Rüdiger Safranski: Hölderlin – Komm! ins Offene, Freund! (- und eine Art Gegenstück)

Hanser 2019, 336 S., ISBN 978-3-446-26408-3, auch als E-Book erhältlich.

Johann Christian Friedrich Hölderlin, 250 Jahre nachdem er geboren wurde. Die Feierlichkeiten zu diesem Jubiläum nehmen keine Ausmaße an, wie sie es bei Beethoven taten. Der ist auch heute noch populär, Hölderlin eher schwierig. Der Dichter strebte nach Idealen, Neuschaffung eines Mythos, griechische Götter unter uns, es geht permanent ums Große und Ganze. Solches hohe Lied klingt recht fremd für heutige Ohren. Oder aber war Hölderlin gar ein Revoluzzer, ein überspannter Poet, ein Wahnsinniger im Turm? Schelling, Hegel, Hölderlin, der Freundesbund, deutscher Idealismus, Streben nach Freiheit. Philosophie und Poesie von Männern, die alles wollten. Blättere ich mich durch Hölderlins Texte, stoße ich auf Hymnisches, immer wieder Klagegedichte, die Elegien, Sehnsucht nach Verschmelzung, Griechen überall, Hölderlins Griechen. Das kann schon ziemlich nerven. Dann aber plötzlich zeitlose Stellen wie das bekannte »Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch«, die Turmgedichte, die mich schon immer seltsam berührten. Ich brauche Hilfe und greife zu Altbewährten: Einer Biographie von Rüdiger Safranski.

Wo es ein geisteswissenschaftliches-literarisches Jubiläum zu feiern gibt, war Rüdiger Safranski schon da. »Komm! ins Offene, Freund!« untertitelt Safranski seine Biographie, die ersten Zeilen eines langen Gedichts, das Hölderlin an seinen Freund Christian Landauer, einem Kaufmann in Stuttgart, schrieb. In 16 Kapiteln beschreibt der Autor routiniert die Lebensstationen des deutschen Klassikers, in dem abschließenden 17. Kapitel widmet er sich der bemerkenswerten Wirkungsgeschichte. Ein paar Stationen Hölderlins seien hier aufgeführt: Geboren 1770 in Lauffen am Neckar, die Mutter, eine ehrbare, fromme Frau, durchaus wohlhabend, verspricht ihn der Kirche. Hölderlin wehrt sich, aber er wird dennoch Klosterschulen besuchen müssen. Nach dem frühen Tod des Vaters verwaltet zeitlebens die Mutter sein Erbe und hält den Sohn auf diese Art bei der Stange, eine fatale Lebenssituation. Von Ferne hallt die Französische Revolution wider. Freundschaften mit Schelling und Hegel, Hoffnung auf das Offene, auf Befreiung von der Enge. In der realen Welt hält sich der Dichter, der so hoch hinaus will, mit Hofmeisterstellen über Wasser. Er lernt den bewunderten Schiller kennen, der ihn eine Zeitlang protegiert, und schließt prägende Freundschaften u. a. zu dem revolutionär gesinnten Diplomaten von Sinclair oder zu dem Stuttgarter Kaufmann Landauer. In einer Hofstelle bei dem Frankfurter Kaufmann Gontard verliebt er sich in dessen Ehefrau Susette und es entspinnt sich die Liebesgeschichte seines Lebens. Was dann genau geschah, wissen wir nicht, aber Hölderlin muss sich bald entfernen. Idealisiert lebt Susette in seinem Werk als Diotima weiter. (Und nicht nur in seinem, auch Musil-LeserInnen kennen Diotima.) In Bordeaux, wo er wieder als Hofmeister weilt, kommt es zum Bruch. Auch hier ist die Quellenlage mau, aber klar ist: Hölderlin hält dem Druck nicht mehr stand. Der nicht erfolgte Durchbruch als Literat bei prekärer finanzieller Situation (Geld wäre da, doch Mutter hält den Deckel drauf) und komplizierter Psyche werden zu viel für ihn. Was noch fehlt: Der Dichter gerät in den Verdacht, revolutionäre Aktivitäten zu betreiben, und wird gerichtlich verfolgt. Der Weg in den Hölderlinturm unter freundschaftlich Aufsicht der Schreinerfamilie Zimmer ist nicht mehr weit. Von 1807 bis zu seinem Tod 1843 lebt er hier, über die Jahre immer mehr zu Ruhe kommend. Es entstehen die Turmgedichte, deren kleinerer Teil der Nachwelt erhalten blieben und erst spät als literarische Erzeugnisse von Bedeutung gewürdigt wurden.

