Notizen zu E. M. Forsters ›Die Maschine steht still‹

Das hat schon was: In meiner Social Media Bubble, also von Menschen, mit den ich regelmäßig kommuniziere, aber deren Stimmen ich nicht kenne und deren Hände ich nicht geschüttelt habe (sofern das heutzutage überhaupt noch jemand tut), erfahre ich über ein Buch aus dem Jahre 1909 über Menschen, die sich per Bildschirm unterhalten und in der Regel nicht persönlich gegenüberstehen geschweige denn berühren. Das Buch heißt ›Die Maschine steht still‹ wurde von Edward Morgan Forster geschrieben und als kleine Sensation 2016 bei Hoffmann und Campe veröffentlicht. Übersetzt hat ›The Machine Stops‹ Gregor Runge.

E. M. Forster (1879-1970) war ein Autor von Gesellschaftsromanen wie ›Howards End‹ oder ›Zimmer mit Aussicht‹. Bücher, von denen man heutzutage unter Umständen eher die erfolgreichen Verfilmungen kennt? Wie der Autor auf diese Science-Fiction Erzählung gekommen ist, welche Motive oder welche Intentionen hier zu tragen kamen, verrät uns der sehr schmale Band leider nicht. Zumindest nicht in der E-Book-Ausgabe, die ich gelesen habe. Bei einem solch schmalen Bändchen wäre ein Nachwort vielleicht schon drin gewesen, oder? Mich hätte nämlich schon interessiert, was Forster zu dieser erstaunlichen Erzählung bewog.

Nun fange ich zu schwitzen an, denn in dieses Buch hineinzuführen, ohne gleich die ganze Geschichte zu verraten ist fast unmöglich. Ich versuche es: »Ein in Tücher gewickelter Fleischberg« sitzt in einem wabenförmigen Zimmer. Dieser Fleischberg ist eine sehr kleine Frau. Ich bin erst einmal empört und wittere misogynen Mist seitens des Autors. Das legt sich aber schnell. Tatsächlich leben in der Erzählung alle Menschen in unterirdischen Wabenzimmern. Ein Sessel, ein Lesepult, kommuniziert wird über einen Bildschirm. Bewegung nicht mehr nötig und auch unerwünscht. Eine Maschine ist es, die alles Notwendige regelt. Vashti, der Name der Frau, ist nicht dumm, sie hält Vorträge und freut sich über eine große Anhängerschaft. Mit permanenten Home-Office und Bildschirm läuft das alles ganz vorzüglich. Die Roboter und die angeschlossene Korrekturmaschine gewinnen im Laufe dieser Erzählung immer mehr an Macht, später wird die Verehrung religiöse Ausmaße annehmen. Die Menschen leben unter der Erde, da unser Planet durch diverse Katastrophen auf seiner Oberfläche unbewohnbar geworden ist. So sagt man. Doch dann ist da noch Kuno, der Sohn von Vashti. Er ist ein wenig aus der Art geschlagen und der Motor der weiteren Handlung.

Man kommt nicht umhin nach der Lektüre (das Buch ist in drei Kapitel gegliedert und sehr flüssig »wegzulesen«) das beschriebene Szenario mit unserer heutigen Situation, der digitalen Abhängigkeiten und der subtilen Machtausübung durch Megafirmen zu vergleichen. Denkt man weiter, erinnert man sich vielleicht auch an George Orwell und seine berühmte Dystopie ›1984‹. Es ist wirklich erstaunlich wie weitsichtig diese vor weit mehr als hundert Jahren geschriebene Fiktion war. Schwarzweiß? Zurück zu Mutter Erde? Naja. Ich denke auch darüber nach, wie dankbar ich gewesen wäre, wenn mir schon in meiner Jugend eine weitere Welt zur Verfügung gestanden hätte. Vielleicht wäre ein Ausweg, sich die »Maschinen« wieder nutzbar zu machen, statt sie gefräßigen Big-Tech-Konzernen zu überlassen und von unsichtbaren Algorithmen permanent manipuliert zu werden? Diese kleine Geschichte setzt manches Nachdenken in Bewegung. Und das ist wirklich gar nicht so schlecht. Lesenswert.

Meine Ausgabe: Hoffmann und Campe 2016, aus dem Englischen von Gregor Runge, 89 Seiten, auch als E-Book

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