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Insel Taschenbuch 1985, 343 S., ISBN 3-458-32581-6, einzelne der 10 Bände sind antiquarisch zu erwerben. Die vorgestellten Texte sind als Einzelausgaben, in Sammlungen oder als eBooks leicht zu finden, mehr dazu am Ende dieses Textes.

Ich habe Wilhelm Raabe schon immer gemocht. Seinen etwas verschrobenen, zum entschleunigten Lesen zwingenden Stil, seinen Realismus und das Gespür für die einfachen Leute seiner Zeit. Will man etwas über »the normal ones« der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfahren, so greife man mutig zu diesen Erzählungen und Romanen. Zugegeben, Raabe zu lesen ist nicht ganz leicht, aber die Schwierigkeiten sind nicht intellektueller Art, sondern betreffen die Lesegewohnheiten: Raabe ist eine Anti-Pagetuner. Auch faszinieren mich bis heute seine differenzierte Haltung zu seinen Zeitgenossen, die überraschend modernen Themen, die der Autor aufgreift (man denke nur an Pfisters Mühle) oder die breit geschilderten Idyllen mit großer Behaglichkeit (ein Raabsches Lieblingswort), die plötzlich als Trugbild demaskiert werden. Die Heimeligkeit ist selten von Dauer. Raabe, Keller, Storm, Fontane …. ich würde mich, wäre ich gezwungen, für Raabe entscheiden. 1985 gab Insel Taschenbuch zum 75. Todestags des Autors eine 10-bändige Auswahl heraus. Als ich zur Jahreswende die Gelegenheit hatte, eine noch verschweißte Kassette mit diesen Bänden zu kaufen, konnte ich nicht widerstehen. Meine alten, arg lädierten und zusammengekauften 10 Bände wurde verschenkt und die funkelnagelneue, inzwischen 32 Jahre alte Jubiläumsausgabe steht jetzt da wie neu. Und wird gelesen. Ich habe den Plan, jeden der 10 Bände nacheinander zu lesen und im Blog vorzustellen.

Schöffling & Co 2015, 760 Seiten, ISBN: 978-3-89561-483-5, auch als eBook erhältlich.

Heute eine relativ kurze Notiz über ein Buch, dass die Presse bei Erscheinen 2015 fast einhellig gelobt und als eine großartige Wiederentdeckung gefeiert hat. Der Autor heißt Heinz Rein (1906-1991) und arbeitete u. a. als Bankangestellter und Sportjournalist. Politisch stand er links und fand sich zeitweise in Gestapohaft wieder. Sein Buch „Finale Berlin” wurde 1947 veröffentlicht und war ein Erfolg. Für lange Zeit in Vergessenheit geraten, wurde der Roman vor wenigen Jahren neu aufgelegt. Die Handlung spielt in den letzten beiden Aprilwochen 1945 in Berlin, also unmittelbar vor dem Kriegsende, und beschreibt den Sturm auf Berlin aus der Sicht einer kleinen Widerstandsgruppe, die alles in ihrer Macht stehende versucht, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Doch nicht nur die verzweifelt-wildgewordene SS ist ihnen auf der Spur. Nahezu jeder Volksgenosse könnte ein Verräter sein. Und über allen das Inferno des Sturms auf die Hauptstadt. Die größte Stärke bezieht der Roman aus seiner zeitlichen Nähe zu den tatsächlichen Ereignissen und der Fähigkeit des Autors, diese Hölle eindrücklich zu schildern. Ich ging nicht zuletzt wegen des Themas und den vielen Feuilleton-Hymnen auf das Buch (nicht zuletzt lobt auch Fritz J. Raddatz den Text im Nachwort ausdrücklich) mit großen Erwartungen an die Lektüre.

Verlag interna, Bonn 2017, 55 Seiten, ISBN 978-3-945778-45-6

Eine kurze Novelle in einer eher Broschüre denn Buch gedruckt, Umschlag in Blau und Schwarz auf weißem Hintergrund gehalten, ein Hochzeitsbild auf einem Nachtisch oder Kommode, darunter ein Zitat von Oskar Maria Graf:

Nichts in diesen Blättern ist erfunden, beschönigt oder zugunsten einer Tendenz niedergeschrieben.

