
Nun muss man vielleicht niemanden erklären, wer Jorge Luis Borges (1899-1986) war, dieser argentinische Bibliothekar aus Buenos Aires, Lyriker, Meister der Kurzgeschichte und Essayist. Labyrinthische Texte, Reflexionen, phantastische Erzählungen und nicht selten eine faszinierende intellektuelle Herausforderung für die Leser. Eine legendäre Figur, deren Einfluss auf die Schriftstellergenerationen nach ihm weit über Lateinamerika hinaus unbestritten ist. Die wir Borges im Regal stehen haben, kennen die Fischer Taschenbücher, die zwanzigbändige TB-Werkausgabe von Hanser und deren zwölfbändige Jubiläums-Leinenausgabe von 1999. Damit ist nun Schluss, denn die Autorenrechte hat der relativ junge Verlag Kampa aus Zürich ersteigert. Der erste große Band mit Erzählungen liegt bereits vor, die Gedichte sollen dieses Jahr noch folgen. Neben den Erzählungen kam 2026 auch das Konzeptbuch ›Atlas‹ heraus.
Noch einmal zurück zu den Erzählungen bei Kampa. Hier wird nicht grundlegend Neues präsentiert: Die bekannten Übersetzungen wurden vom bisherigen Herausgeber und Übersetzer Gisbert Haefs neu durchgesehen, der Anmerkungsapparat erweitert. Meiner bescheidenen Meinung nach also kein Grund, die alten Hanser Ausgaben zu entsorgen. Für Neuleser natürlich die schöne Situation, dass die Werke Borges in einer angemessenen Edition wieder zugänglich sind.
Ich habe ein wenig in den online zugänglichen Antiquariaten gesucht: Meines Wissens wird ›Atlas‹ mit dieser Ausgabe das erste mal auf Deutsch präsentiert. Das Buch im Format von gerundet 21×17 cm bietet auf 128 Seiten Gedichte und Reflexion von Borges zu Fotos seiner Lebensgefährtin und späteren Frau María Kodama. Mit ihr hatte er in den siebziger und achtziger Jahren ausgiebige Reisen unternommen. María Kodama sollte nach Borges Tod dessen Nachlassverwalterin werden. Sie selbst verstarb 2023.
Die Fotos sind überwiegend Schnappschüsse von Urlaubsreisen aus den verschiedensten Ländern, die das Paar unternahm. Borges war zu diesem Zeitpunkt schon längst erblindet. Die Fotos sind keine Kunstfotos, sondern Schnappschüsse, die oft Borges vor touristischem Hintergrund zeigen. Manche Fotos zeigen besondere Perspektiven, schwarzweisse und farbige Bilder sind munter gemischt. In einer Ausstellung (2009 vermutlich in Genf) wurden 130 Fotos gezeigt, das Buch präsentiert auf 98 Seiten deutlich weniger. Über die Auswahl der Texte und Fotos wird uns nichts verraten. Das Buch bietet im Anhang Anmerkungen zu Borges Texten (nicht zu den Fotos, obwohl das hier und da schon interessant gewesen wäre) und bringt die übersetzten Gedichte im spanischen Original.
Das Layout des Buches ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Überschriften sind hier Unterschriften, stehen also unter den jeweiligen Texten, die wiederum nicht immer per Seitenumbruch getrennt sind. Das wirkt auf den ersten (und auch dem zweiten) Blick etwas fahrig.
Ich benötigte ein paar Anläufe, bis ich Zugang zu den Reflexionen und Gedichten in dieser Buchform fand. Ich suchte einen Faden innerhalb der Texte und war versucht, dann doch lieber zu einer von Borges Erzählungen zu greifen. Aber beim dritten Anlauf hat es geklappt. Es ist manche Perle dabei, allein die Ballonfahrt im Napa Valley. Die Texte sind durchweg als solche Borges zu erkennen: Vergehen, Vergessen, Erinnerung und Borges Lieblingsort Genf sind bevorzugte Themen unter anderen. Wir erfahren durchaus ein wenig mehr von Borges Gedankenwelt in seinen letzten Lebensjahren. Mein Fazit zum Buch: Ich habe den Kauf nicht bereut, aber würde es eher als ein ›Nice to have‹ als ein Muss einordnen.
Meine Ausgabe
Kampa Verlag, Zürich 2026, übersetzt von Gisbert Haefs, Fotos von María Kodama, ISBN 9783311101796, gebunden, 128 Seiten.
