
1963 feierte man in Deitschland den 100. Todestag von Jakob Grimm, als der kürzlich verstorbene Hans Traxler auf die Idee kam, eine Satire auf das Berühmteste der Grimmschen Märchen ›Hänsel und Gretel‹ und auf die in Mode gekommene Spatenforschung zu veröffentlichen. Diese Parodie erschien in zwei Auflagen bei ›Bärmeier und Nikel‹. Einige werden sich noch an die bei ›Zweitausendeins‹ durchgesehene Neuauflage aus dem Jahre 1978 erinnern: Ein schwarzes Buch mit dem Foto des Forschers Georg Ossegg in Hut und Mantel aus einem Graben schauend. Heute noch lieferbar ist die 149-seitige Ausgabe bei Reclam. Sie wurde um 20 Seiten mit der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Buches (›Jetzt lacht die Hexe sich ins Fäustchen‹ von Hans Traxler) und ein paar vielsagen Zeitungsausschnitten und Leserbriefe erweitert. 20 Seiten, die der Geschichte noch einmal besondere Würze geben.
Zurück in die 1960er: Mein Vater war überzeugt, dass mit dem archäologischen Sachbuch ›Und die Bibel hat doch recht‹ von Werner Keller der christliche Glaube wissenschaftlich bewiesen war. Krimis, die sich nicht an die (gewünschte) polizeiliche und gesellschaftliche Realität hielten, wurden als Schund abgetan. ›Pippi Langstrumpf‹ verdarb die Folgsamkeit unserer Kinder und das Internet mit seinen Möglichkeiten war noch nicht einmal denkbar. In diese enge und überwiegend ironiefreie Welt setzte Herr Traxler seine Satire: Ein Herr Ossegg, Mittelschullehrer und Märchenfan, will schliemanngemäß die historischen Wurzeln von ›Hänsel und Gretel‹ ausgraben und erforschen. Angereichert mit reichlich (gefakten) Bildermaterial macht er aus Hänsel und Gretel Kriminelle und Mörder. Das ist ein Ding.
Liest man diese Parodie heute, mag man kaum glauben, dass es Leute gegeben hat, die diese Geschichte ernst genommen haben. Aber die gab es und Hans Traxler hat das alles nicht wenig Ärger und Frust eingebracht. Dieser Teil ist fast noch interessanter zu lesen als die Geschichte selbst. Deshalb mag man bei Interesse zur Reclamausgabe greifen, die für schmales Geld zu erwerben ist. Die etwas Älteren unter uns werden mit einer Zeitreise der speziellen Art belohnt, die uns Hans Traxler vor vielen Jahren beschert hat.
