Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Suhrkamp 2018, 252 Seiten, ISBN: 978-3-518-42824-5 , auch als  eBook erhältlich.

An guten Tagen sind es 20 Minuten in der Früh im Bus, eine knappe Stunde am Abend, die ich an einem Wochentag einigermaßen konzentriert lesen kann. Eigentlich ideal für ein Buch, das sich in 12 Kapiteln, eingebettet von Vorwort, Einleitung und Personen-, Bild- und Quellenverzeichnis, gliedert. Jedes der 12 Kapitel enthält 16 Seiten Text und eine Art schwarzes Vorsatzblatt, auf dem Schwarz auf Schwarz, schräg ins Licht gehalten sichtbar, Zeichnungen oder Bilder zum Thema des folgenden Textes dargeboten werden. So wird aus den Notwendigkeiten der Buchbindung die gleiche Länge der Abschnitte erzwungen. Die in Greifswald geborene Judith Schalansky erzählt von untergegangen, verlorenen, ausgestorben Dingen. Von Verlusten. Einem Atoll, das sich der Pazifik zurückgeholt hat, einem Einhorn, dem Palast der Republik, einem ausgestorbenen Tiger, den verlorenen Stellen in den Liedern der Sappho und so einiges mehr. Kunterbunt die Themen, wie in einem Setzkasten. Gleichzeitig genormt durch die gleiche Textlänge, dem schwarzen Vorsatzblatt und den kursiv gedruckten Vorabinformationen zu gleichsam Geburt und Tod der beschriebenen Verluste. Der Text selbst in einem bisweilen ein wenig manierierten, gesetzten und sich dem Gegenstand jeweils gänzlich individuell nähernden Ton. »Verzeichnis einiger Verluste« ist ein sehr eigens, einzigartiges Buch.

Das Buch als Kunstwerk, als sein Träger untrennbar mit dem Text verbunden. Ich bin wahrlich keine Gegnerin des E-Books, aber in diesem Fall geht das eben nicht, denn dieses Buch ist schön, hat die perfekte Größe und riecht ganz wunderbar. Das Werk der gelernten Buchgestalterin Schalansky. Aber nähern wir uns dem Text. Wie funktioniert das alles? Nehme ich also eines meiner Lieblingskapitel: Guerickes Einhorn. Dem berühmten Physiker des 17. Jahrhunderts Otto von Guericke (Magdeburger Halbkugeln) wird »die erstmalige Nachbildung eines Tierskeletts aus Einzelfunden zugeschrieben«. Das Einhorn. Tatsächlich bestand das zusammengesetzte Skelett aus verschiedenen Tieren der Eiszeit und von Guericke hatte damit nichts zu tun. Legendenbildung. Später wurden Knochen des tatsächlich bestehenden Konstrukts Stück für Stück an Einzelperson weitergegeben. Eine 3 Meter hohe Rekonstruktion befindet sich heute im Magdeburger Naturkundemuseum. Soweit die kursiv gesetzten Vorabinformationen. Was macht Frau Schalansky daraus? Die Erzählerin berichtet, wie sie sich einst für ein paar Tage in die Walliser Alpen verfügte, um konzentriert an einem Naturführer der Monster zu schreiben. Bepackt mit jeder Menge Fachliteratur ist sie bald enttäuscht von der fehlenden Originalität der menschengemachten Monster und versucht es mit eigenen Zeichnungen. Auch dieser Versuch, sich ihrem Forschungsgegenstand zu nähern, misslingt. Sie unternimmt Streifzüge in die Gegend, denkt über die Natur und Ungeheuer nach. Später geht sie ins Dorf, unter Menschen, deren Sprache sie nicht versteht. All das in einem Stil gehalten, der mich stark an die besten Erzählungen H. P. Lovecrafts erinnert. Die Geburt eines Kalbs (?) wird zum Horror, dann die geheimnisvolle Kassiererin mit dem auf dem Handgelenk tätowierten Einhorn. Die Erzählerin packt zusammen und verlässt den Ort. Und ich rätsel nach zweimaliger Lektüre immer noch, was eigentlich passiert ist. Nicht schlecht.

In dem Kapitel über das zerstörte Gemälde von Caspar David Friedrich, gemeint ist »Der Hafen von Greifswald«, geht die Autorin den Lauf des örtlichen Flusses Ryck pedantisch nach und beschreibt sozusagen jeden Grashalm und die Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie geht. Ich denke mir beim Lesen, dass ich diesen Weg eigentlich sofort mit dem Buch in der Hand nachgehen müsste. Auch der Palast der Republik bekommt seine Geschichte, nämlich die eines sich entfremdenden Paares in der DDR. Jedes, wirklich jedes Kapitel findet hier seinen unvergleichlichen Stil des Erzählens und Nachspürens.

In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Wilhelm Raabe Literatur Preises 2018* bezeichnet die Autorin ihr Buch als »die Behauptung einer Ordnung, deren Gesamtheit mehr zu sein erhofft als die Summe seiner einzelnen Teile«. Hier nun bin ich mir nicht so sicher. Aber vielleicht habe ich bei der Lektüre Fehler gemacht, hätte ich das Buch nicht umgeben von Geräuschen im Bus und unterbrochen von einem anstrengenden Arbeitstag lesen sollen. Und vielleicht hätte ich den einzelnen Kapiteln mehr Raum geben sollen, grad damit dieses wundersame Buch seine Wirkung ganz entfalten kann. Nun ja, ich werde das Nachholen und dieses Buch noch öfters zur Hand nehmen. Das Verschwinden der Dinge als etwas Natürliches. Ein Trost.

* DER WILHELM RAABE-LITERATURPREIS 2018. Herausgegeben von Hubert Winkels. Wallstein Verlag 2019.

4 Kommentare on "Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste"


  1. Hm. Nicht übel. Liest sich interessant. Beim Lesen der Rezi hier musste ich an Bill Bryson denken, der als Ami in England ein altes Pfarrhaus bewohnt und dort von Zimmer zu Zimmer geht, um sich an Verschollenes (Wissen) zu erinnern. „Kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“. Sperriger Titel. Vermutlich auch scheiße übersetzt, denn Bryson schreibt sehr humorvoll – aber ein paar unterhaltsame Poenten hatte es auch in der deutschen Version noch.

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    1. Danke für diese Anregung. Leider langt mein Englisch nicht für Lektüren in Originalsprache. (Bill Bryson ist mir auch schon irgendwann einmal untergekommen, leider weiß ich nicht mehr wo und wann.)

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  2. Danke, sehr schöne Anregung. Ich hatte das Buch schon auf einem Büchertisch gesehen, bin aber weitergelaufen. Das Anhalten werde ich also nachholen. Und das Lesen wahrscheinlich auch…

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    1. Danke, das freut mich sehr. Und vielleicht auch anhalten zwischen den Kapiteln? Ich glaube, dass ich selbst zu schnell hintereinander weg gelesen habe.

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