Noch eine rasche Empfehlung: Joaquim Maria Machado de Assis ›Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas‹

Joaquim Maria Machado de Assis ›Memórias Póstumas de Brás Cubas‹ – es soll Leute geben, die Portugiesisch lernen wollen, nur um diesen Roman im Original zu lesen, wie ich heute weiß. Ein wenig abenteuerlich war der Weg schon, wie ich zu diesem Roman dieses mir vorher gänzlich unbekannten Autors kam. Zuerst berichtete mir eine gute Freundin von einer Buchinfluencerin (oder wie man das nennt?), die auf TikTok von diesem Buch nur so schwärmte. Dann forschte ich natürlich in Wikipedia und schaut in ›litteratur.ch‹ nach. Das Ergebnis: Das Buch schien wirklich besonders zu sein. Da weder die Ausgabe bei Manesse, noch die bei Suhrkamp im Handel erhältlich sind, habe ich mir eine blitzsaubere Manesse-Ausgabe antiquarisch besorgt. Und hatte dabei großes Glück (mehr dazu unten).

Was muss man von dem Autor wissen? Joaquim Maria Machado de Assis wurde 1839 in Rio de Janeiro geboren, stammte aus ärmlichen Verhältnissen und war portugiesischer und afrikanischer Abstammung. Nicht die besten Voraussetzungen für eine wie immer geartete Karriere in Brasilien. Machado de Assis aber schrieb Romane, Geschichten und Gedichte und als er 1908 in Rio de Janeiro starb, starb mit ihm der bis dahin wichtigste und einflussreichste Schriftsteller Brasiliens, der die moderne Literatur in eben diesem Land beginnen ließ. (Nebenbei: Machado lebte also fast parallel zu meinem Regalheiligen Wilhelm Raabe)

Machado de Aissis schrieb diesen Roman 1880. Eine ironische, bisweilen schalkhafte, schonungslose Abhandlung über das Seelenlebens des Erzählers. Der Ich-Erzähler Bras Cubas (1805-1869) ist bereits tot, als er uns Lesenden seine Lebensgeschichte mit leichter Verzögerung, aber dann fast durchgehend chronologisch von der Geburt bis eben zu seinem Sterben darbietet. Am Ende der 354 Seiten, so könnte man meinen, ist eben nicht viel passiert: Der aus guten Verhältnissen stammende Bras Cubas hat nichts von dem erreicht, was man aus bürgerlicher Sicht als Erfolg verzeichnen würde: Keine Karriere, keine Ehe (doch eine, beinahe, aber die Frau stirbt vor der Trauung), keine Kinder, keine Erfindung. Er kann sich dieses Negativleben allerdings auch leisten, er hat familiäres Geld zur Verfügung. Man kommt was den Stil betrifft nicht umhin, bei der Lektüre permanent an Sternes Tristam Shandy zu denken, aber nie wird dieses Hintergrundrauschen unangenehm: Zwar übernimmt er vieles, bis hin zu Kapiteln, die lediglich aus Satzzeichen bestehen, Hinweise zu zurückliegenden Kapiteln oder direktes Ansprechen der Leser, aber sein Stil bleibt dennoch ganz eigen. Und ganz so ausschweifend wie Sterne ist Machado auch nicht.

Dieser Roman bietet in Teilen einen morbiden Humor, viel Ironie, Bittersüßes und dann mittendrin diese Abstürze in die entsetzliche Realität. Zumindest habe ich das so empfunden, wenn zum Beispiel ein freigelassener Sklave einen anderen Sklaven mit dem Ochsenziemer brutal züchtigt. Oder wenn die hilfreiche ehemalige Schneiderin Donna Placida, eine Figur die man doch lieb gewonnen hat, mitleidlos im Elend versinkt. Der Erzähler gehört ganz seiner Klasse an, was Machado an solchen Stellen deutlich werden lässt, denn der tote Cubas erzählt von diesen Episoden seines Lebens ohne größere Gefühlsregungen. Der Roman ist also komplex und lässt viele Lesarten zu.

Dieses Buch war nun das letzte, welches ich in diesem Jahr gelesen habe. Und es gehört ganz gewiss zu den unbedingten Highlights: Ein unverblümtes, immer unterhaltsames und sehr intelligentes Buch, das man wirklich kennen sollte. Ich bin restlos begeistert. Leider ist diese Ausgabe wie auch die von Suhrkamp nur sehr schwer oder nur überteuert zu bekommen. Als Maßstab: Ich habe vor einem Vierteljahr eine blitzsaubere Ausgabe der Neuauflage bei Manesse für unter zwanzig Euro erstanden. Zurzeit werden die Bücher um die 90 oder 100 € angeboten. Bei aller Liebe. Hoffen wir auf baldige Neuauflagen.

Für alle, die vielleicht auf Suchmaschinen wie Eurobuch setzen, die folgende Informationen:

  • 1950 erschien im Manesse Verlag ›Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas‹, übersetzt von Wolfgang Kayser. Eine Neuausgabe gab es 2004 mit einem Nachwort von Susan Sontag. Die ISBN dieser Neuausgabe lautet 3717520180.
  • 1967 erschien bei Rütten & Loening eine Übersetzung von Erhard Engler unter dem Titel ›Posthume Erinnerungen des Bras Cubas. Nachträge zu einem verfehlten Leben.‹ 1979 kam diese Übersetzung bei Suhrkamp heraus. Die ISBN für die Suhrkamp Ausgabe: 3518369946.

Was bleibt: Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch!

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