Lit: Belletristik

Nun muss man vielleicht niemanden erklären, wer Jorge Luis Borges (1899-1986) war, dieser argentinische Bibliothekar aus Buenos Aires, Lyriker, Meister der Kurzgeschichte und Essayist. Labyrinthische Texte, Reflexionen, phantastische Erzählungen und nicht selten eine faszinierende intellektuelle Herausforderung für die Leser. Eine legendäre Figur, deren Einfluss auf die Schriftstellergenerationen nach ihm weit über Lateinamerika hinaus unbestritten ist. Die wir Borges im Regal stehen haben, kennen die Fischer Taschenbücher, die zwanzigbändige TB-Werkausgabe von Hanser und deren zwölfbändige Jubiläums-Leinenausgabe von 1999. Damit ist nun Schluss, denn die Autorenrechte hat der relativ junge Verlag Kampa aus Zürich ersteigert. Der erste große Band mit Erzählungen liegt bereits vor, die Gedichte sollen dieses Jahr noch folgen. Neben den Erzählungen kam 2026 auch das Konzeptbuch ›Atlas‹ heraus.

Meine Lektüre war in mehrfacher Hinsicht besonders. Arthur Machen, ein walisischer Autor, der von 1863 bis 1947 gelebt hat, ist ein immer wieder genannter Geheimtipp der Horror-Literatur. Man könnte, so Joachim Kalka, dem Übersetzer der 2025 im ›Elfenbein Verlag‹ in 2. Auflage erschienenen sechsbändigen Werkausgabe, Arthur Machen auch einen Mystiker nennen. Machens wichtige Werke entstanden innerhalb von 15 Jahren, in denen der Autor finanziell unabhängig war. In seiner Literatur finden sowohl das wildromantische Wales, die Heimat von Elfen und anderen Elementargeistern, wie auch der Moloch London, der zur modernen, unübersichtlichen Metropole wird, ihren Platz.

Den britischen Schriftsteller Ian McEwan wird man spätestens seit ›Abbitte‹ oder ›Saturday‹ kennen, wenn man sich für Gegenwartsliteratur interessiert. Nun, in meinem Fall war es ein Lustkauf: Ich stöberte im Büchergilde-Regal meiner Buchhändlerin, dieses Jahr hatte ich noch nichts gekauft, und ich nahm das schön aufgemachte Buch zur Hand, um im Klappentext u. a. zu lesen: 2119 forscht der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe über einen langen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy, den dieser seiner Frau Vivien zu deren Geburtstag 2014 gewidmet hat und der ein Mythos ist, weil er seitdem verschwunden ist. Das Setting klingt ziemlich merkwürdig und Bedarf der näheren Erklärung.

Joaquim Maria Machado de Assis ›Memórias Póstumas de Brás Cubas‹ – es soll Leute geben, die Portugiesisch lernen wollen, nur um diesen Roman im Original zu lesen, wie ich heute weiß. Ein wenig abenteuerlich war der Weg schon, wie ich zu diesem Roman dieses mir vorher gänzlich unbekannten Autors kam. Zuerst berichtete mir eine gute Freundin von einer Buchinfluencerin (oder wie man das nennt?), die auf TikTok von diesem Buch nur so schwärmte. Dann forschte ich natürlich in Wikipedia und schaut in ›litteratur.ch‹ nach. Das Ergebnis: Das Buch schien wirklich besonders zu sein. Da weder die Ausgabe bei Manesse, noch die bei Suhrkamp im Handel erhältlich sind, habe ich mir eine blitzsaubere Manesse-Ausgabe antiquarisch besorgt. Und hatte dabei großes Glück (mehr dazu unten).

Noch einmal melde ich mich kurz in diesem Jahr. Natürlich um allen Leserinnen und Lesern meines Blogs schöne und hoffentlich entspannte Feiertage und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Bleibt alle schön gesund und habt möglichst wenig Sorgen! Aber ich will auch von letzten Lektüren und meinem Bücherstapel berichten. Wie immer vor Weihnachten habe ich ein kleines Türmchen gebaut und will mal sehen, in welches Stockwerk mich mein Gemüt lesend treibt.

