Lit Frauen

Kampa Verlag 2019, 336 S., ISBN: 978-3-311-10018-8, auch als E-Book erhältlich.

Was muss, was sollte man wissen, um dieses Buch zu lesen? Nun, Frau Olga Tokarczuk darf sich seit letztem Jahr Literaturnobelpreisträgerin nennen, sie ist Polin und zählte, inzwischen längst etabliert, vor zwanzig Jahren zu den neuen, jungen, europäischen Autorinnen. Dass sie in ihrem konservativen Heimatland mitunter hart aneckt, wie grad mit ihrem neusten Roman »Die Jakobsbücher« versteht sich von selbst. Ich war schon lange neugierig auf die Bücher von Frau Tokarczuck, nur war mir nicht ganz klar, wie ich denn anfangen sollte. Der aktuelle Roman schien mir nicht allein der Seitenzahl wegen eine zu große Herausforderung, also wählte ich nach einigem Hin und Her »Ur und andere Zeiten«. Ein Roman, der bereits 1996 in Polen erschien, im Jahr 2000 erstmals auf Deutsch im Berlin Verlag und nun bei Kampa mit der Aufschrift ›Nobelpreis‹ dezent auf der Rückseite des Buchcovers. Ich beginne also die Lektüre und »Ur und andere Zeiten« brauchte etwa eine Seite, um mich in Verzückung zu versetzen.

Epuli 2020, 188 S., ISBN: 9783750277472.

Autorin Safeta Obhodjas floh 1992 vor den ethnischen »Säuberungen« aus ihrer Heimat in Bosnien und Herzegowina und lebt heute in Wuppertal. Schon 1997 begann sie, auf Deutsch zu schreiben. Begonnen aber hatte alles in der Nähe von Sarajevo: Das Dilemma der Zugehörigkeit war und ist ihr großes literarisches Thema. Slawische Herkunft, muslimische Wurzeln, Frau Obhodjas weiß, wovon sie spricht und schreibt. Aufmerksam wurde ich auf die Autorin, als ich ihren Roman »Die Bauchtänzerin« von 2015 las. Dieser Roman spielt überwiegend in Bosnien, der aktuelle, ich erlaube mir, ihn kurz »Schwesternliebe« zu nennen, hat seinen Schauplatz in Deutschland und handelt von einer jungen Frau die sich aus einer muslimischen Großfamilie emanzipiert und von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Schauplätze, Herkünfte, Figuren ändern sich, das Thema bleibt der sogenannte »Culture Clash«.

Suhrkamp 2018, 252 Seiten, ISBN: 978-3-518-42824-5 , auch als  eBook erhältlich.

An guten Tagen sind es 20 Minuten in der Früh im Bus, eine knappe Stunde am Abend, die ich an einem Wochentag einigermaßen konzentriert lesen kann. Eigentlich ideal für ein Buch, das sich in 12 Kapiteln, eingebettet von Vorwort, Einleitung und Personen-, Bild- und Quellenverzeichnis, gliedert. Jedes der 12 Kapitel enthält 16 Seiten Text und eine Art schwarzes Vorsatzblatt, auf dem Schwarz auf Schwarz, schräg ins Licht gehalten sichtbar, Zeichnungen oder Bilder zum Thema des folgenden Textes dargeboten werden. So wird aus den Notwendigkeiten der Buchbindung die gleiche Länge der Abschnitte erzwungen. Die in Greifswald geborene Judith Schalansky erzählt von untergegangen, verlorenen, ausgestorben Dingen. Von Verlusten. Einem Atoll, das sich der Pazifik zurückgeholt hat, einem Einhorn, dem Palast der Republik, einem ausgestorbenen Tiger, den verlorenen Stellen in den Liedern der Sappho und so einiges mehr. Kunterbunt die Themen, wie in einem Setzkasten. Gleichzeitig genormt durch die gleiche Textlänge, dem schwarzen Vorsatzblatt und den kursiv gedruckten Vorabinformationen zu gleichsam Geburt und Tod der beschriebenen Verluste. Der Text selbst in einem bisweilen ein wenig manierierten, gesetzten und sich dem Gegenstand jeweils gänzlich individuell nähernden Ton. »Verzeichnis einiger Verluste« ist ein sehr eigens, einzigartiges Buch.

dtv, München 2019, ISBN 9783423281973, 288 Seiten. Deutsche Erstausgabe, mit einem Nachwort von Max Czollek, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann. Auch als E-Book erhältlich.

