Herman Melville: Billy Budd – Die großen Erzählungen

Hanser Verlag 2009, 576 S., ISBN 978-3-446-23290-7, aus dem amerikanischen Englisch von Michael Walter und Daniel Göske.

Herman Melville brauchte nach »Moby-Dick« und »Pierre« dringend einen Erfolg, um vielleicht doch nicht im Rinnstein zu sterben. »The Piazza Tales« erschienen 1856 als Buch und enthielt fünf Kurzgeschichten, die Melville zwischen 1853 und 1855 für das New Yorker »Putnam’s Magazin« geschrieben hatte. Die »Geschichten von der Galerie« umfassen die extra als eine Art Einleitung geschriebene Erzählung »Die Galerie«, dann »Bartleby, der Lohnschreiber«, »Benito Cereno«, »Der Blitzableitermann«, »Die Encantadas« und »Der Glockenturm«. Ferner enthält der vorliegende Band aus dem Hanser Verlag die berühmte Erzählung von »Billy Budd, Matrose«. Dazu gibt es einen detaillierten Anmerkungsapparat, ein Nachwort von Daniel Göske und auch eine Zeittafel zum Leben von Herman Melville fehlt nicht.

Das Format dieser Dünndruckausgabe ist eines, das mich beim Lesen glücklich macht, so schön liegt es in der Hand. Sehr geschmackvoll auch der Buchumschlag mit Ausschnitten der Wolkenstudie von John Constable von 1822. Äußerlich stimmt hier alles. Die Geschichten selbst wurden von Michael Walter und Daniel Göske für diese Ausgabe neu übersetzt.

Die Erzählungen, die in Stil und Thematik sich deutlich voneinander unterscheiden, der Reihe nach kurz vorgestellt: Ein Mann baut sich eine Galerie, eine Art Terrasse für sein abgelegenes Haus. Er muss sich aber aus finanziellen Gründen für eine Seite entscheiden und wählt ausgerechnet die Nordseite. Von der Galerie aus in der Ferne blickend entdeckt er einen seltsamen weißen Fleck, wie ein Segel schaut dieser aus. Der Mann wandert zu dem Ort, aus dem dieses Segel zu kommen scheint und macht eine überraschende Entdeckung. Es ist eine reizende, melancholische Pointe die »Die Galerie« uns am Schluss bietet. Eine Traumerzählung über Sehnsucht und Hoffnung. Dann die neben »Billy Budd« berühmteste Geschichte: »Bartleby, der Lohnschreiber«. Für mich war das eine wiederholte Lektüre und es fiel mir sogleich auf: Aus »Ich möchte lieber nicht« ist »Es ist mir nicht genehm« geworden. So spricht der Lohnschreiber Bartleby zu seinem Chef in New York. Immer freundlich, bescheiden, aber bestimmt, unumstoßbar. Und sein Chef, der Anwalt hat nun ein Problem. Eine Geschichte, die ungeheuer modern wirkt, eine traurige Geschichte, eine, dessen Hauptfigur man nie mehr vergessen wird. Als Nächstes folgt »Benito Cereno«. Wir sind im ausgehenden 18. Jahrhundert: Kapitän Delano, ein Amerikaner, trifft auf ein seltsam heruntergekommenes Schiff. Auf diesem Schiff, das offensichtlich Hilfe benötigt, befinden sich der Kapitän Benito Cereno, seine Crew und jede Menge schwarzer Sklaven. Ein Spiel der Täuschungen beginnt, ein Thriller, allerdings im Tempo des 19. Jahrhunderts. Eile ist nicht geboten. Ein faszinierendes Gegenstück zu Harriet Beecher Stowes »Onkel Toms Hütte« und für mich eine grandiose Neuentdeckung. In der Farce »Der Blitzableitermann« geht es um einen Mann, der mit allen Mitteln seine Ware an den Mann bringen will. »Encantadas« ist eine Episodenerzählung über die Galapagosinseln, fern jeder Romantik und kein Paradies der Tiere. Bedrohlich, zischend, rau, düster, so beschreibt Melville dieses Eiland in zehn Skizzen. Zitat: »Nehmt fünfundzwanzig Schlackehaufen, …«. Bitte unbedingt die achte Skizze lesen: »Norfolk Isle und die Chola-Witwe«, ein Meisterstück auf zwanzig Seiten. Schließlich »Der Glockenturm«: Ein Baumeister scheitert tragisch am Bau eines Glockenturms. Hochmut kommt vor dem Fall, irgendetwas im Stil von Poe und die einzige Geschichte, die mich nicht überzeugen konnte.

Und dann also zum Höhepunkt des Buches: »Billy Budd, Matrose«. Wen wundert es, dass diese Erzählung für Thomas Mann zu den schönsten der Welt gehörte? Allein die Beschreibungen der Protagonisten: Melville mochte seine Matrosen und konnte sie bis in feinste Details darstellen. Psychologie und Dramatik, alles findet hier seinen Platz. Melvilles Figuren sind keine Helden, es sind Menschen. Bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, über das tragische Schicksal des schönen, ein wenig beschränkten (oder doch nicht?) Matrosen Billy Budd zum ersten Mal zu lesen. Lag das an der hervorragenden Übersetzung oder lag es an meinem gereiften Lesen?

Herman Melville variiert laufend Stilmittel, erfindet seinen Weg des Erzählens immer wieder neu, probiert aus. Zu seinem Verdruss war diese Modernität zu viel für seine Zeitgenossen. Sein Können wurde zu Lebzeiten nur von wenigen erkannt. Der berühmte Nathaniel Hawthorne war einer von ihnen, aber das hat nicht gereicht. Heute können wir uns glücklich schätzen, Herman Melville lesen zu dürfen, zum Beispiel in dieser wundervollen Ausgabe. Wer sich nicht gleich an den Moby-Dick traut, hat hier die ideale Gelegenheit, einen amerikanischen Klassiker in Bestform zu entdecken.

Allen ein gutes und gesundes neue Jahr mit viel Zuversicht!
Passt auf euch auf!

6 Kommentare on "Herman Melville: Billy Budd – Die großen Erzählungen"


  1. I’ve read „Moby Dick“ but not these other stories… Through your review, I’m anxious to take these on. Thanks, Rita

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  2. Ich kenne von den Geschichten nur den Schreiber, erinnere mich dunkel daran ihn mal im Original gelesen zu haben. Das stimmt, er hinterlässt Eindruck! Dein Bericht macht Lust auf mehr.

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  3. Wieder ein interessanter Tipp von dir, liebe Lena.
    Klasse, dass du mich immer wieder mit der Nase auf fast vergessene Klassiker stößt, die ich so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte…
    Liebe Grüße von Rosie

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    1. Vielen lieben Dank Rosie.
      Ja, Du liest die alten Sachen in neuen, besseren Übersetzungen, in ungekürzten und schönen Ausgaben und im reiferen Alter und jedesmal machen die Worte und Sätze irgendetwas anderes mit Dir. So geht es mir z. B. grad mit Stefan Zweigs und, wieder einmal, mit Thomas Manns Erzählungen. Ich freue mich sehr, dass ich Dich ab und an inspirieren kann!
      Liebe Grüße,
      Lena

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