Die Frau in Männerkleidung, frühe Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frau, Partnerin von Chopin, ›Ein Winter auf Mallorca‹, der wunderbare Briefwechsel mit Flaubert … dieses und noch mehr mag einem einfallen, wenn man an George Sand (1804—1876) denkt. Sie hat aber auch über 60 Romane geschrieben. ›Nanon‹, die Entwicklungsgeschichte einer Frau aus dem bäuerlichen Milieu in den Jahren 1787 bis 1795 (vielleicht auch eine Hommage an die Mutter von George Sand), wurde 1872 zunächst als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Der Roman (im Buch 379 Seiten) gehört also zu den letzten größeren Werken von George Sand. Der Hanser Verlag hat bei dieser Ausgabe nicht gekleckert: Die Übersetzerin Elisabeth Edl steht für die Übertragung ins Deutsche und die Ausgabe ist mit zusätzlichen 100 Seiten Nachwort, Chronologie der Französischen Revolution, einer Zeittafel, der Biographie von George Sand und Anmerkungen ausgestattet. Klassikerstandard also.

Nein, eine Rezension oder gar Kritik dieses ersten Teils der Joseph-Tetralogie von Thomas Mann werden diese Bemerkungen nicht sein. Dazu fehlt mir an Fachwissen so ziemlich alles. Ich habe mich an ›Die Geschichten Jaakobs‹ herangewagt, nachdem ich wieder und wieder um das umfangreiche Romanwerk der Joseph-Romane herumgeschlichen bin, und werde hier in groben Zügen meine Erfahrung teilen. Es gibt ein paar Hindernisse, die zu überwinden gilt, aber am Ende alles halb so wild. Das Vergnügen ist groß, viel größer als erwartet. Zuerst also ein kleiner Überblick, um was es sich bei diesem vierteiligen Zyklus überhaupt handelt.

Die Neuausgabe von Eduard von Keyserlings ›Wellen‹ in der ›Manesse Bibliothek‹ 2011 hatte mal wieder für einige Bewegung im deutschsprachigen Feuilleton gesorgt: Die soundsovielte Wiederentdeckung des Autors. Inzwischen gibt es auch noch Sammlungen der Erzählungen (2018), der späten Romane (2019) und der Feuilletons (2021) in der Schwabinger Ausgabe, ebenfalls bei Manesse. Eduard Graf von Keyserling entstammt dem baltischen Zweig der ländlich-adeligen Familie Keyserlingk auf Schloss Tels-Paddern im heutigen Lettland, so steht es in Wikipedia. Er wurde dort 1855 geboren und starb schwer krank und verarmt, doch bis zuletzt außerordentlich produktiv 1918 in München. Der Roman ›Wellen‹ von 1911 gehört zu seinem Spätwerk und stellt ohne Zweifel einen Höhepunkt seines Schaffens dar.

Virginia Woolfs 1925 erschienen Roman ›Mrs. Dalloway‹ war längst einmal an der Reihe, von mir gelesen zu werden. Zu lange schon stand die Neuübersetzung von Melanie Walz aus dem Jahre 2022 ungelesen im Regal. Als nun in Bluesky, einer Social-Media-Plattform, die ich nach dem Abgesang von Twitter neben Mastodon (Fediverse) nutze, ein Buchclub die Lesung von Mrs. Dalloway in 11 Tagen (10 Lesetage, ein Ruhetag) ankündigte, war ich dabei. Ich habe noch nie in einem Lesekreis mitgemacht, ich hatte Mrs. Dalloway noch nicht gelesen, also los.

Kennt man Angela Carter heute noch? Sie war keine Unbekannte als 1979 ihr wohl berühmtestes Buch ›The Bloody Chamber‹ veröffentlicht wurde. Als Godmother der feministischen (Horror-) Literatur bezeichnet sie Suhrkamp im Klappentext. Ganz so einfach ist das mit solchen Zuschreibungen vielleicht nicht, wie wir noch sehen werden. Auf jeden Fall hat sich der Verlag 46 Jahren nach Erscheinen der Erstausgabe daran gemacht, dieses sehr besondere Buch in einer (sehr guten) Übersetzung von Maren Kames neu aufzulegen. Ich kannte Angela Carter, die in England zu den wichtigsten Autorinnen der Nachkriegsliteratur zählt, nicht, ich kannte auch dieses Buch nicht und ich staunte bei der Lektüre nicht schlecht.