Lit 1946-1989

Fischer 2009, 896 S., ISBN: 978-3-596-90209-5, auch als E-Book erhältlich.

Da war einiges los in meinen 10er Jahren: 1969 die Mondlandung, 70 die WM in Mexiko und 1971 schließlich »Die Frau in Weiß«, ein Fernsehdreiteiler, der die bundesrepublikanischen Straßen leerräumte, ein Straßenfeger eben. Schaut man sich auf Youtube diese Verfilmung des Wilkie-Collins-Klassikers an, so mag dieses Fernsehstück heutzutage nicht mehr recht zünden. Und der Roman? Die Wiederentdeckung dieses Schauerromans aus der viktorianischen Zeitepoche darf sich zu großen Teilen Arno Schmidt auf die Fahnen schreiben. 1962 übersetze er die rund 800 Seiten und nach anfänglichen Bedenken seitens des Verlags wegen des Umfangs kam »Die Frau in Weiß« ungekürzt und in der Übertragung von Arno Schmidt 1965 auf den Markt. Das Buch wurde ein Bestseller (wie auch das englische Original bei seiner Erstveröffentlichung 1860) und, wenn man so will, Arno Schmidts erfolgreichstes Buch. Und heute? Ich habe (leider) ein recht schlechtes Gedächtnis und so kannte ich den Plot dieses Klassikers nur noch schemenhaft. Gute Voraussetzung aber, um die Probe aufs Exempel zu probieren: Funktioniert »Die Frau in Weiß« auch heute noch?

S.Fischer 1981, 302 S., ISBN: 978-3-10-048221-1, auch als TB und E-Book erhältlich.

1951, ein Jahr vor seiner Rückkehr aus seinem einstigen Exil in den USA in die Schweiz, veröffentlichte Thomas Mann seinen kürzesten Roman »Der Erwählte«. Insgesamt 3 Jahre schrieb er an diesem Werk, danach sollten bis zu seinem Tod 1955 an Bedeutenden noch der unvollendete Felix Krull und die Erzählung »Die Betrogene« folgen. Der Stoff für »Der Erwählte«, der schon im »Doktor Faustus« eine Rolle spielte, stammte aus dem Epos »Gregorius« des mittelhochdeutschen Dichters Hartmann von Aue. Dessen Quellen reichten noch weiter in der Zeit zurück. Es handelt sich um eine christliche Legende: Kindheit und Jugend des Papstes Gregor I. (540-604). Mann erzählt dieses Vers-Epos aus und bringt es aus dem Mythischen ins Psychologische. In der Tat geht es hier um heikle Themen: Inzest, Hochmut, Reue, Sühne, Vergebung. Urchristlicher Stoff, den Thomas Mann hier zu einem kleinen Juwel von Roman verarbeitet hat.

dtv, München 2019, ISBN 9783423281973, 288 Seiten. Deutsche Erstausgabe, mit einem Nachwort von Max Czollek, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann. Auch als E-Book erhältlich.

Nun aber flott, denn ein Buch hätten wir noch für dieses Jahr. Fran Ross wurde 1935 in Philadelphia/USA geboren. Sie war, wie ihre Romanheldin Christine ›Oreo‹ Clark, die Tochter eines jüdischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter. Sie arbeitete als Journalistin und Korrekturleserin, veröffentliche 1974 ihren einzigen Roman ›Oreo‹, der seinerzeit Zeit kaum Aufmerksamkeit erlangte. Mit grad 50 Jahren verstarb Fran Ross 1985 an Krebs. Dieser Roman wurde im Jahr 2000 in Amerika mit großem Erfolg neu aufgelegt und liegt seit 2019 auch im deutschsprachigen Raum in großartiger Übersetzung von Pieke Biermann vor. Die Übertragung ins Deutsche war sicher kein Kinderspiel, denn die Autorin mischte in ›Oreo‹ Jiddisch mit Südstaaten-Slang und Fantasiesprache, griechische Theseus Sage mit abgedrehter, absurder Handlung, politisches Statement mit Trash. Der Romanheldin Lebensmotto kann man folgerichtig lesen als »Nemo me impune lacessit«, als »Niemand reizt mich ungestraft«, als »Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab!«. Was ein irres Buch, ein Höhepunkt meines Lesejahres 2019.

