Georg Hermann: Die Nacht des Dr. Herzfeld

Die Andere Bibliothek 2021, Band 442, Die Nacht des Dr. Herzfeld (S. 7 – 230), Schnee (S. 233 – 503) und ein Nachwort von Lothar Müller (S. 507 – 522), ISBN: 978-3-8477-0442-3, gebundene Ausgabe.

Georg Hermann hieß eigentlich Georg Hermann Borchardt und wurde 1871 in Berlin geboren. Georg Hermann war auf vielfältige Art schriftstellerisch tätig, schrieb Essays, nahm zu Problemen der jüdischen Identität Stellung, schrieb Dramen. 1943 wurde der »jüdische Fontane«, wie er wegen seiner Vorliebe für diesen Autor genannt wurde, im KZ Auschwitz ermordet. Für lange Zeit schienen Georg Hermann und seine Romane vergessen. Mit den Romanen »Jettchen Gebert« (1906) und dessen Fortsetzung »Henriette Jacoby« (1908) avancierte er zum Erfolgsschriftsteller. Diese Romane spielten Mitte des 19. Jahrhundert in einer jüdischen großbürgerlichen Familie. Mit »Kubinke« (1910) und dem hier vorgestellten »Die Nacht des Dr. Herzfeld« (1912) wendete sich Herzfeld seiner Gegenwart zu. Hermann zeigt uns das zu seiner Zeit aktuelle Berlin und er zeigt es uns überaus detailreich.

Die erste Ausgabe eines Buches von Georg Hermann, das ich in der Hand hielt, war eine aus dem »Das Neue Berlin« Verlag, inzwischen bemühen sich auch andere Verlage um das Erbe dieses Schriftstellers. In diesem Monat kam in »Die Andere Bibliothek« einen Doppelband heraus: »Die Nacht des Dr. Herzfeld« von 1912 und dessen Fortsetzung »Schnee« von 1921. Das Nachwort besorgte der Journalist, Kritiker und Literaturwissenschaftler Lothar Müller. Bereits 2019 hatte der Verlag mit »Kubinke« ein Buch Hermanns herausgegeben.

Berlin im Frühling des Jahres 1910. Wir erleben den frühen Abend, die Nacht und den darauf folgenden Vormittags des Schöngeists Dr. Herzfeld. Dieser ist ein Ästhet, an Literatur interessiert, aber eben kein Literat, sondern ein Dilettant, der an schönen Dingen interessiert ist und dem das Aufschneiden eines Buches eventuell mehr bedeutet als dessen Lektüre. Er hat ein Vermögen hinter sich, nicht übermäßig, aber genug, um nicht arbeiten zu müssen. Sein Revier ist das der Berliner Boheme. Mittels einer kurz gepfiffene Melodienreihe (Oh, Du lieber Augustin), Herzfeld ist alles andere als musikalisch, holt er seinen Nachbarn Hermann Gutzeit am Abend ab. Dieser schreibt mühsam Artikel für verschiedene Zeitung und hält sich und seine Familie so über Wasser. Er ist von den beiden der eigentliche Literat, wenn auch kein sonderlich erfolgreicher. Beide Herrn sind in ihren Vierzigern. Gutzeit befindet sich in einer handfesten Krise und ist entschlossen, sich von Frau und Kindern zu trennen. Er hat all die Mühen satt, den Lärm zu Hause, seine untergeordnete Rolle in der Familie. Außerdem glaubt er, dass seine Frau einen Liebhaber hat. Die Fortschritte in der Forschung (1910 war eine Therapie gegen die Syphilis entdeckt worden), die Literatur (Raabe, Goethe, Hamsun, Heine und mehr. Leser und Leserinnen können sich hier an wundervollen Zitaten sattlesen) und Lebensphilosophien werden erörtert, aber eben auch die ganz persönlichen Probleme besprochen. Der intellektuell überlegene Part ist zweifellos Herzfeld und der Autor Hermann lässt uns in einem tastenden, mitunter wilden Stil am Bewusstseinsstrom des Helden teilnehmen. Das Ganze liest sich mitunter wie ein innerer Monolog. Je mehr sich allerdings die Krise Gutzeits aufzulösen scheint, desto mehr gerät Dr. Herzfeld in eine solche. Am Ende des Romans wird Herzfeld einem Suizid nur knapp entkommen. Wir erfahren während der Lektüre nach und nach von einer Syphiliserkrankung Dr. Herzfelds, vom frühen Tod seiner jungen Frau und seines Kindes und einer tiefen Verunsicherung: Worin liegt der Sinn seines ästhetischen, von außen gesehen unbeschwerten Lebensstils. Dabei sind die Stationen der Nacht die Vergnügungslokale und Etablissements am Kurfürstendamm, am Anhalter Bahnhof mit ihren Gigolos, den Mittellosen auf der Suche nach einem freien Leben und den Prostituierten. Hermann beschreibt die Atmosphäre genau, empathisch und wir tauchen mit ihm in diese Welt ab. Und bis hierin kann ich dieses Buch auch nur loben: Der Stil ist mitreißend und die literarischen Bemerkungen und Anspielungen, das zeitgenössische Flair sind spannend zu lesen. Aber da ist etwas, was mir als Leserin schwer zu schaffen macht.