Nun aber flott, denn ein Buch hätten wir noch für dieses Jahr. Fran Ross wurde 1935 in Philadelphia/USA geboren. Sie war, wie ihre Romanheldin Christine ›Oreo‹ Clark, die Tochter eines jüdischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter. Sie arbeitete als Journalistin und Korrekturleserin, veröffentliche 1974 ihren einzigen Roman ›Oreo‹, der seinerzeit Zeit kaum Aufmerksamkeit erlangte. Mit grad 50 Jahren verstarb Fran Ross 1985 an Krebs. Dieser Roman wurde im Jahr 2000 in Amerika mit großem Erfolg neu aufgelegt und liegt seit 2019 auch im deutschsprachigen Raum in großartiger Übersetzung von Pieke Biermann vor. Die Übertragung ins Deutsche war sicher kein Kinderspiel, denn die Autorin mischte in ›Oreo‹ Jiddisch mit Südstaaten-Slang und Fantasiesprache, griechische Theseus Sage mit abgedrehter, absurder Handlung, politisches Statement mit Trash. Der Romanheldin Lebensmotto kann man folgerichtig lesen als »Nemo me impune lacessit«, als »Niemand reizt mich ungestraft«, als »Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab!«. Was ein irres Buch, ein Höhepunkt meines Lesejahres 2019.

Piper Verlag 2019, 192 S., EAN 978-3-492-05981-7

Manchmal ist das so: Ich beende ein größeres Leseprojekt und freue mich auf eine leichte Lektüre danach. Oft steht dieses Buch schon Wochen vorher fest. Literarisches Auslaufen sozusagen. Es kann allerdings passieren, dass dieses Buch mich wider Erwarten so fasziniert, dass es hier nicht unerwähnt bleiben darf. So ein Buch ist Tante Martl von Ursula März. Die Autorin ist mir lange bekannt, da ich regelmäßige Hörerin von Diwan – Das Büchermagazin auf Bayern 2 bin und Frau März dort des Öfteren als Buchkritikerin auftritt. Auch ihr dieses Jahr erschienener Roman Tante Martl wurde dort besprochen und ich merkte mir vor, dass dieses Buch etwas für mich sein könnte. Der Roman ist biographisch angelegt und handelt von Ursula März Tante, die als dritte Tochter ihrer Eltern, die sich unbedingt einen Stammhalter männlichen Geschlechts gewünscht hätten, im Juni 1925 geboren wurde. Ihre zugedachte Rolle war nicht die eines Nesthäkchens, sondern die der ungeliebten Tochter (weil kein Junge), die ihre Schuld abzutragen hatte: Sie hatte die Eltern bis zu deren Tod zu pflegen, lebte ein Leben lang in deren Haus in einer westpfälzischen Kleinstadt und heiratete nie. Ein entbehrungsreiches, armes Leben? So ganz nicht.

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019, 900 Seiten, ISBN 9783895614934

Wer sich für Literatur interessiert und die einschlägigen Sendungen und Feuilletons zum Thema verfolgt, dem wird nicht entgangen sein, dass es in diesem Jahr eine bemerkenswerte Wiederentdeckung zu bejubeln gab. Dem jüdischen Leben in Berlin, das die Nazis ausgelöscht haben, würde ein Denkmal gesetzt werden, wir hätten hier die jüdische Buddenbrooks zu feiern, usw., usw. Der 1951 erschiene Riesenroman der 1894 in Berlin geborenen und 1982 in London gestorbenen Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit, die für ihre Gerichtsreportagen bekannt war, wurde dieses Jahr regelrecht abgefeiert. »Effingers« ist ein Panorama der besseren Gesellschaft in Berlin über 4 Generation, von 1878 bis zum Holocaust, in 151 Szenen. Gabriele Tergit schrieb an diesem Werk und zum Teil unter großen Schwierigkeiten von 1933 bis 1950. Zeit ihres Lebens blieb der Erfolg aus, jetzt scheint er da zu sein. Auch ich habe die 900 Seiten gelesen und bin beeindruckt.

Büchergilde Gutenberg 2019, Die Tollen Hefte – Band 46, Original-Flachdruck mit vier Sonderfarben und einer Beilage (Text der Kurzgeschichte), Fadenknotenheftung mit Schutzumschlag, limitierte Auflage, 32 Seiten. Leseprobe hier.

»Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall« … auch NichtleserInnen kennen den Science Fiction Autoren Philip K. Dick, der 1928 in Chicago geboren wurde. Er war ein Meister von SF-Kurzgeschichten, von denen später nicht wenige zu Filmklassikern wurden. Es gibt Menschen, die halten seine Werke für ein »Kompendium der angewandten Philosophie« (so steht es auf dem Buchdeckel meiner fünfbändigen Haffmannausgabe der Kurzgeschichten). Von der Berliner Illustratorin Katia Fouquet mag man vielleicht ihre gefeierten Comic Adaption von Camus »Jonas oder der Künstler bei der Arbeit« von 2013 kennen. In diesem  eben bei der Büchergilde Gutenberg erschienenen Heft bringt sie auf 32 farbenfrohen Seiten (es knallt förmlich ins Auge) die 23-seitige Kurzgeschichte »Ach, als Bobbel hat man’s schwer« von Philip K. Dick ins Bild, wobei sie eng am Original bleibt. Und manchmal schafft sie sogar wunderbare Übergänge, wo sie Philip K. Dick nicht fand: Zum Bespiel gegen Schluss, als Vivian mit ihren Kindern auf der Suche nach ihrem Mann bei Dr. Jones vorstellig wird und während des Gesprächs die Kinder in den Nachrichten des laufenden Fernsehers ihren Vater sehen. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, um was es in dieser Kurzgeschichte eigentlich geht.

