Historischer Stadtplan aus:
Reiner Stach, Die Kafka-Biographie in drei Bänden, S.Fischer 2017

Ende November 1922 formulierte der schwer erkrankte Franz Kafka an Max Brod seinen letzten Willen: »Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler … Wenn ich sage, daß jene 5 Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verloren gehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.«
Wäre es also nach Kafka gegangen, wären etwa 450 Seiten geblieben. (Hätte er das wirklich so haben wollen?)

Kampa Verlag 2019, 336 S., ISBN: 978-3-311-10018-8, auch als E-Book erhältlich.

Was muss, was sollte man wissen, um dieses Buch zu lesen? Nun, Frau Olga Tokarczuk darf sich seit letztem Jahr Literaturnobelpreisträgerin nennen, sie ist Polin und zählte, inzwischen längst etabliert, vor zwanzig Jahren zu den neuen, jungen, europäischen Autorinnen. Dass sie in ihrem konservativen Heimatland mitunter hart aneckt, wie grad mit ihrem neusten Roman »Die Jakobsbücher« versteht sich von selbst. Ich war schon lange neugierig auf die Bücher von Frau Tokarczuck, nur war mir nicht ganz klar, wie ich denn anfangen sollte. Der aktuelle Roman schien mir nicht allein der Seitenzahl wegen eine zu große Herausforderung, also wählte ich nach einigem Hin und Her »Ur und andere Zeiten«. Ein Roman, der bereits 1996 in Polen erschien, im Jahr 2000 erstmals auf Deutsch im Berlin Verlag und nun bei Kampa mit der Aufschrift ›Nobelpreis‹ dezent auf der Rückseite des Buchcovers. Ich beginne also die Lektüre und »Ur und andere Zeiten« brauchte etwa eine Seite, um mich in Verzückung zu versetzen.

Hanser 2019, 336 S., ISBN 978-3-446-26408-3, auch als E-Book erhältlich.

Johann Christian Friedrich Hölderlin, 250 Jahre nachdem er geboren wurde. Die Feierlichkeiten zu diesem Jubiläum nehmen keine Ausmaße an, wie sie es bei Beethoven taten. Der ist auch heute noch populär, Hölderlin eher schwierig. Der Dichter strebte nach Idealen, Neuschaffung eines Mythos, griechische Götter unter uns, es geht permanent ums Große und Ganze. Solches hohe Lied klingt recht fremd für heutige Ohren. Oder aber war Hölderlin gar ein Revoluzzer, ein überspannter Poet, ein Wahnsinniger im Turm? Schelling, Hegel, Hölderlin, der Freundesbund, deutscher Idealismus, Streben nach Freiheit. Philosophie und Poesie von Männern, die alles wollten. Blättere ich mich durch Hölderlins Texte, stoße ich auf Hymnisches, immer wieder Klagegedichte, die Elegien, Sehnsucht nach Verschmelzung, Griechen überall, Hölderlins Griechen. Das kann schon ziemlich nerven. Dann aber plötzlich zeitlose Stellen wie das bekannte »Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch«, die Turmgedichte, die mich schon immer seltsam berührten. Ich brauche Hilfe und greife zu Altbewährten: Einer Biographie von Rüdiger Safranski.

Epuli 2020, 188 S., ISBN: 9783750277472.

Autorin Safeta Obhodjas floh 1992 vor den ethnischen »Säuberungen« aus ihrer Heimat in Bosnien und Herzegowina und lebt heute in Wuppertal. Schon 1997 begann sie, auf Deutsch zu schreiben. Begonnen aber hatte alles in der Nähe von Sarajevo: Das Dilemma der Zugehörigkeit war und ist ihr großes literarisches Thema. Slawische Herkunft, muslimische Wurzeln, Frau Obhodjas weiß, wovon sie spricht und schreibt. Aufmerksam wurde ich auf die Autorin, als ich ihren Roman »Die Bauchtänzerin« von 2015 las. Dieser Roman spielt überwiegend in Bosnien, der aktuelle, ich erlaube mir, ihn kurz »Schwesternliebe« zu nennen, hat seinen Schauplatz in Deutschland und handelt von einer jungen Frau die sich aus einer muslimischen Großfamilie emanzipiert und von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Schauplätze, Herkünfte, Figuren ändern sich, das Thema bleibt der sogenannte »Culture Clash«.

