Lit Frauen

Fangen wir ausnahmsweise mit dem Verlag an: Der noch junge Polente Verlag versteht sich, ich zitiere, als Brückenbauer zwischen Polen und dem deutschsprachigen Lesepublikum, zwischen Genre- und Hochliteratur sowie zwischen europäischem Anspruch und literarischer Präsenz. Der in diesem Jahr im Polente Verlag erschienene Thriller ›Der Prinz‹ von Magdalena Parys ist der zweite Teil einer Berlin-Trilogie und erschien zuerst 2020 mit einigem Erfolg in Polen. Die polnische Autorin selbst lebt seit 1985 in Berlin. ›Der Prinz‹ wird oft mit ›Die Akte Odessa‹ von Fredrick Forsyth assoziiert. Diesen Vergleich kann ich aber lediglich zitieren, da ich den berühmten Roman nur den Namen nach kenne.

Ich erinnere mich: Die Wohnung eines Freundes oben im alten Bürgerhaus am Fischmarkt, die Regale im Flur voll mit Büchern und auf erheblicher Strecke die Jahrgänge der Fackel von Karl Kraus. Natürlich von Zweitausendeins verlegt, wie so viele dieser besonderen, vergessenen und geborgenen Schätze. Einiges davon ist auch in den eigenen Regalen gelandet, vieles später mühsam und unter Tränen entsorgt. Zu Karl Kraus also: Geborenen 1874 in Jičín (Böhmen), gestorben 1936 in Wien, gilt bis heute mit seinem polemisch-satirischen Werk als einer der bedeutendsten Sprach- und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts. ›Die letzten Tage der Menschheit‹, ›Die Fackel‹, die ›Dritte Walpurgisnacht‹, Aphorismen, Essays, Gedichte und unzählige Glossen. Katharina Prager hat sich dem Leben dieses Mannes in einer Art Biographie in Bildern und Szenen genähert: »›Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.‹ Das Leben des Satirikers Karl Kraus«

Noch einmal melde ich mich kurz in diesem Jahr. Natürlich um allen Leserinnen und Lesern meines Blogs schöne und hoffentlich entspannte Feiertage und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Bleibt alle schön gesund und habt möglichst wenig Sorgen! Aber ich will auch von letzten Lektüren und meinem Bücherstapel berichten. Wie immer vor Weihnachten habe ich ein kleines Türmchen gebaut und will mal sehen, in welches Stockwerk mich mein Gemüt lesend treibt.

Die Frau in Männerkleidung, frühe Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frau, Partnerin von Chopin, ›Ein Winter auf Mallorca‹, der wunderbare Briefwechsel mit Flaubert … dieses und noch mehr mag einem einfallen, wenn man an George Sand (1804—1876) denkt. Sie hat aber auch über 60 Romane geschrieben. ›Nanon‹, die Entwicklungsgeschichte einer Frau aus dem bäuerlichen Milieu in den Jahren 1787 bis 1795 (vielleicht auch eine Hommage an die Mutter von George Sand), wurde 1872 zunächst als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Der Roman (im Buch 379 Seiten) gehört also zu den letzten größeren Werken von George Sand. Der Hanser Verlag hat bei dieser Ausgabe nicht gekleckert: Die Übersetzerin Elisabeth Edl steht für die Übertragung ins Deutsche und die Ausgabe ist mit zusätzlichen 100 Seiten Nachwort, Chronologie der Französischen Revolution, einer Zeittafel, der Biographie von George Sand und Anmerkungen ausgestattet. Klassikerstandard also.

Rezensionsanfragen begegne ich eher zurückhaltend: Zu groß sind die Lücken meines persönlichen Kanons, zu kurz währt die Lebenszeit abseits des Broterwerbs. Doch manchmal werden bei näherer Betrachtung ein Thema oder auch ein Name zu interessant, als dass ich mich nicht darauf einlassen wollte. Lina Morgenstern, den Namen hatte ich noch nie gehört, aber Wikipedia klärte mich auf, dass diese Frau einst von Bedeutung war. Von großer Bedeutung. Anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 wurde sie zu den fünf bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt und sie war wie der Autor Gerhard J. Rekel in einem Interview erklärte, die berühmteste Frau der Stadt. Eine Bürgerliche, eine Sozialreformerin, eine Frauenrechtlerin, eine Gründerin, eine Autorin und laut Untertitel der Biographie auch eine Rebellin. Diese Frau will ich kennenlernen.

