Christina Wessely: Löwenbaby

Matthes & Seitz, Berlin 2019, 90 Seiten, ISBN: 978-3-95757-716-0, auch als E-Book erhältlich.

LeserInnen meines Blogs wissen: Ich höre Podcasts, vor allem solche, die über Literatur sprechen. Oder aber welche, die außergewöhnliche, interessante Interviews zu Gehör bringen. »Durch die Gegend« mit Host Christian Möller habe ich vor nicht allzu langer Zeit hier vorgestellt. Herr Möller macht aber auch noch andere Sachen. Zum Beispiel stellt er als einer von mehreren ModeratorInnen Bücher zu bestimmten Themen in der WDR3 Sendung »Gutenbergs Welt« vor. Mitte April hieß das Thema »Im Tierreich« und eines der besprochenen Bücher hieß »Löwenbaby« von Christina Wessely. Ein schmales Bändchen, das eine Art kleine Kulturgeschichte der Menschen-mit-Löwenbabys Fotografie darstellt. »Wer schreibt denn über so etwas? Braucht es das auch noch?«, möchte man da ausrufen. Nun, die in Wien geborene Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Christina Wessely hatte mein Interesse mit diesem Buch sofort geweckt. Und das hat einen Grund.

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Dritter Teil: Karl und Rosa

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN: 978-3-10-015557-3, 784 Seiten, als Taschenbuch und E-Book erhältlich

Also noch einmal 775 Seiten gelesen und den Lesemarathon der vier Bände des Erzählwerks »November 1918. Eine deutsche Revolution« von Alfred Döblin über die Ziellinie gebracht. 1943 hatte Döblin es endlich geschafft und den Riesenroman mit diesem vierten Teil unter schwierigen Umständen (quälende Sorge um die Söhne, stark eingeschränkter Quellenzugang, finanzielle Situation) im Exil in Los Angeles abgeschlossen. Es sollte für den Autor im weiteren Verlauf der Jahre allerdings schwierig werden, Verleger und Publikum zu finden. Die Beachtung eines Thomas Manns blieb Alfred Döblin trotz immensen Arbeitspensums ein Leben lang verwehrt. Dieser letzte Band erzählt beginnend mit der Haft Rosa Luxemburgs von Mitte Dezember 1918 bis zum Tod von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919. Neben der großen Revolutionärin als historische Person ist der fiktive ehemalige Lehrer Friedrich Becker eine Hauptperson dieses Buches. Aber auch das Leben des einst berühmten Dramatikers Erwin Stauffers wird weiter erzählt. 

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Zweiter Teil, Zweiter Band: Heimkehr der Fronttruppen

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN: 978-3-10-015556-6, 576 Seiten, als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

Ich habe also auch den zweiten Band des zweiten Teils, oder wenn man die einzelnen Bände als Maß nimmt, den dritten von vier Teilen von Alfred Döblins »November 1918 – Eine deutsche Revolution« gelesen. Als ich »Heimkehr der Fronttruppen« begann, hatte ich bereits 950 Seiten über die deutsche Revolution gelesen, und ich gebe zu, dass ich gewisse Bedenken hatte, ob nicht mein Interesse am Thema nachlassen könne, zumal die vier Bände von Buch zu Buch immer umfangreicher werden. Es traf sich gut, dass dieser dritte Band mir bisher am besten gefallen hat. Die Handlungen verdichten sich und die Konzentration auf wenige Personen fördern die Leselust. Wir starten am 8. Dezember 1918, Woodrow Wilson, der amerikanische Präsident betritt die europäische Bühne mit dem Plan, einen Völkerbund zu gründen. Der große Vernünftige hat keine Chancen gegen die europäischen Alphatiere, die sich an Deutschland für vergangene Untaten rächen wollen. Im letzten Kapitel des Buches, eine Art Ausblick, wird eindrucksvoll erzählt, wie dieses Scheitern bereits die Saat für weit Schlimmeres streut. Die eigentliche Handlung dieses Teils endet am 14. Dezember. Es wird Zeit, die wichtigsten Personen zu erwähnen.

