Max Annas: Die Mauer
Rowohlt Taschenbuch, 2016, 220 S., ISBN: 349927163X, auch als E-Book erhältlich
„Das ist große Erzählkunst. Lesen sie das. Sofort. Für mich schon jetzt der beste Krimi des Jahres” befiehlt der Rezensent der Krimikolumne des Bücherdiwans Andreas Ammer ins Mikrophon. Nun gut, meinen Band mit Erzählungen von Carl Nixon kann ich durchaus mal unterbrechen, um den hochgelobten Krimi von Max Annas dazwischen zu schieben. Man ist ja doch neugierig. Immerhin steht der Roman auf Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste. Ist also erfolgreich wie sein Vorgänger „Die Farm”, der mit dem deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Ich folge dem Rezensenten.

Die gelernte Historikerin (Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit!) Dominique Manotti veröffentlicht mit „Schwarzes Gold” ihren neunten Roman. Sie ist seit ihrem Erstling „Hartes Pflaster” von 1995 (auf Deutsch 2004) außerordentlich erfolgreich und rangiert in Krimi-Bestsellerlisten regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Ihr direkter Stil zeichnet sich durch das Fehlen jedes Pathos aus, kommt ohne Schnörkel und Verzierung ans Ziel und steht einem James Elroy und dem Roman Noir nahe. Sie breitet ein gesellschaftspolitisches Panorama der Zeit aus, wobei die klassische Krimi-Spannung nicht selten ein wenig in den Hintergrund tritt. Man erfährt gesellschaftliche Zusammenhänge, ohne je belehrt zu werden. Das erwartet vielleicht nicht jeder von einem Kriminalroman. Wer aber mit gesellschaftskritischen Krimis einverstanden ist, kann kaum eine bessere Autorin finden.
Wir hören sie laufend: Schreckensmeldungen, Skandale, Katastrophen …. Und wir können und wollen kaum noch darauf reagieren. Es reicht für ein paar Diskussionen im Bus, am Arbeitsplatz oder am Stammtisch. In die Tiefe gegangen, nach dem Gründen für irgendeinen Missstand gesucht wird kaum, denn die nächste Sensationsmeldung ist schon im Anmarsch und die Tatsachen werden nach dem ersten Bohei aus den Augen verloren, sollten sie selbiges überhaupt erreicht haben. Die Halbwertszeiten für Skandale werden immer kürzer und richten sich nach ihren medialen Verwertbarkeiten, nicht nach ihren Folgen und Ausmaßen. Die Tatsachen selbst und die Schlussfolgerungen, die aus diesen gezogen werden müssten, interessieren kaum. Allenfalls eine Zweiminuten-Nachricht in der Tagesschau: Zschäpe will aussagen, sagt dann nichts, Frisur, Mimik, allgemeine Empörung, fertig. Der Nächste bitte.
Um die abgedrehte Handlung dieses futuristisch-wissenschaftlichen Thrillers zu umreißen, bemühe ich den Verlagstext: „Die nahe Zukunft: Die Nano-Droge Nexus ermöglicht es den Menschen, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung zu überschreiten und mit dem Bewusstsein anderer in Verbindung zu treten – ein gewaltiger Schritt in der Evolution des Menschen. Als jedoch eine Gruppe skrupelloser Wissenschaftler Nexus für ihre eigenen Zwecke missbraucht, zwingt die US-Regierung den jungen Nano-Techniker Kade Lane, sich in die Organisation einzuschleusen, um ihrem Treiben ein Ende zu bereiten. Lane gerät in einen Strudel aus Machtgier, Korruption und Mord …“
Kriegsende vor siebzig Jahren, da war es auch an mir, eine zum Ereignis passende Neuerscheinung zu lesen. Fast neu, denn „Alles Licht, das wir nicht sehe“ erschien bereits 2014 als deutsche Übersetzung. Inzwischen gibt es viele positive Besprechungen hierzulande und Anthony Doerr hat für den Roman den Pulitzerpreis 2015 in der Sparte Belletristik erhalten.
Joachim Meyerhoff ist ein gefragter Theaterschauspieler, zur Zeit mit Engagements am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und dem Burgtheater in Wien, und er ist ein erfolgreicher Autor obendrein. „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ ist der zweite Teil des sechsteiligen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“. Meyerhoff erzählt von seiner Kindheit inmitten der Kinder- und Jugendpsychatrie Hesterberg am Rande der Stadt Schleswig. Die Anstalt beherbergte 1200 Patienten, allerdings nicht ausschließlich Kinder und Jugendliche, sondern auch erwachsene Menschen mit körperlicher, geistiger und psychischer Behinderung. Und im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin lebt Joachim mit seinem Vater, dem erfolgreichen, aber weitesgehend lebensunpraktischen Direktor der Psychatrie, seiner mit der ihr zugedachten Rolle hadernden Mutter, seinen zwei ihn traktierenden älteren Brüdern und dem Familienhund, der ihm nicht selten der treueste Freund zu sein hat. Aber nicht nur aus dem Leben seiner Familie, auch aus dem der Patienten wird mit Humor, Respekt und Zuneigung erzählt. Meyerhoffer geht hierbei nicht zwingend chronologisch vor. Es gibt Erinnerungssprünge und auch weit über seine Kindheit hinausgehende Begebenheiten, die in dem Roman ihren Platz finden.
Vor einigen Jahren besuchte ich Szczecin, wo meine Großeltern lebten, als die Stadt noch Stettin genannt wurde und eine deutsche Hafenstadt an der Oder war. Zu großen Teilen kamen die Vorfahren meiner Familie aus Gegenden östlich der Oder (auf der Höhe zwischen Frankfurt-Oder und Stettin) die heute in Westpolen liegen. Deshalb ist mir die Problematik der Zwangsumsiedlungen der Ostpolen in die neuen westpolnischen Gebiete nach dem Potsdamer Abkommen von 1945 nicht unbekannt. Genau diese Problematik behandelt Sandberg, ein 2009 in Polen erschienener, zu Recht gefeierter Roman der 1968 ebendort geborenen Schriftstellerin Joanna Bator. Grund genug, mich mit diesem knapp 500 Seiten starken Buch zu befassen.
Zu Beginn meiner Empfehlung, als eine Art bequem erzeugte Zusammenfassung, der Klappentext des Hanser Verlags zum Inhalt Alex Capus 2011 erschienen Romans „Léon und Louise“:
Berlin 1932: Ein ertrunkener Mann in einem Lastenaufzug, eine junge Frau in der Mordkommission und ein Indianer in den masurischen Wäldern. Vertuschter Mord, gepanschter Schnaps, organisiertes Verbrechen. Bayern München wird Deutscher Fußballmeister und gegen die Berliner Polizeiführung wird geputscht. Durch den östlichen Teil des deutschen Reichs zieht sich ein polnischer Korridor, während im südlichen Ostpreußen große Teile der Masuren (sich vorzustellen als eine Art von Ostwestfalen! O-Ton Rath) Adolf Hitler als ihren Heilsbringer feiern. Eine Menge Stoff für einen Kriminalroman.