1975 kam ich mit meiner Familie nach Gifhorn, das sich das Südtor zur Lüneburger Heide nennt. Brandgeruch lag in der Luft. »Endlich mal ziehen wir in eine Stadt, in der etwas los ist,« dachte ich (wir kamen aus Ostwestfalen). Ich war noch nicht ganz fünfzehn, da darf man sich so einen Unfug zusammenreimen. Es war die bis dahin größte Brandkatastrophe der Bundesrepublik und es starben Menschen. Keine sieben Jahre später entfloh ich von dort. Man hielt mich für verrückt, ich aber wollte möglichst weit weg: Ich zog nach Regensburg, nach Ostbayern, in die Oberpfalz. Dort begann meine Liebe zum Autor Arno Schmidt. Der Schmidt, der 1975 in Bargfeld, eine halbe Autostunde nordnordwestlich von Gifhorn entfernt, um seine Bücher und Archive bangte. Der Mann war längst eine Art Geheimtipp bei Linken wie bei Büchernarren. Er war gegen Adenauermief und Wiederaufrüstung, hatte eine Art sperrige Geheimsprache, war antiklerikal und schimpfte gegen alles und jeden, kurz: Arno Schmidt war anders als die anderen und ziemlich angesagt.

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019, 900 Seiten, ISBN 9783895614934

Wer sich für Literatur interessiert und die einschlägigen Sendungen und Feuilletons zum Thema verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es in diesem Jahr eine bemerkenswerte Wiederentdeckung zu bejubeln gab. Dem jüdischen Leben in Berlin, das die Nazis ausgelöscht haben, würde ein Denkmal gesetzt werden, wir hätten hier die jüdische Buddenbrooks zu feiern, usw., usw. Der 1951 erschiene Riesenroman der 1894 in Berlin geborenen und 1982 in London gestorbenen Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit, die für ihre Gerichtsreportagen bekannt war, wurde dieses Jahr regelrecht abgefeiert. »Effingers« ist ein Panorama der besseren Gesellschaft in Berlin über 4 Generation, von 1878 bis zum Holocaust, in 151 Szenen. Gabriele Tergit schrieb an diesem Werk und zum Teil unter großen Schwierigkeiten von 1933 bis 1950. Zeit ihres Lebens blieb der Erfolg aus, jetzt scheint er da zu sein. Auch ich habe die 900 Seiten gelesen und bin beeindruckt.

Herausgegeben von Susanne Fischer. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag 2018, 215 Seiten, ISBN: 978-3-518-80420-9

Alice Schmidt war eine Dichter-Ehefrau. Ihr Name ist eng mit dem ihres Ehemanns Arno Schmidt, diesem Solitär der deutschen Nachkriegsliteratur, verbunden. Das Paar heiratete 1937 in Lauban und lebte bis zum Ende des Krieges in Greiffenberg in Schlesien. Nach dem Krieg wohnten die Schmidts bis 1950 in Cordingen (ein Heidekaff, vom späteren Bargfeld nicht zu weit entfernt) in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Zimmer, wenig zu Essen, kaum Einkommen, unsichere Zukunft und stets vor Augen, eine Dichterexistenz führen zu müssen. Zwischen 2004 und 2011 wurden von Susanne Fischer (Literaturwissenschaftlerin, im Vorstand der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld) die Tagebücher 1954, 1955 und 1956 herausgegeben, letztes Jahr die Tagebücher 1948/49. Diese frühen Tagebücher Alice Schmidts dokumentieren den Beginn der Schriftstellerkarriere von Arno Schmidt und sind deshalb für die Leserschaft seiner Bücher von großem Interesse. Sie zeigen den unerschütterlichen Glauben Alice Schmidt an das schriftstellerische Genie ihres Ehemanns, aber zeugen auch davon, dass eine Anbetung des Gatten als Person nicht stattfand. 

Schöffling & Co 2015, 760 Seiten, ISBN: 978-3-89561-483-5, auch als eBook erhältlich.