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Zweiter Teil, Erster Band: Verratenes Volk

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN: 978-3-10-015555-9, 492 Seiten, auch als Taschenbuch und E-Book erhältlich

Der zweite Band von »November 1918. Eine deutsche Revolution« »Verratenes Volk« erschien nach langer und komplizierter Entstehungsgeschichte 1948. Alfred Döblin war seit 1933 mit seiner Familie auf der Flucht, 1939 schließlich aus Frankreich in die USA. In Kalifornien, unter äußerst schwierigen Lebensumständen, war 1941 die Abschrift des zweiten Teils der Trilogie fertig geworden, ein Verleger konnte aber nicht gefunden werden. 1942 schließlich die Entscheidung, das zweite Buch in zwei Teile herauszugeben: »Verratenes Volk« und »Heimkehr der Fronttruppen«. So wurde aus der Trilogie eine Tetralogie. Der Zeitraum der Handlung dieses Bandes erstreckt sich von 22. November bis zum 7. Dezember 1918, vom Sturm auf das Berliner Polizeiministerium bis zum Schießen auf demonstrierende Spartakisten, befohlen vom SPD Stadtkommandanten Otto Wels. Döblin teilt diesen ersten Band des zweiten Teils der Trilogie (ich bleibe jetzt bei dieser Benennung) in fünf Abschnitte (Bücher genannt). Die einzelnen Kapitel der Bücher werden mit Überschriften versehen, manche werden um vorangestellte kurze, oft ironische Zusammenfassungen erweitert (man kennt das vielleicht aus »Berlin Alexanderplatz«). In der Hauptsache ist jetzt Berlin Handlungsort und die im ersten Teil vorgestellten Person werden weiter entwickelt. Eine andere Person, die später von großer Wichtigkeit sein wird, hat ihren ersten zaghaften Auftritt: Rosa Luxemburg.

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Erster Teil: Bürger und Soldaten 1918

S. Fischer Verlag, 2008, 2013, ISBN 9783100155542, 416 Seiten, als Taschenbuch und E-Book erhältlich

1939 erscheint der erste Druck von »November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Erster Teil: Bürger und Soldaten 1918«. Das Erzählwerk wird am Schluss vier Bücher umfassen, da der zweite Teil in zwei Teilbänden aufgeteilt ist. Deshalb werde ich hier trotz des Titels von einer Tetralogie sprechen. Seinen Abschluß wird »November 1918« mit »Karl und Rosa« 1943 finden. Auf den Erstdruck in deutscher Sprache wird dieser letzte Teil bis 1950 warten müssen. 1939 befindet sich Alfred Döblin, der 1878 als Sohn assimilierte Juden in Stettin geboren wurde, mit seiner Familie im Exil in Paris, ein Jahr später wird er nach den USA auswandern müssen, da der Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich bevorsteht. Döblin ist Sozialist (oder liberaler Linker, aber eigentlich lässt er sich kaum verorten, sitzt immer zwischen den Stühlen) und jüdischer Abstammung. In Deutschland werden seine Bücher verbrannt. Er hat neben zahlreichen anderen Werken bereits »Die drei Sprünge des Wang-Lun«, »Wallenstein«, »Berlin Alexanderplatz«, die Amazonas-Trilogie oder »Pardon wird nicht gegeben« veröffentlicht. Weltberühmt wird er mit »Berlin Alexanderplatz«. Seine Tetralogie über die Ereignisse der Novemberrevolution von 1918, an der er im Exil sechs Jahre von 1937 bis 1943 schrieb und die am Schluss fast zweitausend Buchseiten füllen wird, wurde lange Zeit vernachlässigt. Vollkommen zu Unrecht.

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Thomas Mann: Buddenbrooks – Verfall einer Familie

S. Fischer 2002, Text- und Kommentarband, 1592 S., ISBN: 978-3100483126, der Text ist auch in vielen anderen Ausgaben erhältlich, als E-Book oder als Taschenbuch empfehle ich die Ausgabe von Fischer Klassik (Plus).