Es bleibt vieles im Unklaren in dieser Biographie, viel Platz für Spekulation. Und die Dichtung? Hymnen, Elegien, Streben nach göttlicher Reinheit, überall die alten Griechen, deren Lebensart Hölderlin in die sich fremd gewordene Gegenwart retten will, mehr noch, die das auf das Jenseits fokussierte Christentum ablösen soll. Und das alles mit Poesie. Das ist nicht leicht zu begreifen, wirkt auf eine Art fremd, unverständlich und ziemlich verrückt, auch damals schon. Safranski versucht, Hölderlins Werk in einen geschichtlichen Kontext zu setzen, um so Textstellen verständlicher zu machen. So gibt es reichlich original Hölderlintext in dieser Biographie. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit Hölderlins Poesie und Sprache findet allerdings eher wenig statt. Hölderlin scheint uns aber doch ferngerückt, resümiert der Autor am Ende, es sei die Frage, ob er uns, wir ihn noch erreichen könnten. Das klingt eben nicht optimistisch und doch: Nach der Lektüre von Rüdiger Safranski ist meine dreibändige Münchener Ausgabe vollbespickt mit Lesezeichen, die Orientierung leichter machen sollen. Fertig bin ich, bei allen Schwierigkeiten, die er Lesern und Leserinnen heute bereiten mag, mit Hölderlin nicht.

Im letzten Kapitel befasst sich Safranski mit der Wirkungsgeschichte von Hölderlins Werk: Bettine und Achim von Arnim, Brentano, Nietzsche, Stefan George, Heidegger, die Nazis und noch so einige mehr. Hölderlins Stil, seine Metaphorik, sein Raunen laden ein, die Werke des Dichters für eigene Anschauungen zu nutzen. Wer hier noch tiefer bohren will, dem sei Karl-Heinz Otts »Hölderlins Geister« empfohlen: Wo Safranski routiniert und ein wenig bieder daherkommt, sprüht Otts Abhandlung geradezu und wendet sich scharf gegen Hölderlins Griechenkult und der Sehnsucht nach einen neuen Mythos. Die zahlreichen Deuter Hölderlins Werk jeglicher Couleur werden seziert, allen voran der Hölderianer Heidegger, und kenntnisreich ad absurdum geführt. Ein bemerkenswertes Gegenstück zu Safranskis Biographie, auch wenn man bei der Lektüre das Gefühl bekommt, hier bleibe auch von Hölderlin selbst nicht allzu viel übrig.

Meine Hölderlin-Ausgabe:
Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe in drei Bänden

Weiterführende Empfehlung eines Lesers dieses Blogs:
Kurt Oesterle: Wir & Hölderlin? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat


2 Kommentare on "Rüdiger Safranski: Hölderlin – Komm! ins Offene, Freund! (- und eine Art Gegenstück)"


  1. Hallo Lena,

    darf ich Dir zu Hölderlin noch das neue Buch von Kurt Oesterle empfehlen? Es trägt den etwas sperrigen Titel „Wir und Hölderlin ? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat“. Ich habe das Buch bereits 2 Mal gelesen und sehr viel über Hölderlin gelernt, der ja doch eher zu den sperrigen Dichtern gehört. Der Autor schafft es, wie ich finde, Hölderlin aus dem Elfenbeinturm rauszuholen und aufzuschließen. Kurt Oesterle hat auch bei der ARTE-Produktion beratend mitgewirkt, die in diesen Tage über Hölderlin lief.

    Herzliche Grüße von Reklamekasper.de – dem Literatur- und Haikublog aus Tübingen
    Norbert Kraas

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