Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau

Klöpfer, narr 2019, 268 S., ISBN 978-3-7496-1003-7

Schaut man sich in Wikipedia nach dem Stichwort »Sibyllinische Bücher«, dieser legendären griechischen Sammlung von Orakelsprüchen, um, kommt man schnurstracks auf Sibylle von Cumae und den letzten römischen König Tarquinius Superbus. Nimmt man den griechischen Gott Phoebus Apollon dazu, hat man im Wesentlichen das Personal beisammen, mit dem Sibylle Knauss ihre Zeitreise von der legendären Zeit der griechischen Götter bis zu unserer wohl nicht mehr allzu weit entfernten düsteren Zukunft antreten lässt. Die Autorin will unterhalten, das ist ihr Anspruch an Literatur. Und so wagt sie immer wieder Neues, wie auf dem Buchdeckel verraten wird. Hier also ein Buch über Sibylle von Cumae. Wir sind über 500 Jahre vor Christi Geburt: Sibylle hat eine Liaison mit dem Gott Apollon und als Folge wird sie eine Seherin und »Eine unsterbliche Frau«.

Weil ihr, geblendet von der Schönheit des Gottes, so schnell nichts Blöderes einfällt, wählt Sibylle als Wunsch für ihre Dienste Jahre wie Sand am Meer. Sibylle wird also viel Zeit bleiben, ihren Wunsch zu bereuen. Ab und an wird sie von Apollo runderneuert, denn sterben soll, nein, sterben darf sie nicht. So erlebt sie nicht eben wenige Abenteuer durch viele, viele Jahrhunderte. Sie sieht viel, erleidet viel und jedes persönliche Glück ist nur von kurzer Dauer. Und Sibylle ist eben auch eine legendäre Seherin. Im Grunde wird die Geschichte der Sibylle von Cumae, die man schon bei Ovid lesen kann, nacherzählt. In einem anderen Ton versteht sich: frech, zum Teil sarkastisch, aber auch mit durchdachten Anspielungen auf die heutige Zeit und viel Ironie. Und die Autorin lässt ihre Hauptfigur weit über die Antike hinaus existieren. Leserinnen und Leser von »Die unsterbliche Frau« können sich sicher sein: Die Seherin Sibylle von Cumae weilt unerkannt noch unter uns.

Geschickt erörtert Frau Knauss in der Geschichte gesellschaftliche Fragestellungen. Am augenscheinlichsten die des Fortschritts in Sachen Humanität. Der ist nicht festzustellen, zumindest nicht dieser Erzählung nach. Aber auch scheinbar private Problematiken, z. B. die des Alterns und des Umgangs damit, werden thematisiert. Sibylle hat ihr ganz eigenes Verfahren:

Ihre Umhüllungen wurde kostbarer, üppiger, farbiger, immer bestechender in ihrer Eleganz, während sie selbst langsam ganz aus dem Bild verschwand. Je sichtbarer sie wurde, desto unsichtbarer wurde sie.

[aus diesem Buch, S. 105]

Solche Passagen waren bei der Lektüre meine Lieblingsstellen. Und davon gibt es in diesem Buch eben nicht wenige. Ich kann allerdings nicht verschweigen, dass ich es als einen Nachteil empfand, dass die Person psychologisch nicht sehr fein gezeichnet sind. Sicherlich spiegeln sich beim Lesen eigene Erfahrungen in denen der Sibylle, insgesamt bleibt der Roman aber eine Legendenerzählung. Mitunter tat ich mich schwer, den Figuren nahezukommen. Am deutlichsten ging mir das in dem Teil, in dem die Geschichte des Apollon erzählt wurde. Vielleicht eine Frage meiner Erwartung? Andere Leserinnen und Leser mögen das ganz anders empfinden. Spannend, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend ist dieses kluge Buch über »Eine unsterbliche Frau« allemal. Und somit hat Sibylle Knauss ihr Ziel erreicht.

Anmerkung:
Ganz uneingeschränkt gefallen hat das Buch meiner von mir hoch geschätzten Bloggerfreundin Birgit Böllinger (ehemals »Sätze&Schätze«, jetzt »Büro für Text und Literatur«). Hier ihre lesenswerte Rezension:
https://saetzeundschaetze.com/2019/11/08/sibylle-knauss-eine-unsterbliche-frau/

6 Kommentare on "Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau"


  1. „Die Autorin will unterhalten, das ist ihr Anspruch an Literatur.“ Und das bei hohem Niveau. Wie auch ihre Rezensentin. Chapeau!
    Es gefällt mir, dass nichts verherrlicht und nichts verschwiegen wird. 📚👍🍀

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  2. Liebe Lena, bin ja immer erleichtert, wenn ich mit Buchtipps, die du aufgreifst, nicht ganz daneben liege. Da lastet irgendwie stets eine schwere Verantwortung auf mir …

    Und so freue ich mich, dass Du die unterhalten gefühlt hast, trotz Deiner Kritikpunkte. Wer weiß, vielleicht lebt die Sibylle ja derzeit in Regensburg 🙂

    Herzliche Grüße, Birgit

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    1. Liebe Birgit,

      Mensch verdammich. Werde alt und vergeßlich, wollte ja noch zu Deinem Artikel verlinken. Jetzt habe ich das schnell nachgeholt.

      Sibylle in Regensburg? Von mir aus gern, solange ich das nicht bin. 😉

      Verantwortung? Ich sehe das so: Mittels meines leider spärlichen literarischen Wissens und meiner ganzen Subjektivität versuche ich hier ein Protokoll meiner Leseerfahrung zu erstellen. Wo es ganz schlimm wird, verzichte ich auf eine Besprechung, weil ich mir Verrisse selten traue. Was ich eigentlich sagen will: ich weiß ja doch im Groben und Ganzen was ich bekomme, wenn ich eine Empfehlung von Dir oder von Marius Fränzel oder von Paul Hübscher lese. So gesehen »ruhig Blut«. In dem Buch hat mir übrigens Vieles tatsächlich sehr gefallen, nur eben nicht alles.

      Herzliche Grüße aus einem trüben Regensburg,
      Lena

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  3. Wow…das ist wieder ein interessanter Tipp, liebe Lena!
    Besonders das eingefügte Zitat macht mich neugierig.
    Ich wünsche dir eine schöne Vorweihnachtszeit und sende liebe Grüße… 🎅☃️🎍🎄
    Rosie
    P.S. Schön wäre auch mal wieder etwas Musik… :-)…gerne live von dir 🙂

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    1. Ja, das Zitat ist wirklich sehr schön. Ein paar solche mehr noch im Buch. Vielen Dank für Deinen Kommentar, Rosie!
      Ja, und Du hast recht: Ich sollte mal wieder was Musikalisches bieten. Die gute Nachricht: ich spiele wieder etwas mehr, die schlechte: habe einfach keine Energie, was aufzunehmen. Diese besondere Zeit schafft mich, arbeite ja für betreutes Wohnen und das ist grad sehr heftig. Zu Hause bewege ich mich ein wenig an der Donau und lese. Viel mehr geht nicht. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten … ganz bestimmt.
      Dir auch eine gute Zeit, bleib gesund,
      Lena (die sich jetzt noch ein wenig an die Weihnachtspost macht)

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