Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko

dtv 2012, 304 Seiten, ISBN: 978-3423346719

Die Dichterin Mascha Kaléko: »Witzig-melancholische Lyrik« heißt es lapidar in meinem dtv-Lexikon von 1995, in der 21-bändigen Kindler Literaturlexikon von 1996 gibt es keinen einzigen Eintrag, in der aktuellen digitalen Ausgabe hat man ihr einen Artikel gewidmet. Sie hat Erfolg bei ihren Lesern, während die Germanisten noch darüber streiten, ob sie in den Kanon gehört oder nicht. Mascha Kaléko selbst sieht sich in der Tradition von Heinrich Heine dichtend, oft wird sie mit Tucholsky, Ringelnatz oder Kästner verglichen und die ›Neue Sachlichkeit‹ wird mit ihr in Verbindung gebracht. Fangen wir also mit den wichtigsten Lebensdaten an: Geboren wird die Dichterin 1907 als Golda Malka Aufen in Chrzanów (West-Galizien), gestorben ist sie 1975 in Zürich. Jutta Rosenkranz hat das unstete Leben der Lyrikerin 2007 und in einer aktualisierten und erweiterten Auflage 2012 nachgezeichnet.

Die Biographie zeigt auf 300 Seiten das Leben der Lyrikerin Mascha Kaléko in 4 Kapiteln und richtet diese nach den Lebensmittelpunkten der Dichterin aus. Kindheit in Chrzanów, Frankfurt a. M. und Marburg von 1907 bis 1918, die Berliner Zeit von 1918 bis 1938, die Emigration in die USA (New York) von 1938 bis 1959 und die Zeit in Jerusalem von 1959 bis 1975. In einem knapp 10-seitigen Epilog wird die Wirkungsgeschichte skizziert. Abgeschlossen wird die Biographie mit einem Anhang, der Anmerkungen, eine Zeittafel, ein Literatur- und Werkverzeichnis, ein Personenregister und die Bildnachweise beinhaltet. Der Stil der Biographin Jutta Rosenkranz ist eher zurückgenommen, was ich als angenehm empfand, und die fehlenden persönlichen Fakten (Frau Kaléko war zeitlebens über Dinge, die Herkunft, Kindheit und Privates betreffen, nicht sehr auskunftsfreudig) werden durch zahlreiche Zitate aus dem Werk der Lyrikerin aufgefangen. Es ist eine Stärke des Buches, dass es auch als Einführung in das Werk funktioniert.

Mascha Kaléko hat ihre ostjüdische Herkunft möglichst verschwiegen und zeitlebens ihr Geburtsdatum mit 1912 angegeben, was sich die zierliche und sehr jugendlich wirkende Künstlerin durchaus erlauben konnte. 1918 kam die Familie nach Berlin. Dort heiratet sie den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. Ende der 1920er Jahren veröffentlicht sie erste Gedichte für das Kabarett. (Heute stellt man fest, wie gut Kaléko Gedichte noch immer als Liedtexte funktionieren. Man höre ›Kaléko‹ von Dota Kehr von 2020.) Kaléko-Gedichte sind in Zeitungen zu lesen, sie verdingt sich auch als Werbetexterin und geht im berühmten ›Romanischen Café‹ ein und aus. 1933 erscheint ›Das lyrische Stenogrammheft‹im Rowohlt Verlag, gefolgt von ›Das kleine Lesebuch für Große‹ 1934. Man kennt die Großstadtlyrik der Kaléko nun. Etwas von Kästner, von Tucholsky und doch ein ganz eigener Ton, ein weiblicher Ton. Frech, salopp, stets sich reimend und darunter noch etwas, eine Art zweiter Boden. Das ist es, was Kalékos Lyrik von üblicher Gebrauchslyrik unterscheidet. 

Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war »nein«.
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
– Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Die ersten beiden Strophen aus ›Interview mit mir selbst‹

Die Nazis haben ein wenig gebraucht, um zu begreifen, dass Frau Kaléko eine Jüdin ist. 1938, inzwischen ist die Künstlerin geschieden und mit dem Musikologen Chemjo Vinaver verheirat, wandert die kleine Familie grad noch rechtzeitig in die USA aus. Mit ihrer großen Liebe Chemjo Vinaver hat sie einen gemeinsamen Sohn: Evjatar Alexander Michael, der 1936 noch in Berlin geboren wird. Für ihren Mann und dessen Karriere wird Mascha Kaléko für lange Zeit ihre eigenen Ambitionen zurückstellen. Aber 1945 werden noch die ›Verse für Zeitgenossen‹ erscheinen und ebenfalls auf Bestsellerlisten landen. Die Gedichte sind nun von den Erfahrungen der Emigration geprägt. Der Ton hinter den verständlichen, immer noch gereimten Strophen wird tiefer: Melancholie, Verlust der Sprache, das Sehnen nach Geborgenheit.

Von 1959 an lebt das Paar in Jerusalem, eine Art Zuhause finden sie dort nur schwer, denn die Sehnsucht nach Europa ist zu groß. Die späten Jahre sind geprägt von Enttäuschungen, Schicksalsschlägen, Geldnot und Krankheit. Frau Kaléko unternimmt Lesereisen nach Deutschland und wird dort gefeiert. Das Publikum hat sie nicht vergessen. Auf den möglichen ›Fontane-Preis‹ verzichtet sie, da der ehemalige SS-Mann Holthusen in der Jury sitzt. Andererseits wirkt ihre Dichtung nun wie aus der Zeit gefallen: Die moderne, männlich geprägte Nachkriegslyrik lehnt sie als verkopft ab. Eine gegenseitige Ablehnung. Es folgen zwei Schicksalsschläge, die kaum zu ertragen sind: 1968 stirbt der künstlerisch hochbegabte Sohn an einer schweren Krankheit, 1973 ihr geliebter Mann. 1974 besucht sie noch einmal ihren Sehnsuchtsort Berlin. Sie überlegt, ob sie ihren Lebensabend vielleicht nicht doch hier verbringen könnte. Auf der Rückreise nach Jerusalem muss sie in Zürich haltmachen. Ihr seit längerer Zeit labiler Gesundheitszustand macht eine Weiterreise nicht möglich. Am 21. Januar 1975 stirbt Mascha Kaléko in Zürich an Magenkrebs. 

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Aus: ›In meinen Träumen läutet es Sturm‹, nachgelassene Gedichte

Von den Büchern, die ich kenne, kann ich empfehlen: Die drei grundlegenden Sammlungen ›Das lyrische Stenogrammheft‹, ›Verse für Zeitgenossen‹ und ›In meinen Träumen läutet es Sturm‹ als preiswerte Taschenbuchausgaben oder als E-Books bei dtv. Eine sehr schöne, von Hans Ticha illustrierte Sammlung ›Bewölkt, mit leichten Niederschlägen‹ bei der ›Büchergilde Gutenberg‹. Eine vierbändige Werkausgabe (Werke, 2 Bde. Briefe, Kommentarband) gibt es als Taschenbuchausgabe und gebunden bei dtv. Ganz egal, zu welcher Ausgabe man greift: Es ist für uns Leserinnen und Leser eine große Freude, dass es diese Gedichte von Mascha Kaléko gibt.

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