Jan Jacob Slauerhoff: Das verbotene Reich

Weidle Verlag, 2016, 180 Seiten, aus dem Niederländischen von Albert Vigoleis Thelen, ISBN: 978-3-938803-78-3, CulturBooks (digitale Lizenz), ISBN 978-3-95988-046-6.

Was eine seltsame Geschichte, was ein merkwürdiges Buch, das mich nach der Lektüre ein wenig ratlos und fasziniert zurückläßt. Eine Erzählung von nicht enden wollenden Martyrien, romantischer Liebe und unbändiger Freiheitsliebe, Phantasie und geschichtlichem Hintergrund und einer seltsamen Symbiose zwischen Autor und seinem Übersetzer. Ich fange der Reihe nach an.

Der Autor Jan Jacob Slauerhoff wurde 1898 in den Niederlanden geboren und verstarb ebendort 1936. Er studierte Medizin und arbeitete ab 1923 als Schiffarzt und bereiste Afrika, China und die Westindischen Insel. „Het verboden rijk” wurde 1932 veröffentlicht. Slauerhoff gehört zu den bedeutenden niederländischen Lyriker.

Des Übersetzers Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) Hauptwerk ist „Die Insel des zweiten Gesichts”, welches 1953 erschien. Sein Leben war von Flucht vor dem Naziregime geprägt. Thelen hielt sich lange Zeit in Mallorca und im Tessin auf. 1962 wurde er als „Verfolgter des Naziregimes” anerkannt. „Das verbotene Reich” übersetzte er in den 1930er Jahren. Auf Deutsch erschienen ist das Buch aber erst 1986. Der Weidle Verlag legte dieses lange vergriffene Buch jetzt neu auf. Die digitale Ausgabe besorgte CulturBooks.

Der Plot spinnt sich um den portugiesischen Dichter Luís Vaz de Camões (1525?–1580). Der Held der Geschichte ist demnach geschichtlich verbürgt. Sein Martyrium beginnt, als er wegen seiner Liebe zu Diana, der Braut des Thronfolgers, ins Exil gehen muß. Auf Befehl des Königs reist er als Gefangener nach Maceo, einer Halbinsel nicht weit von Hongkong, die seinerzeit portugiesische Kolonie war. Die Auseinandersetzungen zwischen Portugiesen und Chinesen, Staat und Kirche werden ausführlich geschildert. In Maceo nun versucht der Curador Campos, seine Tochter Pilar aus machtpolitischen Gründen mit dem Oberbefehlshaber zu verheiraten. Pilar flieht zu der nahegelegenen Insel Ilha Verde, wohin sich nach einem Schiffsuntergang auch der zu Tode erschöpfte Camões rettet. Beim Aufeinandertreffen der beiden hält Camões Pilar für seine geliebte Diana. Pilar bittet ihn, nach Maceo zu gehen. Keine gute Entscheidung wie sich herausstellt. … Damit ich nicht des kompletten Spoilerns angeklagt werde, stoppe ich hier ab, aber nicht ohne zu verraten, daß bald noch ein irischer Funker aus dem 19. Jahrhundert auftaucht, der sich schließlich für eben diesen Camões halten wird. Ja, ja, ein ziemlich abgedrehter Abenteuerroman ist das.

Ein Abenteuer ist dieser Roman, nicht nur was den Plot angeht, sondern auch stilistisch. Slauerhoff nimmt sich eine Menge Freiheiten heraus: Nicht nur daß der Leser sich anstrengen muß, um der Handlung folgen zu können, auch wechselt regelmäßig die Erzählperspektive und zu guter Schluß verschmelzen die handelnden Personen miteinander. Nein, ein sommerlich luftiger Pagetuner ist „Das verbotene Reich” nicht. So wie Camões, der neben Rimbaud ein literarisches Vorbild für Slauerhoff war, bürgerliche Konventionen ablehnt, tut dieses auch der Autor dieses Buches. Allerdings müssen der Leser und die Leserin sich bei der Lektüre lediglich ein wenig anstrengen, um diesem Suchen nach Freiheit zu folgen. Der Held Camões zahlt hierfür einen weit höheren Preis. An dieser Stelle sei „Die Insel des zweiten Gesichts” des Übersetzers Thelen, das ich vor vielen Jahren gelesen habe, erwähnt. Wie in „Das verbotene Reich” sind auch dort der Zusammenhang zwischen Freiheitsliebe, Leidensfähigkeit und Kraft der Phantasie ein zentrales Thema. Ich fühlte mich während des Lesens immer wieder an diese weit zurückliegende Lektüre erinnert.

Camões fühlte ein Verlangen, das er gestorben wähnte, neu erwachen. Wieder war er frei, allein in dem großen Reich. Er konnte gehen, wohin er wollte. Und er ging zurück, einige mit ihm, um Macao wieder zu erreichen oder in der Ferne der verlassenen Ebene hinzusterben.

Und gefällt mir das Buch? Ich bin ein wenig ratlos. Vielleicht war mir alles zu viel Abenteuerroman. Auf der anderen Seite haben mich die intensive Atmosphäre und Dichte des Romans sehr gefallen. Sicherlich ist die Struktur des Romans recht kompliziert, aber mit ein wenig Konzentration ist der Handlung zu folgen. Ich bleibe unentschieden in meinem Urteil und bereue die Lektüre nicht.

2 Gedanken zu „Jan Jacob Slauerhoff: Das verbotene Reich“

    1. Vielen Dank für dein Lob liebe Rosie! Das verboteneReich ist ein wirklich sehr spezielle Lektüre, zu der ich dir viel Spaß wünsche.
      Grad habe ich noch eine kurze Empfehlung geschrieben, werde heute noch meine Literatur-Podcasts hören, ein wenig Gitarre spielen und dann freue ich mich auf den Biergarten.
      Liebe Grüße in den Norden!

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