Herausgegeben von Susanne Fischer. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag 2018, 215 Seiten, ISBN: 978-3-518-80420-9

Alice Schmidt war eine Dichter-Ehefrau. Ihr Name ist eng mit dem ihres Ehemanns Arno Schmidt, diesem Solitär der deutschen Nachkriegsliteratur, verbunden. Das Paar heiratete 1937 in Lauban und lebte bis zum Ende des Krieges in Greiffenberg in Schlesien. Nach dem Krieg wohnten die Schmidts bis 1950 in Cordingen (ein Heidekaff, vom späteren Bargfeld nicht zu weit entfernt) in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Zimmer, wenig zu Essen, kaum Einkommen, unsichere Zukunft und stets vor Augen, eine Dichterexistenz führen zu müssen. Zwischen 2004 und 2011 wurden von Susanne Fischer (Literaturwissenschaftlerin, im Vorstand der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld) die Tagebücher 1954, 1955 und 1956 herausgegeben, letztes Jahr die Tagebücher 1948/49. Diese frühen Tagebücher Alice Schmidts dokumentieren den Beginn der Schriftstellerkarriere von Arno Schmidt und sind deshalb für die Leserschaft seiner Bücher von großem Interesse. Sie zeigen den unerschütterlichen Glauben Alice Schmidt an das schriftstellerische Genie ihres Ehemanns, aber zeugen auch davon, dass eine Anbetung des Gatten als Person nicht stattfand. 

Matthes & Seitz, Berlin 2019, 90 Seiten, ISBN: 978-3-95757-716-0, auch als E-Book erhältlich.

LeserInnen meines Blogs wissen: Ich höre Podcasts, vor allem solche, die über Literatur sprechen. Oder aber welche, die außergewöhnliche, interessante Interviews zu Gehör bringen. »Durch die Gegend« mit Host Christian Möller habe ich vor nicht allzu langer Zeit hier vorgestellt. Herr Möller macht aber auch noch andere Sachen. Zum Beispiel stellt er als einer von mehreren ModeratorInnen Bücher zu bestimmten Themen in der WDR3 Sendung »Gutenbergs Welt« vor. Mitte April hieß das Thema »Im Tierreich« und eines der besprochenen Bücher hieß »Löwenbaby« von Christina Wessely. Ein schmales Bändchen, das eine Art kleine Kulturgeschichte der Menschen-mit-Löwenbabys Fotografie darstellt. »Wer schreibt denn über so etwas? Braucht es das auch noch?«, möchte man da ausrufen. Nun, die in Wien geborene Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Christina Wessely hatte mein Interesse mit diesem Buch sofort geweckt. Und das hat einen Grund.

Penguin Verlag 2018, 280 Seiten, durchgehend vierfarbig illustriert, handgeschrieben und -gestaltet, ISBN: 978-3-328-60005-3

Sehr jung, ohne Kenntnisse im Französischen und mit schmaler Geldbörse bin ich vor über 40 Jahren Richtung Paris getrampt. Irgendwo vor Reims wurde ich von einer Polizeimannschaft aufgehalten. Ich versuchte die Konversation auf Englisch, denn Deutsch in Frankreich zu sprechen schien mir zu gewagt. Das tut man nicht, Geschichte und so. Ich bekam Schwierigkeiten, denn ein Deutsch sprechender Polizist legte meinen hilflosen Versuch als Betrug aus: Warum tun Sie so, als wären sie Engländer? Die Sache ging gut aus und ich traf später in einer Jugendherberge in Paris eine junge Frau, die jüdischer Abstammung war. Ich weiß nicht mehr, woher sie kam, aber wir konnten uns auf Englisch unterhalten. Sie war der erste jüdische Mensch, mit dem ich bewusst sprach. Beklemmung, Schamgefühl, Neugier und wieder die Geschichte. Zwei Episoden meiner frühen Jahre, die sich mir ins Gedächtnis spülten, als ich »Heimat« von Nora Krug las und betrachtete. Und dann ist da noch die Ahnenforschung, die mich auf der Suche nach Heimaten viele Jahre intensiv beschäftigt hat und die ich heute noch sporadisch betreibe. Kurzum: »Heimat«, in dem sich die Illustratorin und Autorin Nora Krug auf Spurensuche nach dem Leben ihrer Familie während der Nazizeit begibt, hatte bei mir ein komplettes Heimspiel. Und dieses Heimspiel wurde zu einem Leseerlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.