Roman von ALBERT CAMUS

DER FREMDE
Rowohlt Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-25308-9

Es gibt Bücher, die mag ich nach Jahrzehnten noch einmal lesen. Ich erinnere mich, daß ein Buch mir einst viel bedeutet hat und bin gespannt, was mit mir bei erneuter Lektüre geschieht. Doch oft genug geht das dann gar nicht, wie bei mir mit Hesse oder Frisch. Oder mir zeigt das Buch wie in einem Spiegel, wie ich mich im Laufe der Zeit verändert und gewandelt habe. Arno Schmidt, Thomas Bernhard oder auch Adalbert Stifter und Wilhelm Raabe vermögen das, jeder auf seine Weise.

Camus Durchbruch 1948 erfolgte mit dem Roman Der Fremde, der nicht zufällig im selben Jahr wie sein philosophisches Hauptwerk Der Mythos von Sisyphos erschien. Auf den 160 Seiten beschreibt Camus das letzte Lebensjahr seines Helden Mersault. Die Sprache ist einfach, die Handlung klar dargelegt.

Der Angestellte Mersault lebt in Algerien. Er nimmt sich 2 Tage frei, um zur Beerdigung seiner Mutter, der er nicht sehr nah stand, zu fahren. Nach der Beerdigung beginnt er eine Liebesbeziehung mit seiner ehemaligen Arbeitskollegin Maria und er wird seinem Nachbarn Raymond eine Gefälligkeit erweisen. Aus Dankbarkeit lädt dieser Mersault und Maria zu einer Strandpartie ein. Am Strand treffen sie auf eine Gruppe Araber. Einer von diesen ist der Bruder der ehemaligen Geliebten Raymonds. Es kommt zu einer Auseinandersetzung. Um Schlimmeres zu verhindern nimmt Mersault Raymonds Waffe an sich. Als er später allein auf einen der Araber trifft, fühlt er sich vom blitzenden Messer seines Gegenübers derart bedroht, daß er ihn erschießt. Während all dieser Geschehnisse verhält sich Mersault unaufgeregt und unreflektiert. Er bedauert nicht, heuchelt keine Reue. Diese Haltung aber wird ihm in der anschließenden Gerichtsverhandlung zum Verhängnis. Alles vorher Geschehene wird als Zeichen seiner moralischen Verkommenheit ausgelegt. Es gipfelt in dem Gelächter, welches er erntet, als er erklärt, daß er den Araber gar nicht habe töten wolle, sondern daß die blitzende Sonne Schuld daran gewesen sei. Nun muß er erkennen, daß die ganze Verhandlung bei Gericht sich unabhängig von seiner Tat vollzieht. Er wird zum Tode verurteilt, weißt die Tröstungen des Pfarrers, der ihm Hoffnung auf ein Leben im Jenseits machen will, empört zurück, er akzeptiert die Absurdität seines Lebens und öffnet sich „zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“

Ich darf sagen, daß dieser kleine Roman auch heute noch große Wirkung auf mich macht. Es ist schon beindruckend, wie es Camus gelingt, dem Leser seinen einsamen Antihelden so sympathisch zu machen. Frei von den üblichen Lebenslügen erkennt Mersault, daß die Gewißheit seiner Existenz die einzig letztgültige Erkenntnis ist. Eine seltsame Tröstung vielleicht, aber eine ohne Lebenslüge.

6 Gedanken zu „Roman von ALBERT CAMUS“

  1. Dieses Buch habe ich vor Jahrzehnten schon mal gelesen…(als ich jung war….smile*) und war schwer beeindruckt.
    Deine Rezi hat mich dazu ermuntert, es noch einmal zu lesen, denn dieses knallrote Taschenbuch steht nach wie vor in meinem Regal.

    1. Ja, liebe Rosie, ich habe es auch schon mehrmals gelesen. Kann man auch im Alter noch genießen. (Lena lacht sich grad einen). Liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.