Wilhelm Raabe: Der Lar

Vandenhoeck & Ruprecht 1966, 2. durchges. Auflage 1981, Bd. 17. Das Odfeld. Der Lar. (S. 221-395), als PDF bei »digi20.digitale-sammlungen.de« zum Download. Preiswerte Buchausgaben sind antiquarisch gut zu erreichen.

Den Lar sollte man nicht auslassen. Zwischen Odfeld und Stopfkuchen, zwei Riesen also im Raabschen Erzählkosmos, tummelt sich »Der Lar, eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte«. Eine Geschichte für jeden Festtag also. Raabe selbst hatte es mal nötig, sich so richtig gehen zu lassen, und so heißt das ironische Motto: »O bitte, schreiben auch Sie doch wieder mal ein Buch, in welchem sie sich kriegen!« Raabe tut das: 1889 kommt die Erzählung erst als Dreiteiler in Westermann Monatsheften, dann als Buch heraus. Es wird ein Erfolg und dann wird die Erzählung irgendwie vergessen. Zu Unrecht, wie man sehen wird. Dass das keine gewöhnliche Schmonzette geworden ist, wird uns schon beim Lesen des Vorworts klar: Paul Warnefried Kohl mit seiner Frau Rosine, geborene Müller, am Taufbecken. Mit von der Partie Kohls Jugendfreund Bogislaus Blech und der Kreisdienstarzt a. D. Schnarrwergk. Das glückliche Ende ist doch jetzt eigentlich schon erzählt? Nicht doch, es geht erst los.

Es ist kurz vor Ostern in der wachsenden Universitätsstadt und der junge Kohl ist obdachlos. Er hat das karge Erbe der Eltern versteigern müssen, um Schulden abzuzahlen. Auf der Straße trifft er auf Rosine Müller, die mit Sack und Pack in die Hanebuttenstraße 33 zieht. Ausgerechnet neben den misanthropischen, alten Tierarzt außer Dienst Schnarrwergk, der zu gleich Zeit seinen Wohnort wechselt, wird sie einziehen müssen. Kohl hilft ihr beim Umzug und hofft, so irgendwie unterzukommen. Die Klavierlehrerin Rosine Müller hatte sich mit Kohls verstorbenen Mutter gut verstanden. Aber es hilft nichts, weder Frau Müller noch sein Pate Schnarrwergk werden ihm helfen. Schließlich kommt er bei seinem Jugendfreund, dem schönen Bildnismaler Bogislaus Blech unter. Dieser nennt seinen Freund Kohl die ganze Zeit über »Puppe«. Zwei arme Existenzen, Kohl und Blech, führen fürs Erste deftige Diskussionen in einer leergeräumten Dachkammer.

Der auktoriale Erzähler, der selbst nicht mit Kommentaren zum Geschehen geizt (Raabe eben) führt uns dann fünf Jahre weiter. Rosine Müller wird bei schönstem Regenwetter und mit festem Schuhwerk mit Schnarrwergk aus der Stadt, an Baugerüsten und Baustellen (!) vorbei in die Natur gehen und damit endgültig Schnarrwergks Herz gewinnen. (Oder ist hier doch alles Kalkül?) Kohl hat, mit Schnarrwergks finanzieller Unterstützung wie sich später herausstellt, seinen Dr. phil gemacht, aber damit noch kein Einkommen gesichert. Der inzwischen etablierte Leichenphotograph Blech mit den aparten Bäuchlein gibt entscheidende Tipps. Am Ende wird Kohl ein Berichterstatter für dramatische Ereignisse in der aufstrebenden Universitätsstadt: Er verdient seinen Lebensunterhalt mit der Schilderung (unterm Strich) von Mord, Totschlag und Unfällen. Aber jetzt möchte ich doch nicht alles verraten, wir sind eh schon fast am Schluss. Wie sich das alles zusammenfinden wird, das mag man sich doch selbst erlesen. Doch eines habe ich noch gar nicht erwähnt: Wer ist eigentlich dieser Lar? Der Lar ist ein ausgestopfter Affe und Hausgott des alten Schnarrwergks. Ein Affe mit eingepflanzten Menschenaugen. Schnarrwergk erzählt noch, wie er diesen traurigen Affen lebendig vor Augen hatte, der Erzähler schildert das ausgestopfte Tier viele Jahre später, nachdem er Kohl als Kinderschreck gedient hat, von Wanzen zerfressen und reif für den Müll. Der Affe wird zur Zeit der Handlung beschrieben als ein präparierter Orang-Utan, Pavian oder Gorilla, als Hausgötze des alten Menschenhassers Schnarrwergks oder als Schutzgott. Die Forschung hat sich übrigens darauf geeinigt, dass dieses Tier wohl ein Gibbon war. Auf jeden Fall glotzt der Affe mit den fremden Augen die ganze Geschichte über auf uns Leser und Leserinnen herab. Ein wenig ungemütlich ist das schon.

Die Stimmung in dieser Erzählung ist mitunter eigenartig herb, hat irgendetwas Unheimliches an sich. Erstaunlich wenig von Gefühl ist die Rede für eine solche Happy-End-Geschichte, dafür viel von den Umständen und dem Drumherum der einfacheren Leute im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und es bleiben viele Fragen: Warum nennt Blech seinen Freund Kohl ständig Puppe, warum habe unsere Helden sprechende Namen, die auf Essbares weisen, Blech aber nicht? Schnarrwergk (Schnarrwerk ist eine Bezeichnung für die Zungenregister der Orgel, sagt der Duden) hatte sich in seiner Jugend mit Kohls Vater duelliert. Dabei ging es um die Frau, die später die Mutter vom jungen Kohl wurde. Schnarrwergk wurde dann der Freund der Familie (aus schlechtem Gewissen) und Pate des jungen Kohls. Nun wird Blech Hausfreund der jungen Familie Kohl. Da wiederholt sich etwas. Was meint Raabe damit? Endet diese Geschichte wirklich glücklich? Es gibt in dieser Erzählung immer wieder Hinweise auf andere Bedeutungsebenen und eine sorgfältige Lektüre ist angeraten. Ich sehe schon, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses kleine Meisterstück vom alten Raabe gelesen habe. Eine rätselhafte Geschichte, eine starke Erzählung.

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