Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste

Kiepenheuer&Witsch 2020, 288 S., ISBN: 978-3-462-05256-5

Thomas Hettche ist Jahrgang 1964 und hat »Der Fall Arbogast«, »Die Pfaueninsel« (dafür erhielt er den Wilhelm-Raabe-Preis) und viele andere geschätzte und vielbeachtete Romane geschrieben. Das Thema seines jüngsten Buches ist die Augsburger Puppenkiste. Fast ein Selbstläufer möchte man meinen, denn wer kennt sie nicht: Jim Knopf und Lukas, die Prinzessin Li Si, das Urmel, die traurigen Ohrwürmer des Seele-Fanten, Kalle Wirsch und so fort – eine schier unendliche Reihe unvergessener Figuren des legendären Marionettentheaters aus Augsburg. Fasziniert hat die Puppenkiste aus Augsburg auch mich und ich lade bis heute ab und an bei Kaffee und Kuchen das Urmel, Kim Knopf oder Kalle Wirsch zu mir nach Hause ein. Von der Kraft der Phantasie in dunkler Zeit handelt dieses Buch, so verspricht der Verlag. Und so war ich sehr gespannt auf »Herzfaden«, den Roman der Augsburger Puppenkiste. 

Schlägt man das Buch auf, fällt es sofort auf: Die Schrift ist in zwei Farben gehalten, kein Schwarz, dafür ein Teil in Blau im Wechsel mit roten Abschnitten. In Rot (der poetische Teil) wird die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, die sich nach einer Vorstellung der Puppenkiste vom Vater losmacht und sich durch eine geheimnisvolle Tür bewegend schlussendlich auf einem Dachboden wiederfindet. Dort warten schon die Prinzessin Li Si und all die anderen Marionetten nebst deren Schnitzerin Hatü (= Hannelore Marschall, geb. Oehmichen, die Tochter des Gründers Walter Oehmichen und einer der prägenden Figuren des Theaters). Das unbenannte Mädchen besitzt ein iPhone. Sonst erfährt man nicht viel von ihr. Die Sprache ist betont jugendbuchhaft gehalten und enthält reichlich fantastischen Stoff. Bemerkenswerterweise wird dieser Teil in der Vergangenheitsform erzählt, obwohl er in der Gegenwart spielt.

Der andere, informative, blaue Strang erzählt chronologisch die Geschichte der Augsburger Puppenkiste von ihren Anfängen bis zu ihrem endgültigen Durchbruch als das deutsche Vorzeige-Marionetten-Theater. Die Handlung beginnt in den 1940er Jahren und endet in etwa bei dem großen und legendären Fernseherfolg »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« Anfang der 1960er Jahre. Erzählt wird im Präsens und aus der Sicht von Hatü. Zwangsläufig spielen hier der Nationalsozialismus und Haltung und Handeln der Menschen während dieser Zeit eine größere Rolle. Mehr noch lautet die eigentliche Frage: Was macht der Mensch, wenn er weiß, dass er einem verbrecherischen Regime gefolgt ist? Was setzt er seinem Trauma entgegen? Was kann die Kunst tun?

Nun überfliege ich normalerweise kurz die wichtigsten Rezensionen, bevor ich ein aktuelles Buch beginne, denn manche Information, die dort gegeben wird, ist vielleicht erhellend für die folgende Lektüre. So ist mir nicht entgangen, dass Thomas Hettches Roman »Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste« von der Kritik abgefeiert wurde. Von Kraft der Fiktion, raffiniertem Arrangement der Zeitebenen, von der Verzauberung der Leserinnen und Leser ist die Rede. Magie und eine wenig »Alice im Wunderland«. Allein – mich ließ das Buch komplett kalt, mehr noch, es verärgerte mich in Teilen sogar. Der Herzfaden ist der imaginäre Faden, der von den offensichtlich künstlichen Marionetten in die Herzen der Zuschauer trifft. Nach Puppenkiste-Gründer Walter Oehmichen kommt es vor allem darauf an. Als Leserin des Romans erkenne ich dessen Künstlichkeit, aber da ist nichts, was in mein Herz trifft. 

Nach den ersten drei Seiten trifft »das Mädchen«, das sich wie gesagt im Foyer des Theaters vom Vater davon gemacht hat, auf Prinzessin Li Si auf dem Dachboden. Wie jetzt das so genau geschah, weiß man nicht. Irgendwie halt. Da ist nichts Schlüssiges, auch nichts Magisches, sondern es ist dann eben so. Bisschen aufgeregt ist das Mädchen schon, aber nicht zu viel. Der Ton, fast märchenhaft oder wie für ein Jugendbuch gedacht, nervt auf Dauer sehr. Und dann ist da der unheimliche Kasper und das iPhone des Mädchens – doch zu viel verraten will ich jetzt nicht. Kurz: Auf mich wirkte das alles nicht fantastisch, sondern eher konstruiert und belanglos.

So kann aber der deutlich interessantere zweite, blaue Teil nicht die Geltung erlangen, die die Verzahnung beider Teile zum Ziel hatte. Auch dieser Strang leidet an der Sichtbarkeit der Konstruktion (um Zeitkolorit zu erzeugen werden Ereignisse erzählt, die ich so auch in einer Folge »History« finden kann: Die Hochzeit der jungen Queen darf nicht fehlen). Das Schweigen dieser Generation wird sozusagen nacherzählt, nicht selten werden Allgemeinplätze bemüht. Auch hier sprüht die Sprache nicht vor Raffinement, es werden keine Seelen, keine Psychologie sichtbar gemacht, aber es ist immerhin erträglicher als der erste Teil und die Idee mit dem Kopf des Kaspers ist ja auch gar nicht so schlecht. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste ist spannend ohne Zweifel, doch wäre sie vielleicht besser in einer Dokumentation mit Kommentaren der Zeitzeugen aufgehoben. 

Also: Mich hat das Buch gelangweilt. 99% aber hat es offensichtlich gut bis sehr gut gefallen. Ich wäre also vermessen, wenn ich von der Lektüre abraten würde. Stattdessen schaue ich mir noch einmal den Kalle Wirsch an oder lese Hettches »Der Fall Arbogast«, das hatte ich mir schon lange einmal vorgenommen.

Anmerkung:
Ich bin nicht die einzige Abtrünnige. In diesem Artikel von »Buchpost« gibt es noch jemanden: https://buchpost.wordpress.com/2020/10/29/thomas-hettche-herzfaden-2020/

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