Suhrkamp 2018, 252 Seiten, ISBN: 978-3-518-42824-5 , auch als  eBook erhältlich.

An guten Tagen sind es 20 Minuten in der Früh im Bus, eine knappe Stunde am Abend, die ich an einem Wochentag einigermaßen konzentriert lesen kann. Eigentlich ideal für ein Buch, das sich in 12 Kapiteln, eingebettet von Vorwort, Einleitung und Personen-, Bild- und Quellenverzeichnis, gliedert. Jedes der 12 Kapitel enthält 16 Seiten Text und eine Art schwarzes Vorsatzblatt, auf dem Schwarz auf Schwarz, schräg ins Licht gehalten sichtbar, Zeichnungen oder Bilder zum Thema des folgenden Textes dargeboten werden. So wird aus den Notwendigkeiten der Buchbindung die gleiche Länge der Abschnitte erzwungen. Die in Greifswald geborene Judith Schalansky erzählt von untergegangen, verlorenen, ausgestorben Dingen. Von Verlusten. Einem Atoll, das sich der Pazifik zurückgeholt hat, einem Einhorn, dem Palast der Republik, einem ausgestorbenen Tiger, den verlorenen Stellen in den Liedern der Sappho und so einiges mehr. Kunterbunt die Themen, wie in einem Setzkasten. Gleichzeitig genormt durch die gleiche Textlänge, dem schwarzen Vorsatzblatt und den kursiv gedruckten Vorabinformationen zu gleichsam Geburt und Tod der beschriebenen Verluste. Der Text selbst in einem bisweilen ein wenig manierierten, gesetzten und sich dem Gegenstand jeweils gänzlich individuell nähernden Ton. »Verzeichnis einiger Verluste« ist ein sehr eigens, einzigartiges Buch.

Atrium 2018, 768 S., aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl, 978-3-85535-017-9 (als Hardcover, Taschenbuch oder E-Book erhältlich)

Im 64. Jahr seiner Regentschaft stirbt der japanische Kaiser Hirohito. Zeitgleich im Januar 1989 wird in Tokio ein siebenjähriges Kind entführt. Die Arbeit der Polizei verläuft nicht ohne Pannen und am Schluss ist das Kind tot, das Lösegeld verschwunden. Es wäre eine wichtige Spur gewesen, hätte man die Aufzeichnung der Stimme des Entführers nicht vermasselt. So bleibt es ein ungelöster Fall mit dem Aktenzeichen 64. 2002: Nicht ganz freiwillig ist Mikami Pressedirektor der örtlichen Polizei, denn er fühlt sich eigentlich der Kriminaluntersuchung zugehörig. Mikami ist in Nöten: Seine Tochter ist verschwunden, in der Ehe kriselt es nicht nur deswegen und in der Arbeit wird er gemobbt. Er soll den Besuch des Generalinspekteurs vorbereiten, der just am Schauplatz des ungelösten Verbrechens von 1989 Rauchopfer darbringen will. In Verwaltung, Kriminaluntersuchung und Presse herrschen hellste Aufregung und ein einziges Hauen und Stechen.

dtv, München 2019, ISBN 9783423281973, 288 Seiten. Deutsche Erstausgabe, mit einem Nachwort von Max Czollek, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann. Auch als E-Book erhältlich.

Nun aber flott, denn ein Buch hätten wir noch für dieses Jahr. Fran Ross wurde 1935 in Philadelphia/USA geboren. Sie war, wie ihre Romanheldin Christine ›Oreo‹ Clark, die Tochter eines jüdischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter. Sie arbeitete als Journalistin und Korrekturleserin, veröffentliche 1974 ihren einzigen Roman ›Oreo‹, der seinerzeit Zeit kaum Aufmerksamkeit erlangte. Mit grad 50 Jahren verstarb Fran Ross 1985 an Krebs. Dieser Roman wurde im Jahr 2000 in Amerika mit großem Erfolg neu aufgelegt und liegt seit 2019 auch im deutschsprachigen Raum in großartiger Übersetzung von Pieke Biermann vor. Die Übertragung ins Deutsche war sicher kein Kinderspiel, denn die Autorin mischte in ›Oreo‹ Jiddisch mit Südstaaten-Slang und Fantasiesprache, griechische Theseus Sage mit abgedrehter, absurder Handlung, politisches Statement mit Trash. Der Romanheldin Lebensmotto kann man folgerichtig lesen als »Nemo me impune lacessit«, als »Niemand reizt mich ungestraft«, als »Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab!«. Was ein irres Buch, ein Höhepunkt meines Lesejahres 2019.

