbenfrohen Seiten (es knallt förmlich ins Auge) die 23-seitige Kurzgeschichte »Ach, als Bobbel hat man’s schwer« von Philip K. Dick ins Bild, wobei sie eng am Original bleibt. Und manchmal schafft sie sogar wunderbare Übergänge, wo sie Philip K. Dick nicht fand: Zum Bespiel gegen Schluss, als Vivian mit ihren Kindern auf der Suche nach ihrem Mann bei Dr. Jones vorstellig wird und während des Gesprächs die Kinder in den Nachrichten des laufenden Fernsehers ihren Vater sehen. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, um was es in dieser Kurzgeschichte eigentlich geht.

Penguin Verlag 2018, 280 Seiten, durchgehend vierfarbig illustriert, handgeschrieben und -gestaltet, ISBN: 978-3-328-60005-3

Sehr jung, ohne Kenntnisse im Französischen und mit schmaler Geldbörse bin ich vor über 40 Jahren Richtung Paris getrampt. Irgendwo vor Reims wurde ich von einer Polizeimannschaft aufgehalten. Ich versuchte die Konversation auf Englisch, denn Deutsch in Frankreich zu sprechen schien mir zu gewagt. Das tut man nicht, Geschichte und so. Ich bekam Schwierigkeiten, denn ein Deutsch sprechender Polizist legte meinen hilflosen Versuch als Betrug aus: Warum tun Sie so, als wären sie Engländer? Die Sache ging gut aus und ich traf später in einer Jugendherberge in Paris eine junge Frau, die jüdischer Abstammung war. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber wir konnten uns auf Englisch unterhalten. Sie war der erste jüdische Mensch, mit dem ich bewusst sprach. Beklemmung, Schamgefühl, Neugier und wieder die Geschichte. Zwei Episoden meiner frühen Jahre, die sich mir ins Gedächtnis spülten, als ich »Heimat« von Nora Krug las und betrachtete. Und dann ist da noch die Ahnenforschung, die mich auf der Suche nach Heimaten viele Jahre intensiv beschäftigt hat und die ich heute noch sporadisch betreibe. Kurzum: »Heimat«, in dem sich die Illustratorin und Autorin Nora Krug auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Familie während der Nazizeit begibt, hatte bei mir ein komplettes Heimspiel. Und dieses Heimspiel wurde zu einem Leseerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Büchergilde Gutenberg 2017, 152 S., ISBN 978-3-86406-068-7, durchgehend illustriert und handgelettert, zweifarbig gedruckt, Format 21 x 27 cm.

Geboren 1724 in Königsberg in Ostpreußen, der Haupt- und Residenzstadt in Preußen, die heute Kaliningrad heißt. In dieser Stadt wird er auch fast 80-jährig sterben. Ein Gigant der Philosophie: Immanuel Kant. 1781 und 1787 schrieb er eines der folgenreichsten Bücher der Philosophiegeschichte: Die »Kritik der reinen Vernunft«. In seinem Hauptwerk analysierte Kant die Grenzen der menschlichen Vernunft und damit die der Wissenschaft. Der Gottesbeweis war widerlegt und die katholische Kirche setzte das Werk 1827 auf den Index der verbotenen Bücher. Seit der Veröffentlichung der »Kritik der reinen Vernunft« ist klar: Die Welt ist das, was wir uns vorstellen. Viele seiner Zeitgenossen hat dieses Buch schockiert und in Verzweiflung gestürzt und es bleibt für die Wissenschaft bis heute folgenreich. In einer Graphic Novel hat Antje Herzog diesem »Alleszermalmer« und schrulligen Zeitgenossen ein modernes Denkmal gesetzt, indem sie Anekdoten und Episoden aus dem Leben des Philosophen auf 152 Seiten nacherzählt. Ihre Illustrationen sind in schwarz-weiß gehalten, unterbrochen von einem leuchtend-warmen Gelb, der Lieblingsfarbe Immanuel Kants. Die Graphic Novel wurde 2017 veröffentlicht und ich habe sie jetzt mit dem allergrößtmöglichen Vergnügen gelesen.