Heute eine relativ kurze Notiz über ein Buch, dass die Presse bei Erscheinen 2015 fast einhellig gelobt und als eine großartige Wiederentdeckung gefeiert hat. Der Autor heißt Heinz Rein (1906-1991) und arbeitete u. a. als Bankangestellter und Sportjournalist. Politisch stand er links und fand sich zeitweise in Gestapohaft wieder. Sein Buch „Finale Berlin” wurde 1947 veröffentlicht und war ein Erfolg. Für lange Zeit in Vergessenheit geraten, wurde der Roman vor wenigen Jahren neu aufgelegt. Die Handlung spielt in den letzten beiden Aprilwochen 1945 in Berlin, also unmittelbar vor dem Kriegsende, und beschreibt den Sturm auf Berlin aus der Sicht einer kleinen Widerstandsgruppe, die alles in ihrer Macht stehende versucht, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Doch nicht nur die verzweifelt-wildgewordene SS ist ihnen auf der Spur. Nahezu jeder Volksgenosse könnte ein Verräter sein. Und über allen das Inferno des Sturms auf die Hauptstadt. Die größte Stärke bezieht der Roman aus seiner zeitlichen Nähe zu den tatsächlichen Ereignissen und der Fähigkeit des Autors, diese Hölle eindrücklich zu schildern. Ich ging nicht zuletzt wegen des Themas und den vielen Feuilleton-Hymnen auf das Buch (nicht zuletzt lobt auch Fritz J. Raddatz den Text im Nachwort ausdrücklich) mit großen Erwartungen an die Lektüre.

Suhrkamp 1974, 96 Seiten, ISBN: 978-3-518-39787-9, auch als eBook. Erstausgabe 1972 bei Residenz.

An einem trostlosen Wintertag 1971, dem Tag der Beerdigung seiner Mutter Maria Handke, geborene Sivec, fasste Peter Handke den Entschluss, ein Buch über das Leben der Verstorbenen zu schreiben. 1972 wurde die knapp einhundertseitige Erzählung „Wunschloses Unglück” veröffentlicht. Es wurde zu eines seiner erfolgreichsten, schönsten und berührendsten Bücher. Ich habe die Erzählung nach vielen Jahren wiedergelesen und war so beeindruckt, dass ich an dieses frühe Meisterwerk erinnern möchte.

Blumenbar 2016, übersetzt von Alex Capus 144 Seiten, ISBN: 978-3-351-05031-3, auch als E-Book erhältlich.

Es ist ein paar Jahrzehnte her, als ich bei einem Nachbarn in einem mit merkwürdig duftenden Rauchschwaden geschwängerten kleinem Zimmer saß, in dem viel Bier und Wein getrunken und über Bücher gequatscht wurde. Ich gab ein wenig mit meinen Hausheiligen Bernhard, Arno Schmidt und Schopenhauer an, während Franz es einfacher hielt: Er lese John Fante, der sei ein bißchen wie Bukowski, toller Autor. Klang interessant.

Herausgegeben von Carsten Ramm. Mit einem Nachwort von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen.
Verbrecher Verlag 2014, ISBN: 9783957320636, 120 S., auch als eBook erhältlich.

Im November 1941 waren es nur wenige Trauerende, die dem Begräbnis der Schauspieler Joachim und Meta Gottschalk und ihrem achtjährigen Sohn Michael beiwohnten. Von den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen waren es unter anderem Brigitte Horney, Gustav Knuth und Elisabeth Lennartz, Hans Brausewetter, Werner Hinz, Wolfgang Liebeneiner und Ruth Hellberg. Wenige Tage zuvor hatte die Familie die Nachricht erreicht, daß die Ehefrau Meta Gottschalk, geborene Wolff, zusammen mit ihrem Sohn deportiert werden sollte. Der von den Behörden geforderten Trennung von der jüdischen Ehefrau hatte sich Joachim Gottschalk, ein damals sehr bekannter Schauspieler der UFA, stets widersetzt. Die Familie sah keinen anderen Ausweg als den gemeinschaftlichen Suizid.