Mein Verhältnis zu den Büchern Thomas Manns ist nicht ganz ungestört. Auf der einen Seite die endlosen Ausdeutungen des Krankheit-Genie Themas, die großbildungsbürgerliche Attitüde und das blasierte »Wo ich bin, ist Deutschland«. Dagegen diese ungeheure Stilsicherheit, Beobachtungsgabe und feine Ironie. Ich mag die Erzählungen wie »Der kleine Herr Friedemann« oder den »Tristan«, bei dem sich mir etwas unwiderstehlich Wohliges-Unheimliches einstellt, wenn er von Will Quadflieg oder Gert Westphal vorgelesen wird. Bei meinem ersten Versuch, den »Doktor Faustus« zu lesen, bin ich krachend gescheitert und habe den »Zauberberg« mehrmals versucht und genau so oft abgebrochen: Kann mir nicht helfen, zu künstlich das Setting, zu langweilig die Dialoge. Allerdings ein ganz und gar persönliches Urteil, dem viele LeserInnen gewiss zu recht laut widersprechen werden. »Joseph und seine Brüder« schließlich ist eine Romantetralogie, die recht weit oben auf meinem Leseplan steht. Und dann die »Buddenbrooks«, Thomas Manns erste Roman von 1901. Ich liebe diesen Roman. Wie sehr, ist mir in den letzten Tagen wieder bewusst geworden, als ich mir dieses Meisterstück das dritte Mal in meinem Leseleben vorgenommen habe. „Thomas Mann: Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ weiterlesen

Wilhelm Raabe: Werke in Einzelausgaben (Hrsg. Hans-Jürgen Schrader) – Band 3: Horacker

Insel Taschenbuch 1985, 182 S., ISBN 3-458-32583-2, Einzelausgaben der 10 Bände sind antiquarisch zu erwerben. Die vorgestellten Texte sind in Sammlungen oder als eBook leicht zu finden, mehr dazu in den Anmerkungen.

177 Seiten hat diese Geschichte, die erste der »der kurz=&=gutn 200=Seiter«, wie Arno Schmidt diese Folge von Romanen Wilhelm Raabes nannte. Entstanden ist das »Raubmörderidyll« 1875, direkt nach Abschluss der Krähenfelder Geschichten. Der Erstdruck war dann 1876. Der kleine Roman spielt in einem Dorf namens Gansewinckel im Weserland, der Heimat des Autors. Mit Horacker ist Cord Horacker, ein junger, aus der Fürsorgeanstalt entflohener Mörder und Jungfrauenschänder gemeint. Raabe spielt in dieser Geschichte wie so oft mittels seines biederen, abschweifenden, nicht selten an Jean Paul erinnernden Erzähltons, der aber offensichtlich auf etwas ganz anderes als auf Beschaulichkeit zielt. Raabe Erzählstil führt wieder einmal in die Irre. Die Kritik war entsprechend: Liebhaber feierten das Werk enthusiastisch, die meisten Feuilletons nannten den Roman eher drollig, mit Längen, Unverständlichkeiten und Unklarheiten. Grund genug der Sache einmal auf den Grund zu gehen. 142 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung habe ich Horacker gelesen. „Wilhelm Raabe: Werke in Einzelausgaben (Hrsg. Hans-Jürgen Schrader) – Band 3: Horacker“ weiterlesen

Antje Herzog: Lampe und sein Meister Immanuel Kant

Büchergilde Gutenberg 2017, 152 S., ISBN 978-3-86406-068-7, durchgehend illustriert und handgelettert, zweifarbig gedruckt, Format 21 x 27 cm.