Aufbau Verlag 1998 (2. Aufl. 2018), Große Brandenburger Ausgabe, Das erzählerischer Werk, Band 15, 536 S., ISBN: 978-3-351-03127-5 

›Effi Briest‹ von Fontane also: Wir hätten da eine arrangierte Ehe Ende des 19. Jahrhunderts zwischen der 17-jährigen Tochter des Ritterschaftsrats von Briest und seiner Frau Luise aus Hohen-Cremmen im Havelland mit dem 20 Jahren älteren Landrat Innstetten aus Kessin in Hinterpommern. »Ich merke das auch; sie sind hier so streng und selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.« bemerkt Effi später. Wenige Jahre danach, inzwischen hat der berufliche Aufstieg Innstettens bei Bismarck das Paar mit Kind und Personal nach Berlin ziehen lassen, hat Effi endlich begonnen, sich in ihr Leben einzufinden. Da wird ihr eine läppische Affäre zum Verhängnis. Und nicht nur ihr: Ehrenkodex und gesellschaftliche Konvention zerstören, was langsam zu wachsen schien. Ich habe mich gefragt, was Fontanes berühmtester Roman mir heute sagen kann, und habe das Buch in der ›Grossen Brandenburger Ausgabe‹ im Aufbau-Verlag gelesen.

Es ist der 9.11., das Datum der Reichsprogromnacht 1938. Mathilde und Fischel Rosenkranz, die seit 1910 Am Watmarkt in Regensburg wohnen, werden verhaftet, später nach Sosnowitz interniert und 1940 in einem der Vernichtungslager ermordet. Ich gehe heute also die Stolpersteine polieren. Als ich grad fertig bin, öffnet der Dampfnudel-Uli nebenan. Uli Deutzer und seine Angestellte stehen im Türrahmen und freuen sich über die hergerichteten Stolpersteine für die früheren Bewohner des Nachbarhauses. 

Von anderen höre ich manchmal, es sei alles doch ein wenig übertrieben mit den Juden. Alles so lange her doch. Ich antworte ihnen: Wie könnte man diesen Horror in Deutschland vergessen? Wenigstens erinnern, wenigstens das.

Piper Verlag 2019, 192 S., EAN 978-3-492-05981-7

Manchmal ist das so: Ich beende ein größeres Leseprojekt und freue mich auf eine leichte Lektüre danach. Oft steht dieses Buch schon Wochen vorher fest. Literarisches Auslaufen sozusagen. Es kann allerdings passieren, dass dieses Buch mich wider Erwarten so fasziniert, dass es hier nicht unerwähnt bleiben darf. So ein Buch ist Tante Martl von Ursula März. Die Autorin ist mir lange bekannt, da ich regelmäßige Hörerin von Diwan – Das Büchermagazin auf Bayern 2 bin und Frau März dort des Öfteren als Buchkritikerin auftritt. Auch ihr dieses Jahr erschienener Roman Tante Martl wurde dort besprochen und ich merkte mir vor, dass dieses Buch etwas für mich sein könnte. Der Roman ist biographisch angelegt und handelt von Ursula März Tante, die als dritte Tochter ihrer Eltern, die sich unbedingt einen Stammhalter männlichen Geschlechts gewünscht hätten, im Juni 1925 geboren wurde. Ihre zugedachte Rolle war nicht die eines Nesthäkchens, sondern die der ungeliebten Tochter (weil kein Junge), die ihre Schuld abzutragen hatte: Sie hatte die Eltern bis zu deren Tod zu pflegen, lebte ein Leben lang in deren Haus in einer westpfälzischen Kleinstadt und heiratete nie. Ein entbehrungsreiches, armes Leben? So ganz nicht.