In diesem Roman kommen drei Typen von Frauen vor: Die Ehefrau mit dem Herz am rechten Fleck, ganz Mutter also, wenn auch nicht ohne Sünde. Die schöne, früh und tragisch verstorbene Frau und die Prostituierte. Was Herzfeld und Gutzeit nun über Frauen im Allgemeinen denken, ist starker Tobak. Wie Lothar Müller im Nachwort erklärt, standen hier erkennbar Ibsen und Strindberg Pate. Ich hatte die ganze Zeit den unsäglichen Otto Weininger im Kopf. Ich will das hier nicht mit Zitaten belegen, es ist schlicht misogyner Blödsinn, was die beiden Helden diesbezüglich viele Zeilen lang vor sich hinräsonieren. Dass hier auch eine gehörige Portion kolonialistisches Gedankengut nicht fehlen darf und das alles zu gedanklichen Konstrukten des frühen 19. Jahrhunderts passt, macht die Sache eben nicht besser, im Gegenteil: Da werden mal eben Frauen mit primitiven afrikanischen Stämmen, die sich weigern, mit Messer und Gabel zu essen, verglichen. Frauen seien eben noch viel intensiver mit den Urmächten des Seins verbunden, lobt Herzfeld. Ob man diese Kröten schlucken will? Misogynie und Rassismus, die im Buch keinen Widerspruch finden und in keinem Kontext aufgehoben werden, liegen mir schwer im Magen, da reichen Wille und Vermögen zur Distanz nicht aus. Auch wenn dieser Text mehr als 100 Jahre auf den Buckel hat und in anderen Aspekten erstaunlich modern wirkt: Aus heutiger Sicht kann ich wegen dieser Tiraden dieses Buch nicht ohne Weiteres zur Lektüre empfehlen. Und das tut mir tatsächlich sehr leid. (Ich werde allerdings weiter Georg Hermann lesen: Der »Kubinke« liegt noch da und die beide Jettchen-Romane wollen auch noch wiedergelesen werden.)

Angemerkt: Man kann den Roman allerdings auch völlig anders lesen, wie es Paul Hübscher hier in seinem Blog »litteratur.ch« tut.

7 Kommentare on "Georg Hermann: Die Nacht des Dr. Herzfeld"


  1. Hm. Auch interessant. Der “Blödsinn über Frauen“ ist zeittypisch normal. Der Naturalismus hat diesbezüglich mitunter sagenhafte Böcke geschossen. Außerdem gehört das zu dem Umfeld dazu, das kurz darauf viele an Rassentheorie glauben ließ.
    Das war eben Denkweise der Zeit, hervorgegangen aus Industrialisierungserkenntnisschub und Prüderie, die verhinderte, biologisch wirklich das andere Geschlecht zu verstehen.
    Das ist aber alles in allem echter in der Darstellung, als in heutigen historischen Romanen über 1910 und auch davor immerzu Protagonisten zu treffen, die reden und denken wie Robert Habeck und Nina Hagen.

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    1. Das war eben die Denkweise der Zeit, sagst Du. Nun, ich bin mir nicht sicher, ob man das so verallgemeinern kann, obgleich es diese Strömungen natürlich gab. Ein paar dazugehörende Namen erwähnte ich im Text. Hätte ich allerdings, da gebe ich Dir ganz Recht, gesellschaftspolitischen Aspekte von vor über 100 Jahren gemessen an unserer Zeit, dann hätte ich einen schweren Fehler gemacht. Das habe ich aber nicht. Bedenken hatte ich vielmehr, die Gedanken der Figur zu sehr mit der Meinung des Autors gleichgesetzt oder mich nicht genügend von der Figur Herzfeld distanziert zu haben. Sei’s drum, ich bin Leserin und mir waren diese theoretischen Ergüsse einfach zu viel des Guten. Aber die Fortsetzung bekommt noch Lesezeit und der Kubinke auch, keine Frage.

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    1. Oh. Klasse. Wirst Du was schreiben? Ich bin sehr gespannt. Ich bin mir meines Urteils nicht 100% sicher, vielleicht verwechsle ich da was? Allerdings würde ich es Stand heute genauso sagen.

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