Kurze Notiz zu ›Was wir wissen können‹ von Ian McEwan

Den britischen Schriftsteller Ian McEwan wird man spätestens seit ›Abbitte‹ oder ›Saturday‹ kennen, wenn man sich für Gegenwartsliteratur interessiert. Nun, in meinem Fall war es ein Lustkauf: Ich stöberte im Büchergilde-Regal meiner Buchhändlerin, dieses Jahr hatte ich noch nichts gekauft, und ich nahm das schön aufgemachte Buch zur Hand, um im Klappentext u. a. zu lesen: 2119 forscht der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe über einen langen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy, den dieser seiner Frau Vivien zu deren Geburtstag 2014 gewidmet hat und der ein Mythos ist, weil er seitdem verschwunden ist. Das Setting klingt ziemlich merkwürdig und Bedarf der näheren Erklärung.

2119 haben Klimawandel und epochale Kriege die Welt eine vollkommen andere werden lassen. England besteht lediglich noch aus ein paar Inseln, ansonsten ist viel Wasser, die Artenvielfalt ist auf ein Viertel geschrumpft, ähnlich dezimiert auch die Menschheit, aber sie existiert noch. Die fortgeschrittene digitale Technik macht es möglich, das Metcalfe 2119 über den berühmten Lyriker Francis Blundy Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts forschen kann. Metcalfe und Kollegen (und der Roman) haben den Vorzug und das Problem, eine Unmenge an Daten (vor allem E-Mails) zur Verfügung zu haben, denn die Entschlüsselung von digitalen Daten ist kein Problem mehr. Warum allerdings der Forscher Metcalfe sich so sehr auf dieses rätselhafte Langgedicht konzentriert, wird trotz Erklärungsversuchen bis zum Schluss des Romans nicht wirklich klar.

Auf den 282 Seiten des ersten Teils verzahnt McEwan also die aus heutiger Sicht kaputte, aber irgendwie funktionierende Welt von 2119 mit der von Francis Blundys, seiner späteren Frau Vivien und deren gesellschaftlichen Umfelds. Diese Verzahnung gelingt dem Autor sehr gut und überhaupt ist der Stil McEwans elegant zu nennen. Wenn die zukünftige Welt über die heutige nachdenkt, ist das an manchen Stellen durchaus spannend zu lesen. Hier eine philosophische Reflexion, dort ein Allgemeinplatz. Das Zermürbende an der Lektüre war neben dem schwachen Motiv des zu findenden Schatzes (das Gedicht), dass diese Welt der Blundys mit allen ihren oberflächlichen Charakteren in aller Ausführlichkeit (eben soweit digital nachvollziehbar) ausgebreitet wird. Diese schopenhauerischen Stachelschweine, die sich wärmen oder piksen, dieses Hin- und Her und in aller Ausführlichkeit: Nach 100 Seiten begann ich mich zu ärgern. Und der Ärger sollte noch einige hundert Seiten andauern.

Es mag Menschen geben, die den Roman mögen werden, also werde ich wie immer nicht zu viel verraten. Im zweiten Teil wechselt der Erzähler und anstelle von Metcalfe spricht linear und auf Papier eine der Protagonistinnen des ersten Teils. So endet der Roman nicht im Ungefähren, von dem ominösen Sonettenkranz erfahren wir allerdings bis zum Schluss nicht mehr, als dass er legendär war.

Für die wohlmeinende Kritik ist der Roman ein Buch über das, was wir der zukünftigen Generation schuldig sind. Und auch eine Liebesgeschichte, eine Satire des Literaturbetriebes und auch ein Thriller. Ein Thriller ist der Roman tatsächlich auch, allerdings mit sehr ausufernden Spannungsbogen. Ich kann sagen, dass ich der Versuchung, den Roman abzubrechen, knapp widerstanden habe, allerdings auch froh war, als es zum Ende kam. Zu viel Langeweile (um nicht Geschwätz zu schreiben), zu viel gewagte (um nicht hanebüchene zu schreiben) Konstruktion, flache Charaktere. Für diesmal zu viel gewollt, wäre mein Urteil. Entbehrlich.

  • Meine Ausgabe: Ich habe die Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg gelesen. Sie erschienen 2025, im selben Jahr wie die von Bernhard Robben ins Deutsche übersetzte Ausgabe bei Diogenes. Gebunden, 480 Seiten.

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