Chris Ware, der Erschafffer des außergewöhnlichen Comics „Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt“, das es jetzt endlich auch in deutscher Sprache gibt, auf der Leipziger Buchmesse. Der Ton ist leider nicht so berühmt, interessant ist das Interview auf jeden Fall. Einen lesenswerten Aufsatz von Katja Lüthge über die berühmte Graphic Novel gibt es hier in der Taz zu lesen. Wer Leseproben ansehen will, sei auf die entsprechende Seite des Reprodukt Verlags hingewiesen.

ALOIS NEBEL
Voland & Quist, 360 Seiten, ISBN 978-3-863910-12-9

Schon Wolfgang Hildesheimer ließ seinen Romanhelden in Tynset Kursbücher lesen und auch Alois Nebel, Fahrdienstleiter an einem kleinen Bahnhof an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, im ehemaligen Sudetenland, sammelt und liest am liebsten Fahrpläne („Ich lese auch gerne auf dem Klo. – Was denn? – Fahrpläne. Da ist immer alles gleich“). Geplagt wird er von Alpträumen, die ihn bei nebliger Witterung heimsuchen: Geister aus den Epochen der jüngeren Geschichte Mitteleuropas (Nazizeit, Vertreibung der Deutschen, sowjetische Besatzung) fahren in Zügen durch Alois Nebels Bahnhof. Schließlich bringen diese düsteren Visionen den Helden in eine Nervenheilanstalt. Er lernt den mysteriösen Stummen kennen und freundet sich mit ihm an. Der Kampf gegen seine Dämonen beginnt, und auch eine wunderbare Liebesgeschichte.

IM VISIER
Edition Moderne, 106 Seiten, ISBN 978-3-03731-085-4

Es ist spätabends, der Fernseher bleibt aus. Ich liege auf der Couch. Nippe gelegentlich am Glas Rotwein. Vor meinen Augen geht Martin Terrier seiner Arbeit nach. Er ist ein Berufskiller. Auf den ersten Seiten tötet er zwei Menschen in Liverpool, zurück in Paris lenkt er seinen Citroen durch die nächtliche Metropole. Er will aufhören, hat genug, will den Rest seiner Tage mit seiner Jugendliebe Alice verbringen. Doch das ist nicht so einfach, denn seinem Auftraggeber Mr. Cox paßt das gar nicht… es gibt eine Menge Probleme.

„Im Visier“ ist ein Thriller von Jean-Patrick Manchette. Gezeichnet hat ihn Jaques Tardi (120, Rue De La Gare [nach Malet], Elender Krieg [nach Verney], Der Dämon im Eis, Adeles ungewöhnliche Abenteuer). Tardi macht aus seinen Vorlagen stets etwas eigenes, er verändert nicht, sondern gibt etwas hinzu. Für mich ist er der beste Comiczeichner der Welt (keiner zeichnet das Paris der 1950er Jahre wie er). „Im Visier“ ist brutal, schnell, lakonisch, gnadenlos, mit den Bildern von Tardi unwiderstehlich.

Artikel in der TAZ über „Im Visier“

HABIBI
Reprodukt, 672 Seiten, ISBN 978-3-941099-50-0

In dieser 2011 erschienenen Graphic Novel des Amerikaners Craig Thompson (sein „Blankets“ erhielt 2005 auf der Frankfurter Buchmesse den Preis als bestes Comic des Jahres) wird eine Geschichte wie aus Tausendundeiner Nacht erzählt, eine moderne Odyssee, eine islamische (und zugleich biblische) Mythologie in Bildern … eine Huldigung der Kalligraphie, des gesprochenen und geschriebenen Wortes und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe. Die 660 Seiten von Habibi (zu übersetzten mit „mein Geliebter“) bieten das alles und noch vieles mehr … ein ganz und gar wunderbar-wunderliches Buch.

ALTE MEISTER
Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, ISBN 978-3-518-46293-5

Waren Asterix und Obelix und später Hergés Tim und Struppi die Comic-Helden meiner Kindheit und Jugend (und grad Hergés Zeichnungen liebe und bewundere ich heute noch mehr), so wurde ich von Jaques Tardi in die Welt der Graphic Novel eingeführt. Sein Nester Burma ist der fleischgewordene Held aus den Geheimnissen von Paris von Leo Malet (und nicht der Burma dieser unsäglichen Fernsehreihe, die mit der Atmosphäre der Malet Krimis nichts gemein hat). Seit ich Tardi kenne interessieren mich Graphic Novels.