In seiner Reihe ”Fünf.Zwei.Vier.Neun.” (die 5249 Tage der Weimarer Republik) möchte der Verlag-Interna Werken vergessener Autoren und Autorinnen der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen neue Leser und Leserinnen zuführen. Es gibt viel zu entdecken, denn die Talente, die durch ihr schreckliches Ende im Konzentrationslager oder durch Flucht oder andere Umstände aus dem literarischen Gedächtnis unserer Republik entschwanden, sind von großer Zahl. Mala Laaser gehört zu diesen Talenten und auch wenn ihr das Schicksal einer Carry Brachvogel erspart blieb, so verstummte sie doch in der Emigration in England. Die vorliegende Novelle wurde in einer Zeitschrift des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht und liegt jetzt, um die 85 Jahre später das erste Mal als Buch vor.

Hofenberg Digital 2016, 100 Seiten (i. d. Hardcover-Ausgabe), Erstdruck 1911, auch eine kartonierte und eine gebundene Ausgabe sind erhältlich.

Die 1864 geborene Carry (Caroline) Brachvogel war Tochter der vermögenden Münchner Kaufmannsfamilie Hellmann. Ihre Liebe zur Literatur entwickelte sich früh, allerdings veröffentlichte sie ihr erstes Schauspiel „Vergangenheit” erst 1894, ein Jahr darauf „Alltagsmensch”, ihren ersten Roman. Nach dem frühen Unfalltod ihres Ehemanns 1892 war Carry Brachvogel alleinerziehende Mutter zweier Kinder und überhaupt kein Alltagsmensch. Sie war Frauenrechtlerin und gründete eine Organisation für schreibende Frauen. Überhaupt waren ihre gesellschaftspolitischen Ansichten nicht allein für ihre Zeit erstaunlich modern. Die Münchnerin wurde schließlich in den 1920er Jahren weit über die bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie schrieb Romane, Novellen, Biografien und Feuilletons. Ab 1933 geriet sie als Jüdin ins Visier der Nationalsozialisten. 1942 wurde diese großartige Frau und Schriftstellerin in Thersienstadt umgebracht. Und sie verschwand damit auch aus den literarischen Köpfen ihres Heimatlandes.

Suhrkamp 2017, 324 Seiten, ISBN: 978-3-518-46775-6, auch als eBook erhältlich.

London, vielleicht bald. Diese Zeile ist dem neuen Roman von Zoë Beck vorangestellt. Und ich bin ehrlich: Anfangs fand ich diese Zeile ein wenig arm. Vielleicht? Bald? Was soll das heißen? Aber diese Worte passen hervorragend und man kommt während und nach der Lektüre immer wieder auf diese Zeile zurück. Vielleicht schon ganz nah? Denn der Thriller spielt, so scheint es, fast in der Gegenwart. Brexit, die aufstrebende Rechte, Spaltung der Gesellschaft, blanker Rassismus (wir denken heute an den Grenfell Tower) und eine durch und durch korrumpierte Drogenpolitik. Das sind die wichtigsten Themen dieses Buches. Ein ganz starker zeitkritischer Krimi von Zoë Beck, der ohne Belehrung auskommt, dafür aber viel Spannung bietet. Und so ganz nebenbei gesellschaftliche Probleme ausspricht, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Diogenes 2013, 128 S., ISBN: 978-3-257-06846-7, auch als eBook erhältlich

Ich habe kein gutes Gedächtnis. Und so stand ich lange ratlos vor meinem überbordenden Bücherregal: Wie hieß der Autor noch, der mit dieser knappen, klaren Sprache und den merkwürdigen, geheimnisvollen Plots, von dem ich vor langer Zeit so beeindruckt war, den ich dann aber später aus den Augen verloren hatte? Schließlich stieß ich unter L auf die gesuchten Bücher: Der Autor heißt Hartmut Lange, ist Jahrgang 1937, arbeite Anfang der 1960er Jahre als Dramaturg in Ostberlin, verließ 1965 die DDR und lebt in Berlin. Er gehört zu den stillen Autoren dieses Landes, bekannt vor allem für seine klassisch durchkomponierten Novellen, aber auch Dramen, Romane und Essays gehören zu seinem Werk. Es wurde Zeit, daß ich meine Zuneigung wieder erneuerte. Und so griff ich zu dem relativ aktuellen Novellenband „Das Haus an der Dorotheenstrasse” von 2013.

Satyr Verlag 2013, 256 S., ISBN: 978-3944035031, auch als eBook erhältlich.

