Wilhelm Raabe: Im alten Eisen

Vandenhoeck & Ruprecht 1970, Braunschweiger Ausgabe, Band 16;
Antiquarisch gut erreichbar: Insel 1985, Werke in Einzelausgaben, Band 5, 195 S., ISBN: 3-458-32585-9;
Braunschweiger Ausgabe als PDFs: digi20.digitale-sammlungen.de

Wilhelm Raabes veröffentlichte seine Langerzählung »Im alten Eisen« 1887. Sie gehört zu seinem Spätwerk, also den guten, knappen 200er Seiter, die nie ein großer Erfolg beim breiten Publikum wurden, aber heute von großem Interesse sind oder sein könnten. Diese Romane oder langen Erzählungen, »Stopfkuchen«, »Das Odfeld«, »Die Akten des Vogelsangs« und andere sind literarisch viel zu interessant, um in Vergessenheit zu geraten. Resigniert ob des Desinteresses des deutschen Lesepublikums, dem ihr Humorist und Idylliker abhandenkam, schrieb Raabe in dieser Periode für sich und sein literarisches Konzept. Ein Glücksfall für uns heutigen Leserinnen und Leser.


Es sind vier Zeitungsartikel, die Raabe für den Stoff von »Im alten Eisen« nutzte. Zwei aus dem »Berliner Tageblatt« von 1877 handelten von zwei Kindern, einem 13-jährigen Buben und einem 5-jährigen Mädchen, welche tagelang einem Berliner Armenviertel mit ihrer toten Mutter ausharren mussten, bis sie diese beerdigen konnten. Die Nachbarn halfen den Kindern nicht, da sie gefährliche Keime in der Wohnung vermuteten. Also stellten sie lediglich Essen und Trinken vor die Tür. Der Junge musste unter anderem mit seiner Schwester die Mutter waschen und Lumpen verkaufen, um Sargnägel zu kaufen. Von Armenvorsteher bis Totengräber taten alle ihren Dienste maximal vorschriftsmäßig, meist erheblich weniger. Die beiden anderen Artikel befassen sich zum einen mit dem Fund eines Offizierssäbels aus den Befreiungskriegen 1813/14, zum anderen um den sozialen Abstieg eines Theaterdirektors ohne Talent zum Lumpensammler. Für den Autor Raabe genügend Material, um »Im alten Eisen« zu schreiben.


Die Geschichte beginnt mit der Situation der Kinder mit ihrer toten Mutter in der Wohnung. Raabe erzählt effektvoll den Horror, den die Kinder durchleben und hält sich weitestgehend an den Fakten des erwähnten Artikels. Kraft gibt den Kindern die einstigen Erzählungen der Mutter, an die sich vor allem der Junge erinnert. Den Säbel seines Großvaters aus den schleswig-holsteinischen Freiheitskämpfen gegen Dänemark 1848/49 veräußert der Bub schweren Herzens an eine Altwarenhändlerin namens Wendeline Cruse, um Geld für die Sargnägel zu erstehen. Szenenwechsel: Nachdem er seinen Jugendfreund Albin Brokenkorb besuchen wollte, trifft zufällig (um nicht zu sagen: sehr zufällig) Peter Uhusen, ehemaliger Deserteur und ehemaliger Schauspieler in einer Theatergruppe in Brooklyn auf Wendeline Cruse. Eben diese Frau Cruse war einst die angebetete Chefin dieser Theatergruppe und heute mit 60 Jahren zwar sozial abgestiegen, aber nicht ohne Haltung und Courage. Als sie nach vielen Geschichten aus besseren Tagen Uhusen den Säbel des Jungen zeigt, fällt dieser aus allen Wolken. Graviert ist der Säbel unter anderem mit dem Namen seines einstigen Besitzers: Wolfram Hegewisch. Warum das Uhusen so umhaut? Wir müssen in der Geschichte einige Jahre zurückgehen und uns nach Lübeck begeben, um das zu verstehen: Frau Senatorin Amalie Brokenkorb machte sich Sorgen um ihre Freundin Adele Hegewisch, die mit eben diesem Gravierten verheiratet war. Wolfram Hegewisch war gelinde gesagt ein unpraktischer Mensch, die Familie geriet in Not. Senator Brokenkorb beauftragte auf Wunsch seiner Gattin seinen Buchhalter Uhusen, der Familie Hegewisch unter die Arme zu greifen. Sohn des Buchhalters ist unser Peter Uhusen und das verwöhnte Senatorensöhnchen heißt Albin Brokenkorb, heute ein äußerst erfolgreicher und geachteter Gesellschaftsredner und Hofrat, der geplagt von Selbstzweifeln über sein aus zweiter Hand gelebtes Leben äußerst komfortabel in Berlin lebt. Er und Peter waren, wenn auch charakterlich vollkommen verschieden, Jugendfreunde in Lübeck. Dritte im Bunde war die Tochter der Hegewisch, Erdwine. Und nun ahnt man es: Sie ist die tote Mutter im Berliner Armenviertel. Es fehlt jetzt noch Rotkäppchen. Eine junge Prostituierte und Freundin der verarmten Erdwine Hegewisch. Sie wird im Verlauf der weiteren Handlung noch eine gewichtige Rolle spielen. Ja, das Personal dieser Erzählung hätten wir jetzt zusammen. Der weitere Verlauf wird allerdings hier nicht verraten.


Warum möchte ich diese Erzählung Leserinnen und Lesern ans Herz legen? Nun es ist die Art und Weise wie Raabe erzählt, die großes Vergnügen bereitet. Raabe ist nichts für Schnellleserinnen und -leser, man lässt sich auf eine bisweilen umständlich anmutende Erzählweise mit präsentem Erzähler ein. Ganz modern aber ist, wie der Autor hier einen gewissen Märchenton mit einer fast Sozialreportage mischt. Er entzieht sich gängigen Erzähltraditionen, erschafft eine ganz eigene Stimmung. Wer in den Genuss, die Geschichte in der Braunschweiger Ausgabe zu lesen, kommt, kann im Anhang verfolgen, wie zahlreich die Anspielungen auf Märchen und Sagen sind. Andererseits werden Phänomene Verelendung, Prostitution, Wohnungsnot oder Anonymität in der Großstadt deutlich angesprochen. Selbstreflexives Erzählen wäre auch so ein Stichwort, aber ich will nicht von Dingen erzählen, von dem ich nicht wirklich etwas verstehe. Das sei den Germanistikseminaren überlassen. Es geht mir allerdings bei meiner Beschäftigung mit Raabe immer deutlicher ein Licht auf, was Raabe-Kenner wie Giesbert Damaschke damit meinen, wenn sie davon sprechen, dass Wilhelm Raabe ein unterschätzter Autor ist.


Wer Bücher im gemäßigten Lesetempo genießen kann und nicht zwangsläufig durch die Handlung gehetzt werden will, sollte sich an Wilhelm Raabe versuchen. »Im alten Eisen« wäre zu diesem Zweck gewiss nicht die schlechteste Wahl. Zu guter Letzt: In dieser Erzählung gelingt dem Autor auch ein perfektes Ende. Also los, Raabe lesen.

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