John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

Blumenbar 2016, übersetzt von Alex Capus 144 Seiten, ISBN: 978-3-351-05031-3, auch als E-Book erhältlich.

Es ist ein paar Jahrzehnte her, als ich bei einem Nachbarn in einem mit merkwürdig duftenden Rauchschwaden geschwängerten kleinem Zimmer saß, in dem viel Bier und Wein getrunken und über Bücher gequatscht wurde. Ich gab ein wenig mit meinen Hausheiligen Bernhard, Arno Schmidt und Schopenhauer an, während Franz es einfacher hielt: Er lese John Fante, der sei ein bißchen wie Bukowski, toller Autor. Klang interessant.

Das ist lange her. Vor ein paar Tagen zappte ich zufällig in das neuaufgelegte literarische Quartett (ich bevorzuge eigentlich Podcasts, um mich in Sachen Bücher auf dem neusten Stand zu bringen), als Herr Biller plötzlich die Neuübersetzung Alex Capus von John Fantes „1933 war ein schlechtes Jahr” empfahl. Ich war hellwach. Längst staubten die damals in rascher Folge gekauften acht Fante-Romane in meinen Regalen vor sich hin. Ich hatte ihn damals verschlungen und alles gelesen, was zu kriegen war. Acht Romane, mehr hat er nicht geschrieben. Reich geworden ist John Fante als Drehbuchautor. Er starb 1983 vierundsiebzigjährig, gezeichnet durch schwere Diabetes, die ihn erblinden ließ und beide Beine kostete. Die Neuauflage seiner Werke erlebte er nicht nicht mehr. Seinen lang ersehnten Ruhm verpasste er knapp.

Die Helden seiner Romane heißen Dominic Molise, Arturo Bandini oder John Fante. Immer ist es der Autor selbst in verschiedenen Lebensaltern, schonungslos ehrlich, ohne Schönfärberei, kein Klagen, kein Selbstmitleid, aber das ganze pralle Leben in cooler Manier dargeboten. Es ist die Art, in der Fante diese fast autobiographischen Geschichten erzählt, die größtes Vergnügen bei der Lektüre bereitet. In „1933 war ein schlechtes Jahr” wächst der 17jährige Dominic als Sprößling einer italienischen Einwandererfamilie in Roper, Colorado auf. Es ist Wirtschaftskrise und die Ropers sind arm, sehr arm. Fante nimmt uns mit in die Verhältnisse, er braucht nicht viel Worte dafür. Wir treffen Dominics Großmutter, lachen uns schlapp über ihre Schrullen und sind gleichzeitig erschüttert, denn die bedauernswerte Frau lebt eigentlich noch in ihrem geliebten Italien. Mit wenigen Mitteln erzeugt der Autor größtmögliche Empathie, einzigartig. Er zeigt seine Einfühlungsgabe bei fast allen Personen dieser kurzen Erzählung: Bei seiner Mutter, der Großmutter und seinem Vater insbesondere. Das eigentliche Thema aber ist neben Italioamerikanismus, Katholizismus und Depression Dominic selbst, der alles dafür tut, um vorzugsweise bei den Cubs, einem Baseballclub in Chicago, als Pitcher groß herauszukommen. Der Arm: Er ist sich sicher, daß er den Durchbruch zum Star in einer der oberen Baseball-Ligen schafft. Dafür muß er raus aus dem Kaff und er ist bereit, einiges dafür zu tun. Nicht immer agiert er dabei auf sympathische Art und Weise. Ab und an stockt dem Leser, der Leserin der Atem vor Entsetzen. Mehr zu erzählen verbietet sich, denn das Buch hört nach nur gut hundert Seiten etwas abrupt auf und ein wenig Überraschung soll noch sein. Der Roman wurde 1963 von den Verlagen abgelehnt und erst posthum veröffentlicht. Es ist ein großartiges Buch. Auch das knappe und doch sehr informative Nachwort des Übersetzers Alex Capus ist zu loben. Zeit für eine erneute Renaissance.

Ein letztes Wort zum Cover. (Für Insider, okay). Dominic Molise ist der Welt beste Pitcher. Also Werfer. Der Mann auf dem Cover mit dem Schlagholz ist ein Batter. Schön ist das Cover trotzdem. Und der Verlag und der Übersetzer sind für diese Ausgabe zu rühmen. John Fante lebt.

4 thoughts on “John Fante: 1933 war ein schlimmes Jahr

  • 22. Dezember 2016 um 6:44
    Permalink

    Ich fand die Buchvorstellung im Literarischen Quartett recht spannend, aber Deine sehr persönliche Präsentation noch viel interessanter – wenn ich mich recht erinnere, gab es im Lit. Quartett keinen Hinweis darauf, dass die Bücher schon einmal in deutscher Sprache erschienen sind. Da hast du ja einen echten Schatz zuhause – und die Goldmann-Cover sind auch nicht ohne 🙂

    Antwort
    • 22. Dezember 2016 um 7:18
      Permalink

      das stimmt. Die Goldmänner sind sehr nett. Fante liegt sprachlich irgendwo zwischen Bukowski, Carver, Salinger und ist doch ganz eigen. Meine Liebe ist durch die schöne Neuausgabe wieder ganz entfacht. Liebe Grüße und schöne Feiertage!

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.