Geboren 1724 in Königsberg in Ostpreußen, der Haupt- und Residenzstadt in Preußen, die heute Kaliningrad heißt. In dieser Stadt wird er auch fast 80-jährig sterben. Ein Gigant der Philosophie: Immanuel Kant. 1781 und 1787 schrieb er eines der folgenreichsten Bücher der Philosophiegeschichte: Die »Kritik der reinen Vernunft«. In seinem Hauptwerk analysierte Kant die Grenzen der menschlichen Vernunft und damit die der Wissenschaft. Der Gottesbeweis war widerlegt und die katholische Kirche setzte das Werk 1827 auf den Index der verbotenen Bücher. Seit der Veröffentlichung der »Kritik der reinen Vernunft« ist klar: Die Welt ist das, was wir uns vorstellen. Viele seiner Zeitgenossen hat dieses Buch schockiert und in Verzweiflung gestürzt und es bleibt für die Wissenschaft bis heute folgenreich. In einer Graphic Novel hat Antje Herzog diesem »Alleszermalmer« und schrulligen Zeitgenossen ein modernes Denkmal gesetzt, indem sie Anekdoten und Episoden aus dem Leben des Philosophen auf 152 Seiten nacherzählt. Ihre Illustrationen sind in schwarz-weiß gehalten, unterbrochen von einem leuchtend-warmen Gelb, der Lieblingsfarbe Immanuel Kants. Die Graphic Novel wurde 2017 veröffentlicht und ich habe sie jetzt mit dem allergrößtmöglichen Vergnügen gelesen. „Antje Herzog: Lampe und sein Meister Immanuel Kant“ weiterlesen

Wilhelm Raabe: Werke in Einzelausgaben (Hrsg. Hans-Jürgen Schrader) – Band 2: Krähenfelder Geschichten

Insel Taschenbuch 1985, 315 S., ISBN 3-458-32582-4, Einzelausgaben der 10 Bände sind antiquarisch zu erwerben. Die vorgestellten Texte sind in Sammlungen oder als E-Book leicht zu finden.

Zum wilden Mann, Höxter und Corvey, Eulenpfingsten, Frau Salome, Die Innerste und Vom alten Proteus entstanden zwischen April 1874 bis August 1876 und bilden zusammen die Krähenfelder Geschichten. Der Titel war Wunsch des Verlags, Raabe sah ursprünglich den Titel Vom alten Proteus vor. Seit 1870 wohnte der Autor in einer südlich vor einem der Stadttore Braunschweigs gelegenen Gegend, die das Krähenfeld genannt wurde. Die vorliegende Ausgabe konzentriert sich auf drei der weniger humorigen als mehr konsequent durchgestalteten Erzählungen Zum wilden Mann, Höxter und Corvey und Die Innerste. Mit diesen Erzählungen befindet sich Raabes Erzählen bereits auf dem Niveau der späteren Jahre, nicht alle allerdings haben mir gleich gut gefallen. Die drei Erzählungen sind vom Umfang fast gleich, jeweils um die 100 Seiten. „Wilhelm Raabe: Werke in Einzelausgaben (Hrsg. Hans-Jürgen Schrader) – Band 2: Krähenfelder Geschichten“ weiterlesen

Berni Mayer: Rosalie

Dumont 2016, 288 S., ISBN 978-3-8321-9840-4, gibt es auch als eBook und als Taschenbuch.

Heimat ist subjektives Erleben, ein Konstrukt, das im höchsten Maße individuell empfunden und gelebt wird (und eben nichts, was für Politik taugt). Berni Mayer, geboren im niederbayerischen Mallersdorf (für die Eingeweihten: an der Grenze zur Oberpfalz) und seit einiger Zeit in Berlin lebend, hat vor 2 Jahren mit »Rosalie« einen Heimatroman veröffentlicht, der es in sich hat und der so erfrischend anders ist als all der Quark, den man mitunter in diesem Metier vorgesetzt bekommt. Der Roman spielt in der niederbayerisch-oberpfälzischen Provinz in den späten 1980ern und 1990er Jahren. Der fiktive Ort heißt Praam und liegt an der nicht fiktiven Schwarzen Laaber. Von meinem Standort aus gesehen hat der Autor also ein Heimspiel. Aber bevor ich zur Handlung des Romans komme, sei noch ein wenig mehr über den Autor berichtet. „Berni Mayer: Rosalie“ weiterlesen