Thomas Mann: Der Erwählte

S.Fischer 1981, 302 S., ISBN: 978-3-10-048221-1, auch als TB und E-Book erhältlich.

1951, ein Jahr vor seiner Rückkehr aus seinem einstigen Exil in den USA in die Schweiz, veröffentlichte Thomas Mann seinen kürzesten Roman »Der Erwählte«. Insgesamt 3 Jahre schrieb er an diesem Werk, danach sollten bis zu seinem Tod 1955 an Bedeutenden noch der unvollendete Felix Krull und die Erzählung »Die Betrogene« folgen. Der Stoff für »Der Erwählte«, der schon im »Doktor Faustus« eine Rolle spielte, stammte aus dem Epos »Gregorius« des mittelhochdeutschen Dichters Hartmann von Aue. Dessen Quellen reichten noch weiter in der Zeit zurück. Es handelt sich um eine christliche Legende: Kindheit und Jugend des Papstes Gregor I. (540-604). Mann erzählt dieses Vers-Epos aus und bringt es aus dem Mythischen ins Psychologische. In der Tat geht es hier um heikle Themen: Inzest, Hochmut, Reue, Sühne, Vergebung. Urchristlicher Stoff, den Thomas Mann hier zu einem kleinen Juwel von Roman verarbeitet hat.

Den Inhalt möchte ich hier nur andeuten, denn für alle die ihren »Gregorius« nicht parat haben, hält der Roman einige spannende Wendungen bereit. So viel: Gregorius ist der Sohn eines Geschwisterpaares einer fürstlichen Familie in Flandern. Für Wiligis und Sibylla zählen mögliche Ehepartner nicht. Sie wähnen sich so außerordentlich, dass eine Liebe nur zwischen ihnen möglich ist. (Die anderen sind ja nur Nebenpersonen.) Erst die Geburt ihres Sohnes lässt das Paar ihre enorme Sünde erkennen: Wiligis reist als Buße zum Heiligen Grab und stirbt, Sibylla muss ihren Sohn freigeben: Der kleine Gregorius wird in ein kleines Fass mitsamt kostbarer Stoffe, Gold und einer Tafel, die die Geschichte seiner Herkunft und der damit verbundenen Sünde bezeugt, verbracht und im Ärmelkanal ausgesetzt. Gott soll nun entscheiden, was mit dem Kind geschehen soll. Und der entscheidet, dass Gregorius im Fass von Fischern gefunden und von ihnen aufgezogen wird. Doch nun geht das ganze Drama erst so richtig los.

Der Erzähler im Roman ist der irische Mönch Clemens, der sich während des Aufschreibens der Geschichte im Kloster von Sankt Gallen aufhält. Dieser Mönch muss erst einmal erklären, warum zu Beginn der Erzählung allerorten die Glocken in babylonischen Durcheinander läuten, ohne dass irgendjemand die Seile bedienen würde? Nun, das mache der zeit- und raumlose Geist der Erzählung, erklärt er. (Übrigens wird sich Clemens immer wieder schalkhaft in die Erzählung einbringen: Schließlich muss er erklären, warum ein Mönch bei Ritterspielen und leidenschaftlichen Szenen nur bedingt auf Kompetenz hoffen kann.) Ein spaßig-raffinierter Beginn also und der Raffinessen sind viele in »Der Erwählte«. So streut der Autor jede Menge altdeutsche, altfranzösische und auch selbst erfundene Namen für Orte und Personen in die Erzählungen. Das stört den Lesefluss keineswegs und erzeugt ein Gespür für die zeitliche Distanz des Erzählten. Die sprichwörtliche Mann‘sche Ironie wiederum schafft eine Distanz zum christlichen Stoff, ohne diesen zu verraten. Das macht die Geschichte so interessant: Der Teufel als Verursacher allen Leidens wird abgelöst von einer psychologisch begründeten Rationalität und trotzdem bleibt die christliche Legende als solche erkennbar und es gibt Wunder und Visionen satt. Allein die Sache mit dem seltsamen Stein … aber halt, ich will ja nicht zu viel verraten.

Ich habe mitunter so meine Schwierigkeiten mit dem großen Thomas Mann, hier aber habe ich mich 260 Seiten lang (die restlichen knapp 40 Seiten meiner Ausgabe von 1981 ist dem Nachwort von Peter de Mendelssohn gewidmet) auf das Allerbeste unterhalten gefühlt. Raffinement, Witz und Menschenfreundlichkeit machen »Der Erwählte« zu einem (eigentlich gar nicht so kleinen) Juwel von Roman. Unbedingte Leseempfehlung.

PS: Ein kleiner Wermutstropfen doch. Die an sich wundervoll-schlichte gebundene Ausgabe bei S.Fischer ist leider in recht kleiner Schrift gesetzt. Schad.

2 Kommentare on "Thomas Mann: Der Erwählte"


  1. Schön beschrieben!
    Ich liebe „Der Erwählte“ und lese ihn immer, wenn mir die Worte ausgehen!

    Herzlichen Gruß!
    Stefanie Schuster

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