Lit: Fiction-Crime-Fantasy

Das hat schon was: In meiner Social Media Bubble, also von Menschen, mit den ich regelmäßig kommuniziere, aber deren Stimmen ich nicht kenne und deren Hände ich nicht geschüttelt habe (sofern das heutzutage überhaupt noch jemand tut), erfahre ich über ein Buch aus dem Jahre 1909 über Menschen, die sich per Bildschirm unterhalten und in der Regel nicht persönlich gegenüberstehen geschweige denn berühren. Das Buch heißt ›Die Maschine steht still‹ wurde von Edward Morgan Forster geschrieben und als kleine Sensation 2016 bei Hoffmann und Campe veröffentlicht. Übersetzt hat ›The Machine Stops‹ Gregor Runge.

Meine Lektüre war in mehrfacher Hinsicht besonders. Arthur Machen, ein walisischer Autor, der von 1863 bis 1947 gelebt hat, ist ein immer wieder genannter Geheimtipp der Horror-Literatur. Man könnte, so Joachim Kalka, dem Übersetzer der 2025 im ›Elfenbein Verlag‹ in 2. Auflage erschienenen sechsbändigen Werkausgabe, Arthur Machen auch einen Mystiker nennen. Machens wichtige Werke entstanden innerhalb von 15 Jahren, in denen der Autor finanziell unabhängig war. In seiner Literatur finden sowohl das wildromantische Wales, die Heimat von Elfen und anderen Elementargeistern, wie auch der Moloch London, der zur modernen, unübersichtlichen Metropole wird, ihren Platz.

Fangen wir ausnahmsweise mit dem Verlag an: Der noch junge Polente Verlag versteht sich, ich zitiere, als Brückenbauer zwischen Polen und dem deutschsprachigen Lesepublikum, zwischen Genre- und Hochliteratur sowie zwischen europäischem Anspruch und literarischer Präsenz. Der in diesem Jahr im Polente Verlag erschienene Thriller ›Der Prinz‹ von Magdalena Parys ist der zweite Teil einer Berlin-Trilogie und erschien zuerst 2020 mit einigem Erfolg in Polen. Die polnische Autorin selbst lebt seit 1985 in Berlin. ›Der Prinz‹ wird oft mit ›Die Akte Odessa‹ von Fredrick Forsyth assoziiert. Diesen Vergleich kann ich aber lediglich zitieren, da ich den berühmten Roman nur den Namen nach kenne.

Noch einmal melde ich mich kurz in diesem Jahr. Natürlich um allen Leserinnen und Lesern meines Blogs schöne und hoffentlich entspannte Feiertage und ein gutes neues Jahr zu wünschen. Bleibt alle schön gesund und habt möglichst wenig Sorgen! Aber ich will auch von letzten Lektüren und meinem Bücherstapel berichten. Wie immer vor Weihnachten habe ich ein kleines Türmchen gebaut und will mal sehen, in welches Stockwerk mich mein Gemüt lesend treibt.

Kennt man Angela Carter heute noch? Sie war keine Unbekannte als 1979 ihr wohl berühmtestes Buch ›The Bloody Chamber‹ veröffentlicht wurde. Als Godmother der feministischen (Horror-) Literatur bezeichnet sie Suhrkamp im Klappentext. Ganz so einfach ist das mit solchen Zuschreibungen vielleicht nicht, wie wir noch sehen werden. Auf jeden Fall hat sich der Verlag 46 Jahren nach Erscheinen der Erstausgabe daran gemacht, dieses sehr besondere Buch in einer (sehr guten) Übersetzung von Maren Kames neu aufzulegen. Ich kannte Angela Carter, die in England zu den wichtigsten Autorinnen der Nachkriegsliteratur zählt, nicht, ich kannte auch dieses Buch nicht und ich staunte bei der Lektüre nicht schlecht.

