Deutschland

Klett-Cotta, 304 S. (Print), ISBN: 978-3-608-94807-3

Allein bei dem Titel „Kriegsenkel“ hört man provozierte Stimmen aus dem Off: „Was habt ihr denn schon mit dem Krieg zu tun? Ihr habt doch ein sorgenfreies Leben.“ So raunen die Kriegskinder, während viele Freunde der in den 1960ern geboren und heute längst erwachsenen Enkel Generationskonflikte als für zwingend erledigt betrachten. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das behauptet Sabine Bode in ihrem 2009 erschienen Buch. Doch worum geht es eigentlich?

Bildschirmfoto 2013-03-29 um 19.49.26Die letzten Tage konnte ich des Öfteren über die Charaktereigenschaft „Scheu-sein“ lesen und hören. Da ist zum einen der neue erste Katholik, dem  man diese Eigenschaft nachsagt, zum anderen wird der heranwachsende Big Daddy Wilson als extrem scheuer Junge vom Lande, der in Edenton, North Carolina, bei Mutter und Großmutter aufwächst, beschrieben. Wochentags besuchte er die Schule, Sonntags ging’s in die Kirche. Schließlich verließ Young Wilson mit 16 Jahren das behütete Zuhause und schloß sich wie viele junge Amerikaner der Armee an. Wenige Jahre später verliebte er sich in eine deutsche Frau und blieb. Das Schicksal nahm seinen Lauf: Ausgerechnet in Deutschland besuchte er sein erstes Blueskonzert und wurde illuminiert. Das Gedichteschreiben trat in den Hintergrund, fortan gab es ein Ziel: Blues! Er mußte auf die Bühne, und spätestens hier verlor sich die Scheu. Bei RUF Records folgte vor nicht ganz zehn Jahren die erste CD, inzwischen sind es acht, der Mann hat Nachholbedarf.

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Rund 100 Bäume an den Dämmen entlang der Schillerwiesen ließ das Wasser- und Schifffahrtsamt in Regensburg roden. Ob begründet (Hochwasserschutz?) oder nicht: Es ist ein sehr trauriges Bild entlang unserer Joggingpiste.

Evolver, 200 Seiten (Print), ISBN: 978-3950255874

Das Gute zuerst: Es geht in Fleischwölfe nicht um Vergewaltigung, wie das Cover nahelegen könnte. Es geht um Kannibalismus: Äpfel sind böse (sagt die Bibel), wir sind Gottes Kinder, wir essen Fleisch. Das Fleisch von zufällig vorbeifahrenden Passanten in einer atomverseuchten Wüste. Beschrieben wird die Nahrungsbeschaffung der reizenden Familie Stern aus verschiedenen Perspektiven: Die des Sohnes der Familie, eines ehemaligen Polizisten, eines Liebhabers des Horrorvideo-Genres, eines Toten und mehr. Dann stellt sich noch die Frage, ob es den Film, dem das Buch vorausging, überhaupt gibt, geben kann? Oder ist alles Fiktion? Und was machen die Medien daraus?

»Stettin, den 1. September 1916. Herrn und Frau N.N.! Die gewaltige Wendung, die die Gnade des allmächtigen Gottes, unsere durch seine Macht und Kraft bewaffneten Truppen uns errungen haben, lassen uns in eine große gesegnete kommende Zeit blicken. Möchte unser Volk so viel Gnade nie vergessen, nie den alten Gott, der Staat und Volk vor allem Übel bewahrt. Ihre Wohnung kostet vom 1. Oktober ab 30 Mark. Achtungsvoll Frau R.«

(Karl Kraus: Die Fackel Nr. 445-453, 68)

LANDGERICHT
Jung und Jung, 496 Seiten, ISBN 978-3-99027-024-0

Warum lese ich diesen Roman? Aufmerksam geworden wurde ich wieder einmal durch den Bücherdiwan auf Bayern 2, sowie den vielen Berichten in den Medien, denn Frau Krechel hat dieses Jahr für Landgericht den Deutschen Buchpreis erhalten. Und ich interessiere mich für Geschichte, vor allem Familiengeschichte. Was in den Köpfen der Menschen der jungen Bundesrepublik vor sich ging, ist für mich ein höchst interessantes Thema.

HEERESBERICHT
Nikol Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-86820-129-1

Edlef Köppen wurde 1893 geboren. Er war Kriegsfreiwilliger und nahm von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am I. Weltkrieg teil. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seinem bekanntesten Roman „Heeresbericht“, der 1930 veröffentlicht wurde. 1939 starb Köppen an den Folgen einer Kriegsverletzung.

Im „Heeresbericht“ werden die Erlebnisse des anfangs kriegsbegeisterten Adolf Reisiger von 1914 bis 1918 geschildert. Sie enden mit Reisigers psychischen Zusammenbruch und seiner Einlieferung in eine Heilanstalt. Erzählt wird in einem lakonischen Ton, ohne jede Weinerlichkeit oder Kaltschnäuzigkeit. So steht dieser Roman irgendwo zwischen Remarques „Im Westen nichts Neues“ und Jüngers „In Stahlgewittern“. Köppen bedient sich des Montierens von Originaldokumente (Zitate des Kaisers, Zeitungsberichte, Reklame, Tagebucheinträge, etc.) im Text, sowie gelegentlich eingeschobener Bewußtseinsströme. Der Roman wirkt bei heutiger Lektüre ungeheuer modern und erzeugt große Intensität. Zu Unrecht steht er in der zweiten Reihe derjenigen Romane, die den I. Weltkrieg zum Thema haben.