Eine bedrohte Republik und Glückssuchende in Magdalena Parys‘ ›Der Prinz‹

Fangen wir ausnahmsweise mit dem Verlag an: Der noch junge Polente Verlag versteht sich, ich zitiere, als Brückenbauer zwischen Polen und dem deutschsprachigen Lesepublikum, zwischen Genre- und Hochliteratur sowie zwischen europäischem Anspruch und literarischer Präsenz. Der in diesem Jahr im Polente Verlag erschienene Thriller ›Der Prinz‹ von Magdalena Parys ist der zweite Teil einer Berlin-Trilogie und erschien zuerst 2020 mit einigem Erfolg in Polen. Die polnische Autorin selbst lebt seit 1985 in Berlin. ›Der Prinz‹ wird oft mit ›Die Akte Odessa‹ von Fredrick Forsyth assoziiert. Diesen Vergleich kann ich aber lediglich zitieren, da ich den berühmten Roman nur den Namen nach kenne.

Gelegentliche Leser und Leserinnen meines Blogs wissen, dass Thriller hier kaum besprochen werden. Ich lese dieses Genre (inzwischen) selten und habe deshalb wenige Vergleichsmöglichkeiten. Egal, reingesprungen, um was geht es hier? In einem permanent verregneten Berlin im Mai hängt im Dom die Leiche eines gekreuzigten und verstümmelten Priesters. Gleichzeitig gibt es einen Brand in einer Siedlung mit vielen Ausländern, eine Politikerfrau wird entführt und noch dies und das und irgendwie hängt das alles scheinbar zusammen. Ein Ermittlerteam bestehend aus dem fast schon pensionierten Polizeipräsidenten Tschapieski, der Journalistin Dagmara Bosch und Kommissar Kowalski finden sich nach einigem Zögern und nicht eben freiwillig zusammen. An dem Namen der Protagonisten ist spätestens auf den zweiten Blick erkennbar, das polnische Wurzeln in deren Vita vorhanden sind. An Personal ist hier noch die ziemlich toxische deutsche adlige Generalsfamilie von Hessler zu nennen: Das Oberhaupt ein religiöser Fanatiker und Faschist (was eine Mischung), der drei Söhne sein eigen nennt. Jeder von ihnen hat eine besondere Rolle in dem Roman. Schauplatz der komplexen Handlung ist in der Hauptsache Berlin, aber auch Städte in Polen kommen vor.

Mir widerstrebt es, in meinen Buchvorstellungen zu viel von der Handlung vorwegzunehmen, es sollte im Idealfall gelesen werden. Deshalb nur angerissen die Thematiken des Buches. Es geht viel um Geheimdienste, Rebellengruppen, merkwürdige geheime Funktionsträger und Schattenarmeen. Und es wird immer wieder auf reale Personen und Ereignisse des Nachkriegswestdeutschland bis hin zu aktuellen Geschehnissen in der Bundesrepublik zurückgegriffen. So spielt der Aufbau einer Geheimarmee aus Wehrmacht- und Waffen-SS-Veteranen 1949 eine gewichtige Rolle in dem Roman. Diesen Versuch, eine 40.000 Mann starke Armee ohne politische Legitimation aufzustellen, hatte es tatsächlich gegeben. Politiker von Adenauer über Gehlen, Strauß, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder bis zu Merkel werden zumindest namentlich erwähnt. Frau Merkel bekommt dann noch eine sehr spezielle Rolle. Es ist eine der Stärken des Romans, der im polnisch-sprachigen Original 2020 erschien, dass er viele heutige Probleme der gesellschaftlichen und politischen Radikalisierung dieses Landes spiegelt.

Es wird bizarr gemordet, hektisch umeinander geschossen und geprügelt in diesem Buch. Doch immer dann, wenn es mir zu wild zu werden drohte, gab es Abschnitte, die das Alltagsleben und die Glückssuche der handelnden Person des Romans (Antihelden, wenn man so will) beleuchten. Oder es wird die Familiengeschichte der von Hesslers ausgebreitet. Dieser Wechsel tut dem Buch sehr gut und macht das Buch besonders und nicht selten werden auf diese Weise zuerst rätselhafte Begebenheiten in der Handlung erklärt. Was den Aufbau betrifft: Vor den zwölf Kapiteln wird je ein Meisterwerk der Malerei, das von den Nazis geraubt oder sonst durch Kriegswirren zeitweise verschollen war oder blieb, abgebildet. Die Funktion dieser Bilder und deren meist interessante Geschichte wurde mir nicht ganz klar. Und es wird ein Bibelzitat jedem Kapiteln vorangestellt. Jedes der Kapitel ist in Tag, Monat und Uhrzeit aufgeteilt, eine Art Protokoll also, und es gibt die erwähnten Rückblenden. Der Erzähler ist auktorial.

Wie das in Thrillern meist so geht: Handlungen und Personen sind durchaus nicht frei von Unwahrscheinlichkeiten, logischen Schwächen, von Klischees und bekannten Effekten, aber sie funktionieren in dem Roman als ein Geflecht, dem aus heutiger Sicht viel Realitätsnähe zu bezeugen ist. Gut und Böse ist dabei nicht das Ding von Parys. Der Roman gibt keine einfachen Antworten, aber er ist spannend, abwechslungsreich, hat Gefühl für seine Figuren, unterhält uns im besten Sinn und zeigt auf einer zweiten Ebene, wie nahe wir uns am gesellschaftlichen Abgrund bewegen. Wer heutzutage wach durch die Welt geht, weiß dass das keine Floskel ist. Ich empfehle ›Der Prinz‹ von Magdalena Parys sehr gern.

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch auf der Webseite ›Büro für Text und Literatur‹ von Birgit Böllinger, die auf ihrer Präsenz unabhängige Verlage in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Dem Polente Verlag danke ich für das Rezensionsexemplar.

Polente Verlag 2026, 424 S., Klappenbroschur, aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz., ISBN 978-3-903634-04-6, auch als E-Book erhältlich.Die Originalausgabe erschien 2020 bei Wydawnictwo Agora, Warschau.

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