Eines Tages überkam mich die Lust, eine Lovecraft-Geschichte in der edlen, aber sehr schweren und unbequemen Tor-Ausgabe zu lesen: Der Schatten über Innsmouth. Nach Beendigung dieser athletischen Lesung erinnerte ich mich an meine Sehnsucht nach zeitgenössischer Fantasy oder Science Fiction, die neben Einfällen und Ideen auch literarisch etwas zu bieten hat. Bei der anschließenden Suche auf der Webseite von Tor-Online stieß ich auf den Namen Nora Keita Jemisin: Von 2016 bis 2018 hatte die Autorin dreimal hintereinander den Hugo Award in der Kategorie Best Novel gewonnen. Wenn das keine Referenz ist. Ich besorgte mir also den ersten Teil ihrer Broken-Earth-Trilogy ›Zerrissene Erde‹. 2015 erschien die Originalausgabe unter dem Titel ›Fifth Season‹, 2018 die deutsche Übersetzung von Susanne Gerold im Knaur Verlag. Es war eine ziemlich aufregende Leseerfahrung.

Nun war mal wieder eine Quartalsbestellung fällig und ich studierte also das Programm der Büchergilde Gutenberg und mir sprang diese wunderschön aufgemachte Ausgabe von ›Die rätselhaften Honjin-Morde‹ von Seishi Yokomizo ins Auge. Allein eine klassisch-knifflige Mordfallgeschichte zu lesen, hätte mich nicht hinreichend gereizt, aber das Geschehen spielt hier nicht in England oder Amerika, sondern in Japan, und zwar im Jahr 1937 und die Illustrationen von Ann-Kathrin Peuthen sind ein echter Hingucker. Und schon war mein Interesse geweckt. (Es braucht ja nicht viel.)

Ich hatte stets einen Bogen um ihre Bücher gemacht, doch nun war aus einer Laune heraus der mir selbst erteilte Auftrag, ein Buch von Patricia Highsmith zu lesen und mich notfalls auch durchzubeißen. Meine Wahl fiel auf ›Zwei Fremde im Zug‹ (›Strangers on a Train‹). Der Roman wurde 1950 veröffentlicht und war Highsmiths Erstling. Im Gegensatz zu manch anderen Kollegen und Kolleginnen hatte die Autorin Stil und Thema ihres Schreibens bei ihrem Debüt schon beieinander. Highsmith war 29, hatte das Buch schwierigen persönlichen Lebensumständen abgerungen und wurde nach der Veröffentlichung sogleich berühmt. Eine bald folgende Verfilmung des Romans durch Alfred Hitchcock tat ihr Übriges.

Es ist immer zu viel los und die benötigten Pausen (= einfach nur blöd schauen) werden mit zunehmenden Alter länger. Deshalb erst jetzt der Rückblick auf meinen ersten Lesemonat im neuen Jahr. (Ein wenig Gitarre habe ich übrigens wieder gespielt, was sehr erfreulich ist, denn die olle Schulter scheint wieder mitzumachen.) Aber bleibe ich bei den Büchern: Die erste Lektüre dieses Jahr war ›Mario und der Zauberer‹ von Thomas Mann. Kennt man natürlich, aber vielleicht ist es schon länger her, dass die Novelle gelesen wurde. Dann schreiben ja alle Zeitungen von Wolf Haas und seinem neuen raffinierten Roman ›Wackelkontakt‹. Natürlich war ich ein Fan von Brenner, warum also nicht zu dem gelben Buch mit dem unscharfen Cover greifen? Last but not least sollte es ein Krimi sein. Oder vielleicht doch eher ein Roman? ›Die Aosawa Morde‹ von Riku Onda.

Limmat Verlag Zürich 2023, 192 S., übersetzt und mit einem Nachwort von Steven Wyss, ISBN: 978-3-03926-055-3, auch als E-Book erhältlich.

Was muss man zu diesem Roman wissen, der zurzeit als »Klimaroman der Stunde« gefeiert wird? Der Autor C. F. Ramuz wurde 1878 in Lausanne geboren und verstarb 1947 in Pully bei Lausanne. Der Dichter gehört heute zu den bedeutenden Schweizer Autoren französischer Sprache und war auch als Lyriker und Essayist produktiv. Vielleicht wird der eine oder die andere »Deborence« kennen, ein Roman, der sich auf einen Bergsturz gründet und wie die allermeisten Romane Ramuz‘ im bäuerlichen Umfeld spielt? So auch »Sturz in die Sonne« das im Original »Présence de la mort« heißt. Dem wunderbar konzentrierten Nachwort des Übersetzers Steven Wyss kann man entnehmen, dass sich die neue Übersetzung im Limmat Verlag auf die gekürzte Fassung von 1941 bezieht (die Originalausgabe ist von 1922) und der jetzige Titel auf einen Arbeitstitel Ramuz‘ sich stützt.