Carson Mc Cullers: Spiegelbild im goldnen Auge

Diogenes 2011, überarbeitete Übersetzung von Richard Moering (1958), 192 S., als Hardcover, Taschenbuch oder E-Book erhältlich

Nachdem ich Carson McCullers erfolgreichstes Buch, ihren Erstling »Das Herz ist ein einsamer Jäger« mehrfach schon gelesen haben, wurde es an der Zeit, den zweiten von vier Romanen zur Hand zu nehmen: »Spiegelbild im goldenen Auge«, »Reflections in a Golden Eye« von 1941. Wir erfahren bereits auf der ersten Seiten, dass in einer Garnisonsstadt in den Südstaaten in der Regel nichts Außergewöhnliches passiert »… denn wer einmal ins Heer eingetreten ist, braucht fortan in allem nur noch seinem Vordermann nachzueifern.« Anders aber in dieser Geschichte, in der ein Mord geschehen werde, an dem zwei Offiziere, ein Soldat, zwei Frauen, ein Filipino und ein Pferd beteiligt sind. Der angekündigte Mord geschieht tatsächlich am Ende des Kurzromans in vier Teilen und wir Leser und Leserinnen folgen bis dahin  einer unheilvollen Tragödie.

Der wie ein Kammerspiel angelegte Roman handelt von zwei Offiziersfamilien, die Pendertons und Langdons. Beide Familien leben in direkter Nachbarschaft. Hauptmann Weldon Penderton ist verheiratet mit seiner schönen Frau Leonora, welche sich auf geradezu kaltblütige Art und Weise über die sexuelle Unentschlossenheit ihres Mannes lustig macht. Hauptmann Penderton toleriert nicht nur die Liebhaber seiner Frau, er begehrt sie bisweilen auch. Um seine seelischen Anspannungen zu kompensieren, bedient auch er sich mitunter sadistischer Praktiken. Kompliziert auch die Lage bei den Langdons. Alison ist sensibel, liebt die Kunst und trauert ihrem früh verlorenen Kind nach. Vertraut ist sie lediglich mit ihrem philippinischen Diener Anacleto. Ihr Mann Morris hingegen ist der Liebhaber von Leonora Penderton. Zu guter Letzt der einfache Soldat Private Williams. Er ist vollkommen gebannt von der schönen Leonora und schleicht nachts um das Haus der Pendertons. Die Handlung spielt innerhalb weniger Wochen und alles läuft auf eine Katastrophe zu.

In dem Roman wird dixieländische Art und Weise reichlich gespeißt und getrunken (genauer: Es wird ununterbrochen gesoffen). Die Atmosphäre ist geprägt von Lüge, Verzweiflung, Rachsucht – sie erinnert an die berühmten Bühnenstücke von Tennessee Williams, der ein Freund und Bewunderer Carson McCullers war. Anders als noch in »Das Herz ist einsamer Jäger« bleibt bei McCullers zweitem Roman kein Platz für Sentimentalitäten. Es liest sich hart und erbarmungslos, in einem für die Autorin typischen, fast lapidaren Tonfall. Nach ihrem Tod 1967 (McCullers war lange Zeit schwer krank) verblasste der Ruhm des einstigen Stars des »Southern Gothic« und ich erfahre, dass die Autorin erst in den 1990ern im Zuge der Gender und Queer Studies wieder ins Gespräch gekommen ist (W. Zacharasiewicz im Kindler 2009). 

Ich mag nicht verhehlen, dass ich von dieser konzentrierten Romanerzählung sehr fasziniert war. Diese Stimmung voller Anspannung und Elektrizität, die Blicke durchs Fenster, voller verzweifelter Sehnsucht. »Ich sehe einen giftig grünen Pfau, mit nur einem einzigen riesigen goldenen Auge. Und darin spiegelt sich etwas ganz Winziges und…«, so sagt es der Diener Anacleto. Das Leben mit seinem nie ausgesprochenen Sehnen und Hunger. Auf ein Happy End müssen wir verzichten. (Auf solche Literatur, dem Himmel sei Dank, nicht.)

Ich habe im Zuge der Lektüre des Buches meine altehrwürdigen Taschenbücher aus dem Diogenes Verlag gegen neuere Ausgaben ersetzt. Dieser Roman erhielt wie auch die anderen McCullers 2011 vom Verlag zwar keine Neuübersetzung, dafür aber eine umfangreiche Revidierung, was auch nötig war, wie ich bei Textvergleichen feststellen konnte. Zusätzlich enthält die aktuelle Ausgabe ein Nachwort von Tennessee Williams. Nur der Form halber: Ich empfehle dieses Buch ausdrücklich zur Lektüre.

2 Kommentare on "Carson Mc Cullers: Spiegelbild im goldnen Auge"


  1. Wieder mal ein toller Tip, liebe Lena. „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ war vor einiger Zeit meine faszinierende Abendlektüre, aber eines der weiteren Bücher von Carson McCullers fand bisher noch nicht den Weg auf meinen Nachttisch.
    Das ändert sich in Kürze, denn ich werde auf jeden Fall deiner Empfehlung folgen!
    Liebe Grüße aus der Spätsommersonne…..von Rosie.😊

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    1. Das freut mich sehr, Rosie. Dankeschön! Ja, auch Carson McCullers andere, nicht ganz so berühmten Romane und Geschichten sind unbedingt lesenswert, teilweise noch interessanter als ihr berühmter Erstling. So viele sind es ja dann leider nicht geworden. Liebe Grüsse aus Regensburg, mit ebenfalls viel Sonne!

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