Zeit ist Luxus. Das ist keine leere Floskel, sondern entspringt realem Leben mit Leidenschaften und der Notwendigkeit eines Achtstundenarbeitstages. Es braucht also Auswahl und Konzentration. Was das Lesen betrifft, so helfen mir diverse Literatur-Blogs und Podcasts. Einer der von mir geschätzten Podcasts heißt Tsundoku (das ist japanisch und meint die Angewohnheit, gekaufte Bücher ungelesen in Regalen zu stapeln), wird von Andrea Diener betrieben und beschäftigt sich gut informiert und wunderbar unaufgeregt mit Büchern. In ihrer letzten Sendung stellte sie unter anderem Anselm Neft und seinen beiden Romanen „Hell” (2013) und „Vom Licht” (2016) vor. Das hatte nun Folgen.

Luchterhand 2016, 640 S., ISBN: 978-3-630-87487-6, auch als E-Book erhältlich.

Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal einen Roman von Juli Zeh gelesen? Ich meine ausgelesen. Ich sehe in mein Bücherregal: Adler und Engel, 2001, ihr Debüt. Ich war so begeistert, daß ich mir sogar eine Widmung hatte einschreibenlassen. Danach konnte mich die Autorin mit ihren Veröffentlichungen nicht mehr so richtig begeistern. Vor wenigen Wochen also hörte ich eine Episode von DurchDieGegend, eines meiner Lieblingspodcasts, in dem der Journalist und Radiomacher Christian Möller mit Kulturschaffenden durch die Gegend geht und sie interviewt. In dieser Folge mit besagter Juli Zeh als Befragte. Ich kam ins Grübeln, ob ich ihr nicht mal wieder eine Chance geben sollte? Herr Möller persönlich stieß mich noch mal an … also gut, gekauft: Unterleuten, der aktuelle Roman von Juli Zeh.

Rowohlt Taschenbuch, 2016, 220 S., ISBN: 349927163X, auch als E-Book erhältlich

„Das ist große Erzählkunst. Lesen sie das. Sofort. Für mich schon jetzt der beste Krimi des Jahres” befiehlt der Rezensent der Krimikolumne des Bücherdiwans Andreas Ammer ins Mikrophon. Nun gut, meinen Band mit Erzählungen von Carl Nixon kann ich durchaus mal unterbrechen, um den hochgelobten Krimi von Max Annas dazwischen zu schieben. Man ist ja doch neugierig. Immerhin steht der Roman auf Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste. Ist also erfolgreich wie sein Vorgänger „Die Farm”, der mit dem deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Ich folge dem Rezensenten.

CulturBook 2015, ISBN 978-3-944818-80-1, 372 Seiten, eBook

Dieses sei vorweggenommen: Das Buch gibt es (bis dato) ausschließlich als eBook bei CulturBook. Inzwischen hat das Haus angekündigt, dass ein oder andere Buch auch drucken zu wollen. Allerdings ist der Verlag ein Spezialist für elektronische Bücher (und mein persönlicher Lieblingsverlag für eBooks). Wegen der unschlagbaren Ästhetik der Buchcover und der interessanten Auswahl von Autoren und Autorinnen lohnt sich unbedingt ein Blick auf das Sortiment. Geführt wird CulturBook von Jan Karsten und der bekannten Autorin Zoë Beck.

Nun aber zu einer kurzen Vorstellung der Autorin von „Die Bauchtänzerin”: Safeta Obhodjas wurde 1951 in Pale (Bosnien und Herzegowina) geboren und ist eine bosnische Schriftstellerin. Sie begann neben Kindererziehung und Erwerbstätigkeit Journalismus zu studieren und veröffentlichte 1979 ihren ersten Erzählband. Ihre Themen kreisen um Frauen zwischen den Kulturen: „Ich schreibe keine Liebesromane. Ich schreibe über bosnische Frauen, die im Namen der Liebe ausgebeutet werden, sogar von ihren eigenen Familien“. Nach ihrer Vertreibung aus ihrer Heimat lebt sie seit 1992 im Exil in Deutschland. Safeta Obhodjas Forderung: „Die Stimmen von Muslimen, die europäisch leben möchten und jegliche Gewalt im Namen des Glaubens verabscheuen, müssen lauter werden.” Der Roman „Die Bauchtänzerin” erschien 2006 in bosnischer Sprache und wurde von der Autorin selbst ins Deutsche übertragen.