Virginia Woolfs 1925 erschienen Roman ›Mrs. Dalloway‹ war längst einmal an der Reihe, von mir gelesen zu werden. Zu lange schon stand die Neuübersetzung von Melanie Walz aus dem Jahre 2022 ungelesen im Regal. Als nun in Bluesky, einer Social-Media-Plattform, die ich nach dem Abgesang von Twitter neben Mastodon (Fediverse) nutze, ein Buchclub die Lesung von Mrs. Dalloway in 11 Tagen (10 Lesetage, ein Ruhetag) ankündigte, war ich dabei. Ich habe noch nie in einem Lesekreis mitgemacht, ich hatte Mrs. Dalloway noch nicht gelesen, also los.

Kennt man Angela Carter heute noch? Sie war keine Unbekannte als 1979 ihr wohl berühmtestes Buch ›The Bloody Chamber‹ veröffentlicht wurde. Als Godmother der feministischen (Horror-) Literatur bezeichnet sie Suhrkamp im Klappentext. Ganz so einfach ist das mit solchen Zuschreibungen vielleicht nicht, wie wir noch sehen werden. Auf jeden Fall hat sich der Verlag 46 Jahren nach Erscheinen der Erstausgabe daran gemacht, dieses sehr besondere Buch in einer (sehr guten) Übersetzung von Maren Kames neu aufzulegen. Ich kannte Angela Carter, die in England zu den wichtigsten Autorinnen der Nachkriegsliteratur zählt, nicht, ich kannte auch dieses Buch nicht und ich staunte bei der Lektüre nicht schlecht.

»Am 15. Jänner 1991 um 12:30 verstarb die Schriftstellerin, Übersetzerin, Verlagslektorin, Leihbibliothekarin und Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg Doris Brehm, geborene Diez, im Alter von 82 Jahren im Wiener Wilhelminenspital.« So beginnt die Suche nach den Lebens- und Schaffensspuren Doris Brehms, deren Ergebnisse von der Herausgeberin Bettina Balàka und der Historikerin Bettina Prager zusammengestellt wurden und im Anhang dieser Ausgabe zu finden sind. Doris Brehms Roman ›Eine Frau zwischen gestern und morgen‹ ist der Auftakt einer neuen Reihe des österreichischen Verlags Haymon (Haymon Her Story: Wiederentdeckte Literatur von Frauen), die von Bettina Balàka herausgegeben wird und sich vergessenen deutschsprachigen Autorinnen widmet.

Eines Tages überkam mich die Lust, eine Lovecraft-Geschichte in der edlen, aber sehr schweren und unbequemen Tor-Ausgabe zu lesen: Der Schatten über Innsmouth. Nach Beendigung dieser athletischen Lesung erinnerte ich mich an meine Sehnsucht nach zeitgenössischer Fantasy oder Science Fiction, die neben Einfällen und Ideen auch literarisch etwas zu bieten hat. Bei der anschließenden Suche auf der Webseite von Tor-Online stieß ich auf den Namen Nora Keita Jemisin: Von 2016 bis 2018 hatte die Autorin dreimal hintereinander den Hugo Award in der Kategorie Best Novel gewonnen. Wenn das keine Referenz ist. Ich besorgte mir also den ersten Teil ihrer Broken-Earth-Trilogy ›Zerrissene Erde‹. 2015 erschien die Originalausgabe unter dem Titel ›Fifth Season‹, 2018 die deutsche Übersetzung von Susanne Gerold im Knaur Verlag. Es war eine ziemlich aufregende Leseerfahrung.

»Der neue Wunnicke ist da«, so hallt es durch Blätter und Webseiten. Kein Feuilleton lässt sich das 2025 im Berenberg Verlag erschienene ›Wachs‹ von Christine Wunnicke entgehen und viele Blogs besprechen zeitnah. Mir wurde die Autorin mit der Verleihung des Wilhelm-Raabes-Literaturpreises 2020 bekannt und ich habe seitdem alle ihre Veröffentlichung gelesen. Nur einige frühere Romane stehen noch in wartender Stellung im Regal. Ich gehöre also zu den geneigten Leserinnen und Leser ihrer Romane und will deshalb an diesem Ort ebenfalls ein paar Anmerkungen zu ihrem neusten Roman loswerden.